Gar keine Frage: «Das ist ein Problem», sagt Barbara Maienfisch. Die Präsidentin der FDP Frauen Solothurn ist nicht glücklich über den Frauenanteil auf den zwei Nationalratslisten der FDP.

Denn im Jahr 49 nach Einführung des Frauenstimmrechts erreicht die mächtigste Partei des Kantons gerade einmal einen Frauenanteil von 16,7 Prozent auf ihren Kandidatenlisten. Von den zwölf Plätzen sind lediglich zwei mit einer Frau besetzt. Und Nachwuchs scheint nicht in Sicht: Die Jungfreisinnigen haben eine Frau nominiert – nebst elf Männern. Der Frauenanteil hier: 8,3 Prozent. Damit liegt die FDP hinter der SVP, die seit Jahren Mühe bekundet, Frauen auf ihre Listen zu bringen.

«Es sollten mehr Frauen auf den Listen sein», sagt Maienfisch. Sie stellt aber auch gleich klar: «Es gibt kein Frauenproblem in der Solothurner FDP. Frauen sind hier höchst willkommen.» Man habe auch intensiv nach Frauen gesucht und mehrere Gespräche geführt. Schliesslich habe die FDP eigentlich ein Kandidatinnenreservoir wie keine andere Partei es hätte: Die Freisinnigen haben deutlich mehr Gemeindepräsidentinnen in ihren Reihen als die Konkurrenz. Maienfisch musste jedoch feststellen: Frauen überlegen sich offenbar besonders gut, ob sie neben Arbeit und Familie auch noch für ein zeitraubendes Mandat kandidieren wollen. «Männer muss man dagegen nicht lange bitten.» Nun sind einzig die Kantonsrätinnen Karin Büttler und Johanna Bartholdi auf der Liste.

Ist SP-Roth die letzte Frauenhoffnung für Bern?

So oder so sieht die Lage für eine Solothurner Frauenvertretung in Bern schlecht aus: Nach dem 20. Oktober dürfte Solothurn – erstmals nach 1987 – zu den Kantonen gehören, die keine Frauen mehr nach Bern schicken. Denn einerseits tritt SP-Nationalrätin Bea Heim – derzeit die einzige Solothurnerin in Bern – ab. Auf «ihrer» SP-Liste sind jetzt vor allem Männer in der Poleposition, um den Sitz zu erben, etwa alt Regierungsrat Peter Gomm, der seine politische Karriere noch nicht abschliessen will.

Und andererseits wollen alle derzeit amtierenden Männer, von Kurt Fluri über Walter Wobmann bis zu Philipp Hadorn, in Bern bleiben. Damit wird, Abwahlen ausgenommen, kein Platz frei. Chancen für Frauen ergeben sich etwa, wenn die Grünen zulegen und einen Sitz holen würden. Wirklich im Bereich des Möglichen scheint eine Frauenwahl derzeit nur bei der SP zu sein. Dort lag Kantonalpräsidentin Franziska Roth 2011 und 2015 nur ganz wenige Stimmen hinter Philipp Hadorn. Sowohl Roth selbst, als auch Hadorn, sind sich bewusst, dass die Frauenfrage das Rennen zwischen ihnen dieses Mal entscheiden könnte. «Wir kämpfen, damit wir eine Frau hineinbringen», sagt Franziska Roth. Sie höre an der Basis immer wieder: «Wir möchten eine Frau.» Auch Philipp Hadorn sagt: «Ich würde es begrüssen, wenn auch künftig eine Solothurner Frau in Bern wäre.» Hadorn sagt aber auch: «Ich habe Spass an meiner Arbeit und möchte weitermachen.»

