Zum Abschied beschied mir meine finnische Freundin Eija, unser Besuch sei das Highlight des Sommers gewesen. Soviel geredet hätte sie schon lange nicht mehr. Seit unserer Jugendzeit sind Eija und ich Brieffreundinnen. Der Kontakt wurde Mitte der 80er-Jahre durch die Organisation «International Penfriends» vermittelt. Sie existiert noch heute, wie mir der Blick ins Internet verrät. Unsere inzwischen zu Teenagern und jungen Erwachsenen herangereiften Kinder staunen Bauklötze, als wir ihnen erzählen, dass Eija und ich uns seit über dreissig Jahren mehrmals pro Jahr Briefe aus Papier, von Hand geschrieben und jeweils mit Sondermarken frankiert, zuschicken. Und das, obschon wir unsere E-Mail - Adressen vor Jahren getauscht hatten. Erst einmal haben wir uns getroffen. In der Schweiz. Das war vor fünfundzwanzig Jahren. In Zeiten von Facetime, Skype, Whatsapp, Facebook und Billigflügen klingt das, zugegebenermassen, steinzeitlich! Die Kids kichern und schütteln ungläubig den Kopf. Aber sie akzeptieren, dass diese behäbige, altmodische Art zu kommunizieren ihre Mütter offenbar beglückt.

Leben und Leben lassen, jeder nach seiner Façon, das scheint das Motto der Finnen, der offiziell glücklichsten Menschen der Welt, zu sein. Wir haben während unseres Aufenthalts aber keine Ausgeburten an Fröhlichkeit erlebt, keine offensichtliche Beschwingtheit, wenig Gelächter, kein bierseliges Gegröle, keine jubelnden und tanzenden Menschen, auch keine Dauergrinser. Noch nicht einmal strahlende Gesichter sind uns sonderlich aufgefallen. «Glücklich» scheint mir denn auch nicht der passende Ausdruck zu sein, mit dem ich die Menschen in Finnland umschreiben würde. Vielmehr ist es eine tiefe Zufriedenheit mit sich und der Welt sowie ein gewisses Grundvertrauen. Die sozialen Unterschiede scheinen mir geringer als bei uns. Was der Andere hat oder nicht hat, interessiert kaum. Kein Konkurrenzdenken, kein Wettbewerb, kein Gerangel wer der Beste, Erfolgreichste, Schönste und Klügste ist. Man lebt bescheiden und hat doch alles. Man klagt nicht über die hohen Steuern von 30 Prozent, sondern ist froh um die Sicherhei, die damit geschaffen wird – für alle! Jeder hat Zugang zu höchster Bildung und Gesundheitsangeboten. Die soziale Gleichheit gewichten die Finnen stark, ebenso die Freiheit, das Leben selbstbestimmt zu führen. Ob sie denn in der Schule keine Probleme hätten mit muslimischen Mädchen, die Kopftuch tragen oder nicht zum Schwimmunterricht kämen, frage ich Eija. Die langjährige Primarlehrerin schaut mich irritiert an, als hätte ich gerade in der Sprache eines Ausserirdischen gesprochen. Als ich ihr die giftigen Kontroversen in der Schweiz darlege, die diese Themen immer wieder entfachen, zuckt sie nur gleichmütig die Schultern und meint. «Natürlich tragen manche Mädchen ein Kopftuch, aber das ist doch kein Problem. Und natürlich besuchen nicht alle den Schwimmunterricht, aber es gibt auch Kinder, die aus anderen Gründen als religiösen, nicht schwimmen wollten. Das ist doch völlig in Ordnung.»

Ich stellte in den kommenden Tagen noch geschätzte zwei Millionen Fragen, weil ich herausfinden möchte, wie Alltag, Gesellschaft, Politik und Religion in Finnland funktionieren und eingeschätzt werden, was ähnlich in der Schweiz ist und was anders.

Mein Fazit: Vieles ist sehr ähnlich, und wir haben allen Grund zufrieden zu sein. Aber gleichzeitig sollten wir uns nicht nur um unsere persönliche Zufriedenheit, sondern vermehrt auch um die unserer Mitmenschen kümmern. Denn, das wirklich grosse Problem in Finnland heisst Einsamkeit. Nicht jene, die man in der Einkehr in stiller Natur sucht und auch findet, sondern die ungewollte, soziale Isolation, welche Menschen jeden Alters trifft. Wir Schweizer sind den Finnen in Vielem ähnlich, auch in dieser Hinsicht.