Post aus Berlin
Wo alles seinen Preis und nichts seinen Wert hat

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Der Grillwalker bietet auf dem «Alex» Wurst und Semmel für 1,50 Euro an.

Der Grillwalker bietet auf dem «Alex» Wurst und Semmel für 1,50 Euro an.

Lucien Flury

Sie stehen täglich am Alexanderplatz. Männer in roten Kleidern. Über ihren Köpfen prangt ein grosser Schirm. An ihrem Rücken hängt eine Gasflasche, vor dem Bauch ein tragbarer Grill, auf dem Würste brutzeln.

Die – meist jungen, oft osteuropäischen – Grillarbeiter grillieren, kassieren ein, schmieren Senf auf die Wurst. Sie tragen gut zehn Kilogramm am Bauch und zwei am Rücken. Stundenlang.

Ihr Snack kostet am Ende gerade einmal 1,50 Euro. Inklusive Semmel. Die Thüringer Röstbratwurst schmeckt. Doch darf man es sich leisten, eine Wurst zu kaufen, die gerade einmal 1,50 kostet? Ich frage mich das oft hier.

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Das Leben in Deutschland ist günstiger, von der Zahnpasta bis zum Fleisch. Einkaufstouristen wissen das. Aber es gibt daneben noch die Billigketten.

Die Grillmänner am Alexanderplatz stehen vor dem Primark. Das ist der Kleiderladen, der ständig voll ist. H & M ist im Vergleich schon richtig teuer. Das T-Shirt (es unterscheidet sich modisch überhaupt nicht, qualitativ weiss ich es nicht) kostet 2,50 Euro.

Da sind Herstellung, Transport, Verkauf, Marketing, Miete, Personal inbegriffen. Immerhin: Der Besuch im Primark muss einem trotzdem fast «wertloser» Kleidung etwas wert sein. Junge Leute, Touristen, Schnäppchenjäger, Frauen in Kopftüchern kämpfen zu Stosszeiten um jeden Zentimeter. Das Gewusel muss man aushalten.

Der 1-Euro-Shop

Es gibt in meiner Strasse den 1-Euro-Shop. Der Name ist bei dieser Kette mit über 250 Läden in Deutschland Programm: Alles kostet 1 Euro. Alles, wirklich alles. Es gibt DVDs, es gibt Küchenutensilien, Getränke, Zigarren, Messer, Duschgels, Kinderspielzeug.

Man kann sich einen ganzen Haushalt zusammenkaufen. Aber was ist die 1-Euro-Ware wert, wenn sie keinen Wert mehr hat? Ich habe vor zehn Wochen ein Brotmesser gekauft (empfehlenswert) und einen Schnitzer (inzwischen hat er die Schneidekraft eines Löffels). Was verdient die Verkäuferin?

«Grillwalker ist Geldmaschine»

Es gibt einen Mindestlohn in Deutschland, der für Verkäuferinnen über 8 Euro liegt. Es gibt aber auch Teilzeit-Minijobber für 450 Euro im Monat. Und es gibt daneben auch viele (Schein-)Selbstständige. Einer, der tragbare Grills anbietet, wirbt auf seiner Homepage mit dem «Existenzgründungspaket».

Bis zu 4000 Euro Monatsverdienst versprechen die Betreiber all denen, die sich selbstständig machen (bei 400 verkauften Würsten am Tag). 4500 Euro kostet der Grill (inklusive Hochleistungsbrennerschleife, die «eine optimale Wärmeentwicklung gewährleistet»). «Rentabilität ist unsere Stärke» steht auf der Homepage. «Der Grillwalker ist eine Geldmaschine.»

Na ja, es stehen immer andere Männer da. Beziehen müssen die Selbstständigen Würste und Senf natürlich am vorgeschriebenen Ort. Mindestabnahmemenge 127,5 Kilogramm die Woche. Stehen dürfen sie nicht überall, um Konkurrenz zu vermeiden.

Was bleibt übrig nach stundenlangem Stehen? 1,10 Euro soll alles zusammen kosten, der Rest dem Verkäufer bleiben – versprechen die Betreiber. Kann man davon leben?

Ich weiss nicht, ob die Currywurst, die um die Ecke für 2,50 Euro angeboten wird, wirklich teurer war oder ob der Verkäufer mehr verdient. Ich weiss nicht, ob die teureren Kleider nicht am selben Ort produziert wurden wie diejenigen bei Primark.

Also wollte ich fragen. Ich ging zum Grilleur, um zu erfahren, ob der Mann selbstständig ist oder zum Mindestlohn angestellt, ob die günstige Wurst dank der Zahl verkaufter Würste doch rentiert und sich davon gut leben lässt.

«Selbstständig», sagte mir der junge Mann und schaute auf den Grill runter. Er drehte verlegen die Bratwurst: «Es läuft ganz gut», sagte er. Dann schaute er mich an, als ob ich mitten im Berliner Sommer Wollpullover, Mütze und Filzpantoffeln tragen würde. Nachfragen gehört nicht zum Geschäftsmodell. Und Konsumenten tun das wohl (zu) selten.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier regelmässig von seinen Eindrücken.