Biberist/Solothurn

Wo früher Häftlinge sassen, entstehen 160 Wohnungen für freie Bürger

Bis 2014 betrieb der Kanton am Stadtrand von Solothurn die Strafanstalt Schöngrün. Bald ist Baustart für eine Grossüberbauung, mit der insgesamt 160 Mietwohnungen geschaffen werden sollen. Als Investor tritt der Versicherungskonzern AXA auf.

Noch steht der Stacheldrahtzaun rund um das ehemalige Gefängnisareal Schöngrün. Noch hängen die alten Stahlgitter vor den Fenstern des Gutshofes. Als letzte Zeugen verraten sie, dass der Kanton Solothurn hier beim Bürgerspital Solothurn einst ein Gefängnis betrieb. Am 10. September ist damit endgültig Schluss: Dann ist Baustart für eine Überbauung mit 160 Mietwohnungen auf dem 44'000 Quadratmeter grossen Areal. Realisiert wird sie vom Versicherungskonzern AXA.

Bereits 2011 stand Ernst Schaufelberger, der Chef der Schweizer AXA-Immobilienabteilung, hier auf dem Schöngrün-Areal. Eher zufällig: Auf einem Ausflug zeigten ihm die Badener Architekten das Gelände, auf dem sie für den Kanton eine Testplanung erarbeiteten. Schaufelberger gefielen die Lage, die Grosszügigkeit des Areals in Stadtnähe, der Blick auf den Jura und die Alpen. Er blieb mit den kantonalen Behörden in Kontakt.

Am Ende bot die AXA auch den Preis, den der Kanton forderte, mindestens 22 Millionen Franken waren es, und gewann den Bieterwettbewerb unter 26 Wettbewerbern. Weitere 65 Mio. Franken werden in die Überbauung investiert, die zwar nahe bei Solothurn, aber offiziell auf Biberister Boden liegt. Zwei Jahre lang soll die Bauzeit dauern.

Zeitlich «eine grosse Herausforderung», wie die Verantwortlichen zugeben. In den ersten zwei Monaten werden die Lastwagen mit dem Aushub durch das Quartier fahren. Danach wird der Baustellenverkehr vorbei am Restaurant Enge und über den Flurweg entlang der Autobahn von Süden her auf das Gelände geführt.

Das Badener Architekturbüro Egli Rohr Partner, das die Testplanung machte, ist auch jetzt noch mit an Bord. So ist gewährleistet, dass die Vorgaben eingehalten werden. Vorgegeben ist neben der hufeisenförmigen Form auch die Höhe der Überbauung. So können die Baufelder drei- bis fünfgeschossig überbaut werden, die maximale Bruttogeschossfläche beträgt rund 19 500 Quadratmeter. Die neue Siedlung soll im Minergie-Standard erstellt und an das Fernwärmenetz der Regio Energie angeschlossen werden. Der auf dem Areal stehende Gutshof und auch das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Strafanstalt müssen erhalten bleiben.

Nur noch Mietwohnungen

Anders als ursprünglich geplant, wird jedoch auf das Stockwerkeigentum verzichtet. Geplant sind nur Mietwohnungen. Hindernisfrei sollen sie sein und im mittleren Preisbereich liegen. «Das Ziel ist Wohnraum für alle Generationen bereitzustellen», sagt Senior Asset-Manager Christian Wenger. Ein Drittel der Wohnungen soll von der Grösse her für alleinstehende Personen sein, ein Drittel für Paare, ein Drittel für Familien.

Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach soll rund 70 Prozent des Eigenverbrauchs abdecken. In der Tiefgarage wird es Ladestationen für Elektroautos und E-Bikes geben. Die Quelle auf dem Areal, die viele Jahre durch den ehemaligen Landwirtschaftsbetrieb genutzt wurde, ist neu gefasst worden und ihr Wasser soll beispielsweise für die Bewässerung der Umgebung verwendet werden.

160 Wohnungen: Lassen sich diese auf dem Markt Solothurn rasch genug absetzen? «Wir sind gefordert», sagt Projektleiter Benjamin Bartmann. Bereits haben sich allerdings über 50 Interessenten eingetragen. Man hofft bei der AXA, dass auch die spezielle Architektur Mieter anziehen wird. Trotz der Grösse soll sich die Siedlung in die Landschaft einfügen. «Wir wollen keine Trutzburg hinstellen», sagt Bartmann weiter. Aus diesem Grund wurde der Fassadengestaltung grosse Bedeutung beigemessen.

Natürliche Materialien, vorwiegend Holz, lassen die langen Gebäude leichter erscheinen. Ideal sei die Lage. In zehn Minuten erreicht man den Bahnhof Solothurn, in einer Viertestunde das Stadtzentrum und mit wenigen Schritten auch den nahe liegenden Oberwald. Mit der Haltestelle beim Bürgerspital oder bei der «Enge» ist das Schöngrün auch an den öffentlichen Verkehr angebunden.

Lage ist idyllisch

Der Ausblick auf den Jura und das Alpenpanorama ist idyllisch. Kühe weiden am Gisihübeli. Die alte Linde auf dem Gelände ist durch einen Bretterzaun geschützt, damit sie beim Bau keine Schäden nimmt. An ihr wird dereinst jedermann auf dem bestehenden Kopfsteinpflaster vorbeilaufen können. Durch das Areal wird nach Bauende ein für alle zugänglicher Spazierweg in Richtung Gisihübeli geführt. Die Obstbäume, die heute auf dem Gelände stehen, sollen weiterhin genutzt werden, und auch der restliche Baumbestand wird soweit als möglich erhalten.

Bereits abgerissen worden ist dafür der frühere Zellentrakt. Gutshof, Scheune und Verwaltungsgebäude werden wohl öffentlich genutzt werden. «Der Gutshof soll zum Begegnungsort werden, auch für das Quartier», sagt Bartmann. Als Möglichkeiten diskutiert werden etwa ein Café oder eine Kindertagesstätte. Die AXA möchte die künftige Nutzung aber nicht diktieren, sondern nach den Bedürfnissen der künftigen Bewohner und der Nachbarschaft im Quartier ausrichten. Die AXA bleibt deshalb mit Informationsveranstaltungen und Workshops in Kontakt mit der Nachbarschaft, aber auch den Behörden in Biberist und Solothurn.

Als der Gutshof geräumt wurde, fand man alte Schwarz-Weiss-Fotografien des Gefängnisses und zwei Fässer, die zum Schnapsbrennen verwendet wurden. Sie werden dereinst neben dem nach wie vor betriebenen Untersuchungsgefängnis weiter unten vielleicht noch die einzigen Zeugen sein, dass hier einmal ein Gefängnis stand.

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