Zehn Jahre alt wird die Solothurner GLP in diesen Tagen. Ihr Präsident, Georg Aemissegger, empfängt zum Gespräch zuhause in Günsberg. Natürlich fehlt die Photovoltaikanlage nicht. «Man kann mit wenig sehr viel für die Umwelt tun», sagt der Mathematiker.

Georg Aemissegger, nach zehn Jahren im Kanton ist die GLP nach wie vor eine Kleinpartei. Gibt es trotzdem Grund zum Feiern?

Georg Aemisegger: Sicher. 2009 sind wir mit zwei Kantonsräten gestartet. Seit 2011 haben wir immer drei bis vier Kantonsräte.

Aber spürt man im Kanton einen Einfluss der GLP?

Das hängt davon ab, wie «gspürig» man ist (lacht). Natürlich würden wir gerne mehr bewegen. Unsere Parlamentarier haben seit 2011 auf kantonaler Ebene 48 persönliche Vorstösse gemacht sowie 22 Vorstösse mit der Fraktion. Auch in den Städten Solothurn, Grenchen und Olten sind wir aktiv.

Trotzdem ist oft nicht ganz klar, wofür die Grünliberalen genau stehen.

Der grüne Teil ist klar: Wir sind gegen den Klimawandel und deutlich für erneuerbare Energien. Letzteres ist auch eine sehr wirtschaftsfreundliche Haltung. Wenn unsere Unternehmen neue Technologien entwickeln, etwa zur Produktion oder zur Speicherung erneuerbarer Energie, so hat man einen riesigen zukünftigen Markt. Es gibt viel Potenzial, man steckt da leider noch in den Kinderschuhen.

Ist es nicht etwas eindimensional, sich vorwiegend auf ein Thema zu stützen?

Wir Menschen heizen nach wie vor aktiv den Klimawandel an. In 300 Mio. Jahren entstand das Erdöl. Dabei wurde Sauerstoff in die Atmosphäre gegeben und Kohlenstoff ins Erdreich. Den verbrennen wir jetzt in etwa 200 Jahren und wandeln damit den Sauerstoff wieder in CO2 um. Das verändert das Klima massiv. Wir sind schon viel zu weit gegangen. Der Bevölkerung ist dies zu wenig bewusst.

Die Grünen sagen mir das auch. Für was braucht es da die GLP?

Der Unterschied zu den Grünen ist: Wir sind klar für Liberalismus und Freiheit. Wir empfinden die Eigenverantwortung des Menschen als wertvoll. Grüne und SP helfen schaurig gerne, aber man kann Leuten auch zu viel helfen. Wir wollen, dass für Unternehmen Freiheit bleibt. Gerade für Unternehmen ist eine gesunde Freiheit wichtig. Es gibt unzählige sinnlose Gesetze, die weg müssen. Wir sind eine Wirtschaftspartei. Und eindeutig die wirtschaftsfreundlichste, mehr noch als die FDP.

Das müssen Sie erklären. Die FDP würde das nie unterschreiben.

Die FDP hat nicht verstanden, dass die Zukunftstechnologien ganz klar im Umweltbereich und im Bereich erneuerbarer Energien liegen. Das wird im Handeln der FDP kaum berücksichtigt. Man weiss das aber seit mindestens 40 Jahren. Ich erinnere mich gut an die damaligen Diskussionen. Hätte man dies damals umgesetzt, so wäre unsere Wirtschaft in diesem Bereich an vorderster Front. Jetzt sind wir Schlusslicht: Die Schweiz ist etwa in der Produktion von Strom aus Photovoltaik und Windrädern in Europa von 29 Ländern an 25. Stelle. Bei Litauen. Es ist absurd: Wir stopfen viel Geld in die Hochschulen für Forschung und Entwicklung, aber man macht keine Lenkung in Richtung erneuerbare Energien.

Sie wollen weniger Regeln, jetzt fordern Sie aber gerade mehr Eingriffe.

Viele kleine Regeln und Vorschriften, die in irgendwelchen Ämtern wohlgemeint entstehen, schränken unsere Bürger und Unternehmen unnötig und oft massiv ein. Wichtig sind richtungsweisende Regeln, die gleichzeitig Innovation fördern. Etwa Besteuerung von fossilen Brennstoffen beim Endverbraucher bei gleichzeitigem Abbau anderer Steuern.

Das Energiegesetz wollte etwas in Ihrem Sinne ändern. Die Solothurner wollten dies nicht.

Es war ein moderates Gesetz. Im Kanton Luzern wurde das gleiche Gesetz haushoch angenommen, mit Unterstützung der dortigen FDP. Unsere FDP hat es hier mit einer hanebüchenen Desinformationskampagne zu Fall gebracht.

