Was ist das Rezept, um 100 Jahre alt zu werden? Staatsschreiber Andreas Eng könnte da eine Ahnung haben. Denn kein anderer Solothurner hat so viele 100-Jährige kennen gelernt wie er: Wann immer ein Einwohner oder eine Einwohnerin 100 wird, kommen nämlich der Landammann und der Staatsschreiber, begleitet vom Standesweibel im Ornat, persönlich vorbei, um zu gratulieren. Alleine dieses Jahr stehen 28 Besuche bei 100-Jährigen im Terminkalender des Landammanns.

Der Besuch ist selbst schon eine alte Tradition. Im Oktober schreibt die Staatskanzlei jeweils alle Gemeinden an und bittet, die Geburtstage der 100-Jährigen mitzuteilen. Zwischen 25 und 30 Termine kommen da zusammen. Rund sechs Wochen bevor ein «Hundertster» ansteht, meldet sich Monika Häberli von der Staatskanzlei bei den Angehörigen, der Heimleitung oder den Geburtstagskindern selbst. Häberli muss im Gespräch herausfinden, ob ein Besuch erwünscht oder überhaupt möglich ist.

Abgelehnt wird der Besuch, ausser aus gesundheitlichen Gründen, eigentlich nie, erzählt Andreas Eng. Der Besuch des Landammanns wird als Ehre empfunden. Geburtstag feiert schliesslich eine Generation, die aufwuchs, als Lehrer, Pfarrer und Politiker noch eine ganz andere Autorität und Ansehen genossen. «Es gibt Leute, die noch nie mit einem Regierungsrat in Berührung gekommen sind», erzählt Andreas Eng.

Ist ein Besuchstermin gefunden, wird dieser noch mit den Gemeindevertretern koordiniert. Samstags und sonntags kommt die Regierung nicht, dann wird der Besuch verschoben. Schliesslich wird in der Regel auch die Zeitung informiert, damit auch dort die Jubilare mit einem Foto und einem kurzen Text geehrt werden.

Was ist denn nun das Geheimnis, 100 Jahre alt zu werden? Natürlich gehört diese Frage zum Standardrepertoire, wenn die Regierung auftaucht. Staatsschreiber Andreas Eng sind bisher zwei Merkmale aufgefallen, die viele 100-Jährige gemein haben. Zum einen die Gene: «Viele Jubilare haben Geschwister, die auch sehr alt geworden sind.»

Noch ein zweites Merkmal hat Eng festgestellt, auch wenn er einräumt, dass dies subjektiv ist: Viele 100-Jährige stammen aus dem bäuerlichen Milieu und haben viel gearbeitet. «Viele haben die Partner früh verloren und mussten die Familie durchbringen.» Vielleicht, so Eng, habe ihnen dies Lebenskraft und Durchhaltewillen gegeben. «Der Sozialstaat war nicht ausgebaut. Wir haben schon einiges vernommen, das heute nicht mehr vorstellbar ist.»

Ein Stuhl oder 50 Gramm Gold

«100 ist für viele ein Ziel», hat Eng ebenso beobachtet. Wer 99 ist, will die dreistellige Geburststagszahl noch erreichen. Die Statistik zeigt: Das ist nicht ganz einfach. Denn in diesem Altersbereich nimmt die Zahl der Jubilare jährlich ab. 2015 – aus diesem Jahr stammen die aktuellsten verfügbaren Zahlen – gab es etwa nur 17'100-Jährige im Kanton; dagegen aber 183 95-Jährige (57 Männer und 126 Frauen). Trotzdem: «In den vergangenen Jahren hat es dem Gefühl nach mehr Leute, die ‹gut zwäg› sind», so Eng.

Mit leeren Händen kommt die Regierung nicht. Neben dem obligaten Blumenstrauss können die Jubilare zwischen 50 Gramm Gold oder einem bequemen Sessel wählen. Letzterer wird in Solothurn in Handarbeit hergestellt, mit edlem Tuch aus einer Zürcher Weberei. Meist wählen die Jubilarinnen – Frauen schwingen zahlenmässig obenaus – das Gold. Oft hätten die Leute genug Möbel oder keinen Platz in den Altersheimen, so Eng.

Wenn eine neue Legislatur beginnt, stellt der Staatsschreiber jeweils die Frage, ob die Tradition beibehalten werden soll. Bisher war dies immer der Fall. «Fast alle kleinen und mittleren Kantone pflegen die Tradition noch. In grösseren wie Zürich ist es nicht möglich, dass die Regierung alle 100-Jährigen besucht», so Eng.

Vor Sparmassnahmen gefeit war die Tradition dagegen nicht: Früher feierte die Regierung den 99. Geburtstag, quasi den Eintritt ins 100. Lebensjahr. Das änderte Mitte der 90er-Jahre. Und als die Goldpreise stiegen, wurde das Geschenk von 100 auf 50 Gramm Gold reduziert – damit Stuhl und Gold nach wie vor etwa den gleichen Wert haben.

Erste Politikerinnen verwirrten

Die Regierung will nicht einfach nur gratulieren, sie nimmt sich Zeit für ein Gespräch: Zwischen einer halben und zwei Stunden bleibt der Landammann. Je nach Zeitplan des Landammanns. Dabei haben sich schon einige Anekdoten ergeben. Ein rüstiger Jubilar hat schon selbst die Türe geöffnet und wurden beinahe für den Sohn gehalten.

Eng kann sich noch an die rüstige Rentnerin – «ein Wirbelwind» – erinnern, die erst mit 99,5 Jahren den Fahrausweis abgegeben hatte. Einem Geburtstagskind hätte es dagegen schon gereicht, wenn nur der Weibel gekommen wäre: Er ist mit dem weiss-roten Gewand zweifellos die Attraktion.

Zu reden gegeben haben offenbar die ersten Regierungsrätinnen, die als Frau Landammann zum Gratulationsbesuch gekommen sind – zu 100-Jährigen, die notabene noch im vorletzten Jahrhundert geboren wurden. Die erste Regierungsrätin, Cornelia Füeg, soll gefragt worden sein, ob ihr Mann denn nicht Zeit habe, dass sie komme. Und Ruth Gisi soll gefragt worden sein, «Wer sind Sie, Fräulein?». «Heute ist das keine Frage mehr», sagt Eng.

Am Freitag stand der Dienstwagen der Solothurner Regierung wieder vor dem Rathaus: Pünktlich um 10 stiegen der Landammann, der Staatsschreiber, der Standesweibel im Ornat und der Staatschauffeur in den schwarzen Audi. Kurze Zeit später hielt das Auto bei Bertha von Felten-Glur in Erlinsbach.