Natürlich kann man mit Peter Bichsel über Heimat reden. Vielleicht muss man mit ihm einfach über Heimat reden, in Olten, der Stadt seiner Jugend. Der Schriftsteller hat sich ein Leben lang an der Schweiz abgearbeitet, keiner hat mehr darüber geschrieben: über seine Schweiz und «Des Schweizers Schweiz».

Trotzdem wehrt sich Bichsel, 81, heftig dagegen, als Schweizer Autor zu gelten. «Heimat?», stöhnt er leise ins Mikrofon, als er nach seinem Heimatbegriff gefragt wird. «Ich kann damit nichts anfangen.» Schliesslich wisse er ja nicht einmal, ob er mehr Raucher oder mehr Schweizer sei.

Die SP-Regierungsratskandidatin Susanne Schaffner und ihre Partei haben zum Gespräch geladen. Wo kommen wir her? Wo gehören wir hin? Und wo muss sich eigentlich die Sozialdemokratie beheimaten? Diese Fragen soll Bichsel in der Oltner Vario-Bar beantworten und mit ihm ein anderes Schwergewicht der Linken: Tim Guldimann, 66, Zürcher SP-Nationalrat mit Wohnsitz Berlin und früherer Spitzendiplomat.

Der Ärger als Heimat

Wenn der bekennende Sozialist auf den realpolitisch orientierten Sozialliberalen trifft, dann geht das nicht ohne Widersprüche. Allein schon deshalb, weil es Bichsel ja eigentlich müssig findet, über den Begriff «Heimat» zu reden. Zwar sei er in Olten aufgewachsen und wohne heute in Bellach, zwar lebe er ebenso im Solothurnischen wie in der Schweiz. Aber seine Heimat sei weder das eine noch das andere, sagt Bichsel. «Mir ist es am wohlsten, wenn ich mich fremd fühle.»

Lieber denkt der Autor darüber nach, warum es Menschen aus ihrem Ort anderswo hintreibt. Wenn er in der vermeintlichen Fremde sei, dann müsse er sich nie ärgern, wenn er für sein Brot zu viel Geld bezahle. «Schliesslich weiss ich nicht, wie viel die Dinge dort kosten.» Also komme er doch nicht um einen Heimatbegriff herum, folgert Moderatorin Schaffner und Bichsel komprimiert: «Heimat ist dort, wo du deinen Ärger hast.»

Das verbotene Wort

Das Fremde als Schmiermittel, um sich der eigenen Heimat anzunähern? Zumindest bei dieser Frage sind sich Peter Bichsel und Tim Guldimann vorsichtig einig. Guldimann sagt, seine Identität als Schweizer sei durch seine Jahre im Ausland geprägt und gestärkt worden. Der Politikwissenschaftler stand während dreier Jahrzehnte im diplomatischen Dienst, er leitete die internationale Mission im Kosovo und war zuletzt Schweizer Botschafter in Deutschland.

Wer die Interessen der Eidgenossenschaft im Ausland vertritt, der kommt kaum darum herum, sich seiner Heimat zu vergewissern. Bichsels Absagen mag Guldimann denn auch nicht zustimmen, im Gegenteil: «Die Linke hat den Heimatbegriff zu lange der SVP überlassen.» Vor Jahren hätte sich ein Sozialdemokrat wohl eher die Zunge abgebissen, als das Wort «Heimat» in den Mund zu nehmen. Der Begriff galt als gefährlich, kontaminiert von Patriotismus und Nationalstolz.

Diese Haltung sei falsch, findet Guldimann, erst recht nach dem Ja zur Einwanderungsinitiative der SVP. Das Resultat könne man nicht einfach als Rechtspopulismus abtun. Es spiele auch keine Rolle, ob eine Abstimmung vor allem Ängste widerspiegelt. «Viele haben das zum Ausdruck gebracht, was ich als Heimatverlust bezeichne.» Der Nationalrat spricht von den Folgen der Einwanderung, der Sorge vor dem sozialen Abstieg. «Unsere Politik hat darauf nicht reagiert», sagt er.

Eigene Lösungen und die Suche nach einem neuen Konsens sind für Guldimann das eine. Dass der Heimatbegriff von den Rechten gepachtet worden ist, müsse man andererseits rasch korrigieren. Jeder habe das Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein. «Heimat schafft man gemeinsam.»

Die SVP bei den Lölis

Das ist für Peter Bichsel eine Steilvorlage, um über die SP zu reden. Als Berater von Bundesrat Willi Ritschard gehörte er zu den Vordenkern der Partei. Nun stellt er ihre Existenz infrage, wenn er sagt: «Es gab eine Partei, die sich SP nannte.» Bichsel kritisiert, die Partei finde heute nur noch in Bundesbern statt. Nicht mehr in den Sektionen und bei den Menschen. Das gelte im Übrigen für alle Parteien, ausgenommen die SVP. «Wenn irgendwo drei Lölis eine SVP gründen, dann kommt der Parteipräsident und hält einen mehrstündigen Vortrag.»

Tim Guldimann bleibt der sanfte Hinweis, dass die SP nach dem Rechtsrutsch in den USA jüngst wieder einen Mitgliederzuwachs verzeichnet hat. Dass die klassischen Parteien an Bedeutung verloren haben, mag jedoch auch er nicht abstreiten. Die Parteiendemokratie ist unbeliebt, weiss Guldimann. «Und künftig werden wohl noch weniger Leute an solche Gebilde glauben.»

Wird die Mitgliedschaft in einer Partei also zum Randgruppen-Phänomen? Selbst wenn sich diese Entwicklung verschärft, will Guldimann nicht schwarzmalen. Er vertraut der «Kraft der Zivilgesellschaft», dem Zusammenschluss von Menschen jenseits der etablierten Strukturen. So wie im vergangenen Winter, als eine bunte Allianz erfolgreich gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP kämpfte. Tim Guldimann spricht darum von einem «Aufstand der Anständigen» – und das quittiert selbst Peter Bichsel mit einem Nicken.