Gescheitert ist das Gesetz wohl auch wegen zu vieler Regulierungen.

Wenn man behauptet, man mache ein schaurig gutes Gesetz, aber niemand muss deshalb etwas ändern, ist es kein wirkungsvolles Gesetz. Dann kann man es sein lassen. Die GLP war klar für eine Lenkungsabgabe.

Mit der CVP sind Sie in einer Fraktion: Ob einer CVP oder GLP wählt, da bekommt er dasselbe.

Wir teilen tatsächlich ziemlich viele Werte mit der CVP. Während die CVP stärker das klassische Familienkonzept hochhält, sind wir deutlicher für Umweltanliegen. Bei uns ist das Engagement für die Umwelt in den Statuten festgeschrieben. Wenn ein Präsident wechselt, ändert sich bei uns diesbezüglich nichts.

Die GLP zog mit Nicole Hirt in den Regierungsratswahlkampf. Sie ist in Ausländer- oder Bildungsfragen teils nahe bei der SVP. Wie soll da jemand wissen, wofür die GLP steht?

Uns geht es um Sachpolitik. Wir sind nicht auf SVP-Linie, nur weil wir dieselbe Haltung vertreten. Sachpolitik kann man nicht in ein eindimensionales Links-rechts-Schema einordnen. Wir bauen auf unseren positiven Grundwerten auf und nicht darauf, was andere Parteien denken oder bewerben.

Was bedeutet, das Links-rechts-Schema sei überholt?

Man sollte Parteien entlang wichtiger Werte beurteilen, nicht nach einem verstaubten Schema links und rechts. Wir haben etwa den Wert, dass Tierarten überleben sollen. Ist das links oder rechts? Weder noch, das ist ein Wert, der für sich steht.

Aber die Verortung im Links-rechts-System macht die Parteien für den Wähler berechenbar. Wählt jemand die GLP, weil er die grünen Themen gut findet, erhält er, je nach Mandatsträger, eine konservative Bildungs- oder Ausländerpolitik.

In unserem Bildungssystem ist auch nicht alles Neue glänzend. Aber was heisst konservativ? Konservativ heisst wörtlich genommen bewahrend. Gut Funktionierendes darf man durchaus bewahren. Im Prinzip ist jedes Bewahren der Natur, etwa bei der noch verbliebenen Artenvielfalt, konservativ. Da sind die Grünen ganz konservativ. An diesem Beispiel sieht man, wie unnütz Zuschreibungen im Links-rechts-Schema sind.

Die GLP bleibt aber unberechenbar. Sie hat ein ganz klares Profil im Umweltbereich. Aber was Sie bei der Migration fordern, weiss man nicht.

Wir haben ganz klare Standpfeiler wie Umwelt, Liberalität und Wirtschaft. Wem diese Themen wichtig sind, für den sind wir ein verlässlicher Partner. Beim Thema Migration haben wir uns öffentlich bedacht zurückgehalten. Es gibt Leute, die die GLP wählen würden, aber dann zur SVP oder zur SP gehen, weil die Migrationsfrage gerade aktueller ist als unsere Schwerpunktthemen. Aber es ist klar: Migration muss gesellschaftstauglich sein. Für alle davon betroffenen Gesellschaften.

Sie müssen also hoffen, dass das Umweltthema vor den Wahlen 2019 wieder an Fahrt gewinnt, wie damals bei Fukushima.

Ich hoffe, dass das Thema für die Wähler durch Einsicht immer wichtiger wird und nicht durch weitere Katastrophen.

Die GLP hat überdurchschnittlich viele Naturwissenschafter in ihren Reihen. Warum?

Weil ein richtiger Naturwissenschafter erkennt, was wir mit der Welt tun, und dass wir uns auf einem fatalen Zerstörungstrip befinden. Naturwissenschafter wissen, dass sich vieles dringend ändern muss. Ich wurde schon vor 40 Jahren zum Grünliberalen, als ich Klimawissenschaften studierte. Alle grundsätzlichen Abläufe waren schon damals bekannt.

Sie sind studierter Mathematiker, arbeiten aber als «Coach für Veränderungsprozesse». Wo müssen Sie die GLP noch coachen?

Die GLP muss vom Wähler klarer erkannt werden. Aktuell gehen wir hier den Weg über die sozialen Medien. Zudem wollen wir uns parteiintern breiter abstützen. Die Arbeit ist auf zu wenigen Schultern verteilt. Gerade in letzter Zeit haben wir jedoch junge Menschen gewinnen können, die mitmachen.

In zehn Jahren gibt es Sie noch?

Ja, sicher. Wir sind schliesslich die zukunftsfreundlichste Partei.