Immerhin sieht es für Frauen – zumindest im Schatten der bisherigen Amtsinhaber – nicht überall so düster aus wie bei der FDP. Bei der CVP etwa könnten auch Frauen in die Kränze der ersten Ersatzplätze hinter Stefan Müller-Altermatt kommen. Denn die CVP besetzt – erstmals – exakt die Hälfte ihrer Listenplätze mit Frauen. Rechnet man noch die Junge CVP dazu, hat die Partei gar mehr Frauen als Männer am Start. «Es hat sich so ergeben», sagt Parteipräsidentin Sandra Kolly. Als Zufallsergebnis will sie das Resultat trotzdem nicht verstanden wissen. Zwar gebe es in der CVP keine Frauengruppen. «Wir schauen aber, dass wir Frauen in entsprechende Positionen hieven», so Kolly. Derzeit werden etwa sowohl die Finanz- als auch die Gesundheitskommission im Kantonsrat von CVP-Frauen präsidiert. «Die Frauen müssten aber auch wollen», so Kolly «Man kann es nicht erzwingen.» Die Parteipräsidentin hat beobachtet, dass sich das Rollenbild gewandelt hat. «Es ist heute selbstverständlich, für junge Frauen zu kandidieren. Wir haben heute auch weniger Mühe, Frauen zu motivieren als vor ein paar Jahren.»

«Das ist kein Zufall. Wir fördern die Frauen»

Auch die SP hat einen Frauenanteil von 50 Prozent auf ihren Stammlisten, die Junge SP Region Olten tritt gar mit 100 Prozent Frauenanteil an. «Es ist kein Zufall. Wir fördern Frauen», sagt Parteipräsidentin Roth. «Frauen in der SP sind in informelle Entscheidungsstrukturen gleich eingebunden wie Männer. Das ist für eine erfolgreiche politische Karriere von zentraler Bedeutung.»

Für die FDP ist ihr Frauenanteil noch aus einem weiteren Grund bitter: Sie hat einen progressiven Ruf zu verlieren, denn sie war es, die einst mit Cornelia Füeg (nicht immer ganz freiwillig) Geschichte schrieb: Die erste Solothurner Kantons-, National- und Regierungsrätin war eine Liberale durch und durch. Und 30 Jahre lang, bis 2017, war die FDP die einzige Partei im Kanton, die überhaupt eine Regierungsrätin stellte. Doch inzwischen scheint die FDP in der Frauenfrage links überholt worden zu sein.

Dabei hatten noch bei den Nationalratswahlen 2015 mit Anita Panzer und Marianne Meister FDP-Frauen – hinter Kurt Fluri – die ersten Plätze belegt. Doch sowohl Meister als auch Panzer haben der Kantonspolitik inzwischen den Rücken gekehrt. «Ich bedaure, dass wir nicht mehr Frauen haben», sagt FDP-Kantonalpräsident Stefan Nünlist. Ein strukturelles Problem sieht er aber nicht. «Es ist eher ein Zufall, dass die Frauenauswahl bei diesen Wahlen nicht gross ist.» Seine Partei stelle schliesslich nicht nur eine «hervorragende Bundesrätin» und nationale eine Parteipräsidentin. Im Kanton sei die FDP mit starken Frauen wie Kantonsratspräsidentin Verena Meyer, mit Gemeindepräsidentinnen oder vor vier Jahren mit Marianne Meister als Ständeratskandidatin präsent.

Auch Philipp Eng, Präsident der Jungfreisinnigen, hätte gerne mehr Frauen auf die Listen der Jungliberalen genommen, – wenn sich denn Frauen gemeldet hätten. Wichtig sei ihm, motivierte Kandidierende zu haben. Frauen zu einer Kandidatur zu überreden und dafür engagierte Kandidaten zu verdrängen, wäre aus Engs Sicht kontraproduktiv gewesen.

Dass die Linke mehr Erfolg hat bei jungen Frauen, dessen ist sich Eng bewusst. Die bürgerliche Politik spreche möglicherweise eher junge Männer an, sagt er. «Es gibt Themen, die Frauen zwischen 20 und 35 stärker interessieren als Männer.» Diese wolle man künftig ansprechen.