Volksinitiative
Wird die Schule durch den Lehrplan 21 auf den Kopf gestellt?

Der Lehrplan 21 revolutioniere die Schule mit einem schädlichen pädagogischen Konzept. So lautet die Behauptung der Initianten. Die Abstimmung über die kantonale Volksinitiative findet am 21. Mai 2017 statt. Mitinitiant René Steiner (EVP, Olten) stellt sich kritischen Fragen.

Elisabeth Seifert
Drucken
Teilen
Der harmonisierte Deutschschweizer Lehrplan soll im Kanton Solothurn ab August 2018 eingeführt werden. Gegen diesen Beschluss ist eine Volksinitiative lanciert worden.

Der harmonisierte Deutschschweizer Lehrplan soll im Kanton Solothurn ab August 2018 eingeführt werden. Gegen diesen Beschluss ist eine Volksinitiative lanciert worden.

Sandra Ardizzone

Im Thurgau und in Schaffhausen sind kürzlich zwei Lehrplan-kritische Volksinitiativen deutlich abgelehnt worden. Ein Zeichen für Solothurn?

Rene Steiner: Diese Ergebnisse machen es sicher nicht einfacher für uns. Man kann die Initiativen aber nicht eins zu eins miteinander vergleichen. In Schaffhausen ging es ja einzig darum, wer über die Einführung eines neuen Lehrplans entscheidet. Der Inhalt des Lehrplans 21 wurde nicht breit diskutiert.

Dennoch: Das Stimmvolk in den beiden Kantonen will offenbar, dass der Lehrplan 21 eingeführt wird?

In Schaffhausen und Thurgau ja. In der Nordwestschweiz haben wir eine etwas andere Situation. Im Kanton Baselland hat das Volk zu einer unserer zentralen Forderungen, nämlich dass keine Birchermüsli-Fächer möglich sein sollen, ja gesagt. Zudem hat der Baselbieter Landrat eine Motion erheblich erklärt, die inhalts- statt kompetenzorientierte Lehrpläne fordert. Im Nachbarkanton Aargau steht Anfang nächsten Jahres eine Abstimmung an. Wir hätten uns aber sicher gewünscht, dass die Volksinitiativen in den genannten Kantonen angenommen werden, das hätte uns sicher geholfen.

René Steiner (EVP, Olten)

René Steiner (EVP, Olten)

Hanspeter Bärtschi

Etliche Kantone haben den Lehrplan bereits definitiv beschlossen. Macht es wirklich Sinn, wenn Solothurn hier ausschert?

Der Lehrplan 21 verspricht zwar eine Harmonisierung. Wenn man den Lehrplan aber einmal im Detail anschaut, dann merkt man, dass er den Familien nicht dabei hilft, von einem Kanton in einen anderen zu ziehen.

Sie sprechen damit den unterschiedlichen Beginn mit den Fremdsprachen Französisch und Englisch an...

Eckwerte der Initiative

Die Volksinitiative «Ja zu einer guten Volksschule ohne Lehrplan 21» will die Einführung des harmonisierten Deutschschweizer Lehrplans (Lehrplan 21) im Kanton Solothurn verhindern. Dieses Ziel verfolgen die Initianten mit einer Änderung und Ergänzung des Volksschulgesetzes. Hinter der Volksinitiative stehen geschlossen die SVP, die GLP und die EVP. Dem Initiativ-Komitee angeschlossen haben sich zudem einzelne prominente Vertreter der CVP. Die Abstimmung über die Initiative erfolgt am 21. Mai 2017. (esf)

Man konnte sich nicht auf die entscheidende Frage einigen. Wenn ein Kind in der fünften Klasse mit seinen Eltern aus dem Aargau in den Kanton Solothurn zieht, dann nützt der Lehrplan 21 rein gar nichts, weil es zwei Jahre Englisch hatte, aber noch kein Französisch. Wir fangen ja mit Französisch in der dritten Klasse an und Englisch beginnt erst in der fünften Klasse.

Müsste man Ihrer Meinung nach in die Hoheit der Kantone eingreifen?

Am besten hätte man auf eine Fremdsprache bereits ab der dritten Klasse verzichtet. Das ist zu teuer und zudem gibt es keine Studie, welche die Wirksamkeit belegt. Und dann kommen noch weitere Dinge hinzu: Der LP 21 schafft die Jahrgangsziele ab. Heute gibt es im Solothurner Lehrplan in der Regel verbindliche Jahresziele. Wenn man diese abschafft, kann es sein, dass zum Beispiel jeder Schüler einer dritten Klasse schulisch an einem anderen Ort steht. Innerhalb des Kantons und auch über die Kantonsgrenzen hinweg. Das ist auch die Idee hinter der Kompetenzorientierung. Jeder Schüler arbeitet an seinen eigenen Kompetenzen.

