Irgendwann hielt es Mark Henschel am 9. November abends nicht mehr vor dem Fernseher aus. Vater, Mutter und Sohn Henschel sprangen vom Sofa auf, setzten sich in den russischen Moskwitsch und brausten nach dem 40 Kilometer entfernten Berlin los. Sie wollten selbst nachsehen, ob die Mauer wirklich am Fallen war.

«Wir wollten nicht glauben, was wir im Fernsehen sahen», sagt Mark Henschel heute. Der gebürtige Ostdeutsche sitzt im «Baseltor» und nippt am Kaffee. Er ist heute Leitender Arzt am Bürgerspital und lebt mit seiner Familie in Solothurn.

Henschel war 18, das Leben lag vor ihm, als der real existierende Sozialismus in sich zusammenbrach. «Keiner hat geglaubt, dass sich das System so schnell auflöst», sagt er. «Die DDR lag im Dornröschenschlaf. Mit 18 hast du ein Auto bestellt, auf das du 15 Jahre gewartet hast. Bis das Telefon kam, dauerte es zwölf Jahre. Das war die Dynamik, in der wir lebten.» Es war ein Land, das keine Zeit kannte. Dinge veränderten sich über Jahre, nicht in wenigen Wochen. Man heiratete jung, weil man so eher eine Wohnung erhielt. Wer Westfernsehen schaute, musste aufpassen, mit wem er darüber sprach.

Dann kam der Sommer ’89. Immer mehr DDR-Bürger fanden über die ungarische Grenze den Weg nach Österreich. Doch davon bekam die Familie Henschel zuerst einmal nichts mit. Sie verbrachte die Ferien auf einem Campingplatz in Tschechien, ganz ohne Informationen. «Wir haben uns nur über volle Campingplätze gewundert», sagt Henschel. Staatschef Erich Honecker versicherte, die Mauer werde noch Jahrzehnte stehen.

9. November, abends. Grenzübergang auf der Glienicker Brücke in Potsdam. Die Sperrzone, in die sonst kaum jemand reinkam, hatte Familie Henschel passiert. Mark Henschel stand nun nur wenige Meter von der Grenze entfernt. Einfach so. Eine riesige Menschenmenge drängte auf die Brücke. In der Mitte standen die Grenzbeamten, die nicht wussten, wie ihnen geschieht. Sie stempelten einfach die Pässe ab. Mark Henschel hielt wie Tausende andere seinen Pass hin und setzte den Fuss in den Westen. An einem gewöhnlichen Abend hätte das bedeutet, dass er nie mehr zurück kann. Die ganze Existenz in Sekunden aufgegeben. «Wir haben darüber nicht einmal nachgedacht.» Eine logische Begründung hat er bis heute nicht. Es war eine Masseneuphorie.

Wir war das mit der Staatstreue? Eine Frage, die so nur einer stellen kann, der zufällig im Westen geboren ist, immer mit dem Anstrich moralischer Überlegenheit. Henschel überlegt einen Moment, taucht in die Erinnerungen. «Wir sind mit Realismus erzogen worden», sagt er. «Wir waren nicht regimekritisch. Wir haben uns den Gegebenheiten angepasst.» Die Familie hat einfach versucht, innerhalb der Gegebenheiten den Weg zu finden, keine Fehltritte auf einem schmalen Grat zu tun. Ein Beispiel? «Meine Schwester durfte nicht studieren, weil sie konfirmiert worden war. Also bin ich nicht konfirmiert worden.»

40 Kilometer von Berlin entfernt, empfing die Familie Westfernsehen und damit «ungefilterte Informationen». «Wir wussten, dass die Wirtschaft der DDR marode ist, auch wenn wir ein tägliches Hurra auf unseren Staat hörten. Aber wir haben auch nicht geglaubt, dass auf der anderen Seite alles nur super ist», sagt Henschel. «Wir haben beiden Seiten nicht alles geglaubt.» Blickt Henschel mit Wehmut auf die DDR zurück, das Gesundheitswesen, die Kinderbetreuung? Das mag zwar gut tönen. «Das System war aber wirtschaftlich so marode, dass man gar nicht darüber diskutieren muss.» Für Henschel ist die Geschichte der DDR ein «abgeschlossenes Thema».

9. November abends. Westberlin. Die Chauffeure der Verkehrsbetriebe schieben nächtliche Sonderschichten, fahren die DDR-Bürger mit Doppelstockbussen durch die Stadt. Mark Henschel ist plötzlich auf dem Kurfürstendamm. Hunderttausende sind unterwegs. Es wird gesungen, Sekt fliesst; Henschel umarmt unbekannte Menschen aus Ost und West. «Es war eine Masseneuphorie. Es war ein Wunder», sagt er heute.

Solothurn liegt weit weg von Ostdeutschland. Das praktische Ausbildungsjahr verschlug den angehenden Arzt ins thurgauische Münsterlingen, 1999 kam er ans Spital Grenchen, heute lebt er mit Frau und Kindern in Solothurn. Was hat er aus der DDR mitgenommen, wo prägt ihn der untergegangene Staat noch immer? Leitplanken, klare Spielregeln und Checklisten sind ihm wichtig. «Immer nach Normen und Regeln zu funktionieren, ohne sie beeinflussen zu können; das prägt.» Und Willkür, darauf reagiert er «extrem allergisch».

Für Henschel ist es kein Zufall, dass heute mit Angela Merkel und Joachim Gauck zwei Ostdeutsche an der Spitze der Bundesrepublik stehen. Das ostdeutsche System habe jedem emotionale Intelligenz quasi aufgezwungen. «Geld half nichts.» Wer etwas Bestimmtes benötigte, brauchte ein Netzwerk. «Man musste sich mit möglichst vielen Leuten gut verstehen. Der Mangelstaat führte dazu, dass sich jeder ein gutes Netzwerk und so zwangsweise auch soziale Fähigkeiten aneignete.»

Irgendwann nach dem 9. November gab es Wahlen – Wahlen, für die es noch keine Parteien gab. Der Anglerverband trat an, die Freiwillige Feuerwehr stand auf der Wahlliste. Und Mark Henschel begann sein Medizinstudium in Rostock als letzter Jahrgang nach dem DDR-System. Jedes Jahr haben sich die Bedingungen verändert. Rostock, die riesige Hafenstadt mit 240 000 Einwohnern, leerte sich. Innert kurzer Zeit zogen 40 000 DDR-Bürger weg und liessen ihre DDR-Möbel in den Wohnungen zurück. Die Studenten streiften durch die Stadt. Wer eine leere Wohnung fand, durfte sie aufbrechen und darin wohnen.

War der 9. November ein bedeutender Tag, war es ein besonderer Tag? «Er wurde wohl 16,9 Millionen Mal anders empfunden», sagt Henschel.

Es war schon weit nach Mitternacht, als die Familie Henschel am 10. November von ihrem Ausflug nach Westberlin zurückkam. Die Haustür stand offen, das Licht brannte. «Wir waren kopflos losgefahren», sagt Henschel.