Schäden

Wo die Wildschweine wüten, wirds sauteuer

Wildschweine hinterlassen vielerorts Spuren. (Montage)

Wildschweine hinterlassen vielerorts Spuren. (Montage)

Felder, die von den Wildschweinen buchstäblich umgepflügt worden sind: Dieser Anblick treibt Landwirten Tränen in die Augen. 90 Prozent der im Kanton Solothurn von Wildtieren verursachten Schäden entfallen auf Wildschweine.

Schon auf den ersten Blick sieht man die komisch anmutenden, braunen Flecken, die sich vom Waldrand her über das Feld ziehen. Nicht so schlimm – eben ein Feld mit unbewachsenen Stellen, was im Winter keine Seltenheit darstellt. Nach der Erklärung des Bauern wird jedoch klar, warum er sich über die braunen Flecken so erzürnt. An diesen Stellen haben Wildschweine sein Feld buchstäblich umgegraben.

Auf der Suche nach Futter verlassen die Paarhufer meist im Winter den Wald und graben auf Kulturland nach Wurzeln, Würmern, Mäusen und Larven. Um an Nahrung zu gelangen, reissen sie die Böden auf und pflügen die Erde um, holen Steine an die Oberfläche und häufen Hügel an auf den Feldern. Der durch Wild verursachte Schaden beläuft sich jährlich auf durchschnittlich 155'000 Franken im Kanton Solothurn. 90 Prozent davon werden durch Wildschweine verursacht.

Bauern sind gefordert

Per Anfang Januar 2018 trat die Revision des Jagdgesetzes des Kantons Solothurn in Kraft und wird nun schrittweise eingeführt. Ein wichtiger Posten im überarbeiteten Gesetzeswerk sind die durch Wildtiere verursachten Schäden an Acker- und Weideflächen sowie deren Vergütung durch den Kanton. Bauern in stark betroffenen Gebieten müssen – bedingt durch die Revision – ihre Kartoffeln, Mais und Getreidekulturen, die weniger als 50 Meter vom Waldrand entfernt liegen, schützen, um Entschädigungen zu erhalten. Als einzige Lösung bleibt ihnen das Umzäunen der Kulturen, da keine anderen effektiven Massnahmen zur Abschreckung bekannt sind.

Das Einzäunen, das für die Bauern einen gehörigen Mehraufwand darstellt, bringt in der Praxis nur wenig. Die Landwirte sind gezwungen, die gegen die Wildschweine aufgestellten Kuhdrähte nah am Boden zu spannen, da die Tiere sonst untendurch schlüpfen könnten. Wenn an den Rändern der Felder hohe Gräser wachsen, berühren sie die tiefliegenden Drähte und erden die unter elektrischer Spannung stehenden Zäune.

So werden die Schutzmassnahmen ohne aufwendigen Unterhalt wirkungslos. Edgar Kupper, politischer Berater beim Bauernverband und selber Landwirt in Laupersdorf: «Wenn die bis zu 80 Kilogramm schweren Wildschweine aus dem Wald kommen, rennen sie nicht selten die aufgestellten Kuhdrähte um. In der Folge ist es für sie ein Leichtes, auf die Felder zu gelangen und sie umzugraben. Ausserdem müssen wir die Drähte sowieso mehrere Male pro Jahr auf -und wieder abbauen, was sehr arbeitsintensiv ist.»

Ganze Reihe von Problemen

Das auf den ersten Blick «kleine» Problem der umgegrabenen Erde wird bei genauerer Betrachtung zu einer Kette von Unannehmlichkeiten für die Bauern: Wo Wildschweine Löcher in die Erde gerissen haben, wächst in der gleichen Erntesaison nichts mehr. Nachsäen macht keinen Sinn, da das später gepflanzte Getreide zur Erntezeit nicht den nötigen Reifegrad hätte und nichts einbringen würde. Bei Getreide wie Dinkel, bei dem die Sämlinge bereits im Winter spriessen, wirken die Schäden bis im Sommer besonders nach.

Das zweite Problem sind die durch die Wildschweine verursachten Erdhügel auf den Feldern und Wiesen. Die nah am Boden arbeitenden Messer der Drescher schneiden während der Ernte in diese Hügel, befördern Erde und Steine ins geerntete Getreide oder ins Futtergras der Kühe und beschädigen auch die Landwirtschaftsmaschinen.

Ist das Getreide einmal gewachsen, kommt das dritte Problem zum Tragen: Die Wildschweine wälzen die mannshohen Getreidepflanzen zu Boden und schlagen sich an den proteinreichen Ähren den Bauch voll.

Der Kanton und die Jagdvereine entschädigen zwar die Ausfälle der Landwirte, doch trotzdem sind die Landschäden für Bauern mühsam. Edgar Kupper: «Wir Bauern wollen nicht Entschädigungen einstreichen, wir wollen Lebensmittel verkaufen. Wenn uns die Wildschweine unsere ganze Arbeit kaputtmachen, ist das schlichtweg frustrierend.»

Verzwickte Situation

Die einfache Lösung des Problems wäre die vermehrte Bejagung von Wildschweinen, denn auch den Jagdvereinen machen die Wildtierschäden zu schaffen. Laut Gesetz sind sie dazu verpflichtet, die Schäden durch die Reduzierung der Wildtierpopulation auf einem erträglichen Mass zu halten und 35 Prozent der durch Wildtiere verursachten Schäden in ihrem Jagdrevier zu tragen. Den restlichen Teil von 65 Prozent übernimmt der Kanton.

Da Wildschweine aber nachtaktiv sind, ist es für die oftmals nebenberuflichen Jäger nicht einfach, nebst Job und Familie ganze Nächte lang Jagd auf Wildschweine zu machen. Mit der Revision des Jagdgesetzes bekommt der Kanton die Möglichkeit, jagdberechtigte Drittpersonen in ungenügend bejagten Revieren einzusetzen. Das Zulassen von Jägern anderer Reviere ist aber nicht im Sinne der Jagdvereine. Sie bezahlen aus den Gewinnen der erlegten Wildtiere ihren Zins an den Kanton für das gepachtete Jagdrevier. Fremde Jäger schmälern also direkt ihren Ertrag.

Das Jagdrevier, das in den letzten Jahren die meisten Schäden zu beklagen hatte, war das Revier Lostorf. In den letzten drei Jahren musste die dort ansässige Jagdgesellschaft fast 36'000 Franken an Schäden vergüten.

Da die Jagdgesellschaften im Kanton an ihre finanziellen Grenzen gestossen sind, wurde der Entschädigungssatz mit der Gesetzesrevision bereits von 50 Prozent auf 35 Prozent gesenkt. Zur Entschärfung der Situation wird nun eine Jagdkommission eingesetzt, die den Regierungsrat beraten wird. Wer darin Einsitz nehmen kann, steht noch offen.

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