Der Lehrplan 21 definiert doch gemeinsame Treffpunkte am Ende der zweiten, der sechsten und der neunten Klasse?

Von der dritten bis in die sechste Klasse sind das vier Jahre. Das ist doch ein sehr grosser Sprung. Wenn es der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren beim Lehrplan 21 wirklich um Harmonisierung gegangen wäre, hätte man das anders geregelt. Dann hätte man den Lehrplan so konstruiert, dass die Lehrpersonen im Kanton Aargau und im Kanton Solothurn genau wissen, wo ein Drittklässler steht. Das ist jetzt nicht der Fall. Hinzu kommt, dass die Schüler nicht in Kompetenzstufen denken, ihnen sind die Inhalte wichtig. Die Inhalte aber sind im Lehrplan oft beliebig. Bei einem Kantonswechsel werden die Kinder wieder mit anderen Inhalten konfrontiert.

Mit dem Lehrplan 21 wird die Lehrerbildung vereinheitlicht, es gibt auch gemeinsame die Lehrmittel. Das führt doch zu einer Harmonisierung?

Es wird auch weiterhin viele unterschiedliche Lehrmittel geben. Die Lehrmittelfrage bleibt in der kantonalen Kompetenz und das finde ich auch gut so. Was ich aber vor allem sagen möchte: Die Harmonisierung hätte man ganz anders angehen müssen. 2011 noch hielten der Bund und die Erziehungsdirektorenkonferenz in einem gemeinsamen Papier fest, dass man sich schweizweit auf wenige konkrete und überprüfbare Ziele verständigt. Eigentlich wäre es einfach um einen Rahmenlehrplan gegangen. Die heutigen Lehrpläne sind gar nicht so weit voneinander weg. Niemand dachte daran, dass man ein neues pädagogisches Konzept über die ganze Volksschule legt und sagt, das ist Harmonisierung.

Wird mit dem neuen Lehrplan nicht fortgeführt und systematisiert, was in der Lehrerbildung und im Schulalltag bereits Realität ist?

Wenn das so ist, dann müsste man dieser Entwicklung einen Riegel schieben. Das was man im Lehrplan 21 nämlich unter kompetenzorientiertem Unterricht versteht, scheitert überall, wo das Konzept über mehrere Jahre hinweg praktiziert wird. Es gibt viele angelsächsische Länder, unter anderem Neuseeland, die bereits vor vielen Jahren die gleiche Diskussion geführt haben wie wir. Eine moderne Schule müsse auf Kompetenzen aufbauen und nicht mehr auf Inhalten. In Neuseeland, wo der kompetenzorientierte Unterricht im Jahr 2000 eingeführt wurde, ist das Konzept gescheitert. An den Pisa-Test fällt Neuseeland seither weit zurück. Und auch in den nationalen Tests in ein klarer Abwärtstrend sichtbar.

In den Grundlagen zum Lehrplan 21 wird betont, dass das Wissen zentral bleibt. Es geht aber zusätzlich noch um das Verstehen und Können ...

Schon bis jetzt ging es im Schulunterricht nicht einfach um die blosse Wissensvermittlung. Beim Lehrplan 21 geht es aber um einen Paradigmenwechsel: Die Lehrpläne machten bis jetzt die Inhalte verbindlich. Die Inhalte, welche die Schüler lernen sollen. Der neue Lehrplan mit seiner Ausrichtung auf Kompetenzen will den Output der Schule messen. Mit dem neuen Lehrplan soll die Schule stärker kontrollierbar werden.

Im Lehrplan 21 werden aber doch gerade bei den Sachfächern Kompetenzen und Inhalte miteinander verbunden?

Bei der Überarbeitung des Lehrplans sind vermehrt Inhalte eingeflossen. Die Inhalte sind aber zum Teil sehr zufällig ausgewählt. Es gibt zum Beispiel keinen systematischen Wissensaufbau in der Geografie oder in der Geschichte. Ich persönlich glaube, dass für Kinder in der Volksschule ein solcher Wissensaufbau einfach dazu gehört. Ergänzend zu den Inhalten, die den Lehrplan bestimmen sollen, können dann zusätzlich Kompetenzen definiert werde. Wir wollen aber nicht, dass Kompetenzen den Lehrplan steuern.

Mit der Kompetenzorientierung werden doch die Schüler ausgerüstet, sich immer wieder neues Wissen anzueignen?

Damit sie das aber können, brauchen sie ein systematisches Wissen in Fächern wie Biologie, Geschichte, Physik oder Biologie. Und ein solches Wissen veraltet nicht. Ich bin grundsätzlich nicht dagegen, dass Schülerinnen und Schüler innerhalb der Volksschule den Umgang mit den verschiedenen Wissensplattformen erlernen. Der damit verbundene Schüler-zentrierte Unterricht kann aber gerade jüngere Kinder schnell einmal überfordern. Das zeigt sich bereits heute, wenn selbst Drittklässler Vorträge zu ihnen komplett neuen Themen machen müssen.

Der Lehrplan 21 macht keine Vorgaben zur Unterrichtsmethodik. Es heisst sogar, dass die Lehrperson eine zentrale Rolle innehat. Was sagen Sie dazu?

In den Lehrerweiterbildungen zum Lehrplan 21 wird derzeit aber immer wieder betont, dass Lehrpersonen, die ihren Job wirklich gut machen, sich als Lernbegleiter verstehen. Das Ziel besteht darin, dass jedes Kind an seinen eigenen Kompetenzen und Inhalten arbeitet. Der Lehrer geht von Kind zu Kind und unterstützt es in seinem Lernfortschritt. Schüler sollen selber probieren, sich untereinander austauschen. Und wenn sie dann immer noch nicht weiterkommen, soll der Lehrer eingreifen.

Ist das nicht einfach eine Zielvorstellung, die im Schulalltag sehr pragmatisch umgesetzt werden wird?

Es handelt sich um ein Wunschdenken von den Leuten, die hinter dem Lehrplan 21 stehen. Die Realität im Schulalltag wird aber in diese Richtung gehen. Hermann Forneck, der ehemaliger Rektor der PH Nordwestschweiz und Mitarbeiter am Lehrplan 21, sagt dazu: ‹Die Steuerungsfunktion der Lehrperson wird im selbstgesteuerten Lernen bezüglich der stofflichen Vermittlung auf unpersönliche Medien übertragen.› Gegen diese Entwertung der Lehrpersonen wehren wir uns.

An der Kompetenzorientierung stört Sie besonders auch die verstärkte Messbarkeit der Schule. Ist das denn so schlecht, wenn Schule kontrollierbar ist?

Überall dort, wo output-orientiert unterrichtet wird, werden immer mehr Tests durchgeführt. Das führt dazu, dass der Unterricht stark auf solche Tests ausgerichtet ist. Das kann doch Lehrpersonen keine Freude machen. Es braucht ein klares Signal, dass man das nicht will, auch wenn der Lehrplan 21 eingeführt werden sollte.

Noch einmal: Bildung soll über die einzelne Schule hinaus vergleichbar werden, ist das nicht im Grundsatz erstrebenswert?

Das finde ich überhaupt nicht gut. Man kann Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Regionen nicht miteinander vergleichen. Die Klassenverbände sind nicht miteinander vergleichbar. Man weiss aus der modernen Bildungsforschung, dass der Klassenverband eine massive Auswirkung hat auf das einzelne Kind.

Die Kompetenzorientierung ermöglicht neben der Vergleichbarkeit auch die individuelle Förderung eines Kindes. Ist das nicht ein positiver Aspekt?

Durchaus. Ich bin auch überzeugt, dass die Lehrpersonen alles daransetzen werden, aus jedem Lehrplan etwas Gutes zu machen. Man sollte es ihnen aber nicht noch schwerer machen, als es ohnedies schon ist. Lehrerverbände machen in meinen Augen bei Schulreformen dabei immer wieder den gleichen Fehler. Sie sagen schnell einmal Ja zu einer netten Idee und vertrauen darauf, dass man bei der Umsetzung schon einen pragmatischen Weg finden wird.

Mit einem Ja zur Initiative ist Solothurn doch auf sich selbst zurückgeworfen. Was ist dann mit der geforderten Harmonisierung?

Wenn 15 Kantone den Lehrplan 21 einführen und sechs Kantone das nicht machen, dann haben wir eine schwierige. Situation. Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau sagen, was der Weg ist. Es aber sicher nicht so, dass es keine Alternative gäbe. Die Alternative wäre, dass man sich schweizweit auf die bewährten Eckwerte der verschiedenen Lehrpläne einigt, so wie man das noch im Jahr 2011 wollte. In der welschen Schweiz arbeitet man schon länger mit einem harmonisierten Lehrplan, der nicht so kompetenzorientiert ausgerichtet ist.

Ist der Zug dafür nicht abgefahren?

Es wird sicher nicht einfach werden. Wir haben aber nicht nur die Wahl zwischen dem Lehrplan 21 oder der Katastrophe aus Sicht der geforderten Harmonisierung. Ich bin einfach überzeugt, dass der Lehrplan 21 der Schule schaden wird. Deshalb wehre ich mich dagegen.