Krankenpflegeversicherung

«Wir sind alarmiert und besorgt»: Umstrittene Neuregelung in der Psychotherapie

Wer zu einem selbstständigen Psychologischen Therapeuten geht, muss nach bisherigem System entweder eine Zusatzversicherung haben – oder die Behandlung aus eigener Tasche zahlen.

Die psychologischen Psychotherapeuten hoffen auf neues Abrechnungsmodell. Auch die Solothurner Regierung spricht sich dafür aus.

Die Situation ist unbefriedigend. Seit Jahren. Psychotherapeuten mit psychologischer Ausbildung können nach der heutigen Rechtslage nur über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen, wenn sie bei einem Arzt oder einer Ärztin angestellt sind. Das ist den Psychotherapeuten ein Dorn im Auge. Und sie wehrten sich bisher ebenso standhaft wie erfolglos dagegen, dass sie auf eigene Verantwortung bloss tätig sein dürfen, wenn ihre Klientel selber bezahlt oder über eine Zusatzversicherung verfügt. Delegationsmodell nennt sich das System, das für die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) ein schieres Unding ist.

Doch es kommt Bewegung in die Sache. Nach dem Willen des Bundesrats soll künftig das Anordnungsmodell zur Anwendung kommen. Das heisst: Das Abrechnen von psychotherapeutischen Leistungen zulasten der OKP soll nicht mehr an die Aufsicht von Arztpersonen und an die Anstellung durch diese gebunden sein. Vielmehr sollen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ihre Leistungen in Zukunft zwar auf ärztliche Anordnung hin, aber in eigener fachlicher Verantwortung erbringen und abrechnen können. Das bedingt eine entsprechende Änderung der Krankenpflege-Leistungsverordnung.

Bessere Versorgung im Kanton: Regierung will neues Modell

Für die Solothurner Regierung ist der Fall klar: Sie befürwortet die geplante Neuregelung. Dies vor dem Hintergrund, dass sich das Erbringen und Abrechnen von Leistungen zulasten der OKP auf ärztliche Anordnung hin schon bei anderen Berufsgruppen bewährt habe – Physiotherapie, Neuropsychologie, Pflege als Stichworte. Der Regierungsrat hält denn auch fest: «Das eigenständige Erbringen psychotherapeutischer Leistungen mit klaren, verbindlichen Vorgaben ermöglicht eine Verbesserung der Versorgungsabdeckung in diesem Bereich.» Wobei die Regierung fachlich vor allem die Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Notfälle, örtlich insbesondere die ländlichen Gebiete im Auge hat.

Ist demnach alles paletti? «Wir haben positive Signale von verschiedenen Seiten, namentlich von den Kantonen. Das stimmt uns zuversichtlich», sagt Philipp Thüler, Kommunikationsleiter der FSP. Die Systemänderung sei aber noch nicht durch, wichtige Stakeholder wie zum Beispiel die Vereinigung Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) hätten sich bisher noch nicht geäussert. Für die FSP ebenso wie für den Verband der Solothurner Psychologinnen und Psychologen (VSP-SO) ist klar: «Der Wechsel zum Anordnungsmodell ist überfällig.» Dies umso mehr, als die Ausbildung der psychologischen Psychotherapeuten seit 2013 geregelt ist und das Delegationsmodell längst ausgedient habe.

Den Berufsleuten geht es dabei nicht nur um die eigene Stellung: «Die Versorgungslage wird sich im Bereich der ambulanten Psychotherapie verbessern», sagt Thüler. Und: «Es wird auch qualitativ eine Verbesserung geben, da die Wahlfreiheit für die Patienten erhöht wird.» Unter dem Strich sei das positiv, auch finanziell, da durch die Verbesserung des ambulanten Angebots Kosten im stationären Bereich eingespart werden könnten, rechnet Thüler vor.

Das stimmt zwar, nur: Eine Verlagerung von heute noch privat oder über Zusatzversicherungen bezahlte Leistungen zur OKP ist gewiss. Was ist also ist mit der befürchteten Mengenausweitung und nachfolgenden Kostensteigerungen? «Die FSP unterstützt grundsätzlich Massnahmen, welche ungerechtfertigten Mengenausweitungen im Gesundheitswesen entgegenwirken», meint Thüler. Liege das Wachstum bei Neuzulassungen in einem Kanton höher als im schweizerischen Durchschnitt, könne sich die FSP eine Limitierung der OKP-Abrechnung bei Erreichen einer gewissen Kostensteigerung vorstellen. Die Solothurner Regierung etwa möchte, dass die Tätigkeitsaufnahme zulasten der Krankenpflegeversicherung bei einem bestimmen Kostenanstieg untersagt wird.

Details in diesem Dossier seien zu klären, findet Thüler. Aber: «Nicht nachvollziehbar ist für uns, dass der Bundesrat bereits nach 15 Sitzungen eine neue ärztliche Anordnung vorsieht und dass bereits nach 30 Sitzungen ein Bericht an den Vertrauensarzt der Krankenkasse fällig wird.» Das heutige System - Bericht an den Vertrauensarzt nach 40 Sitzungen – habe sich in der Praxis bewährt. Andersherum: «Die Beschränkung auf 15 beziehungsweise. 30 Sitzungen erhöht den Aufwand für den Psychotherapeuten, den anordnenden Arzt und den Patienten unnötig», finden FSP und VSP-SO.

Kritik von Psychiater-Seite: Psychologen halten dagegen

Gar nichts halten die organisierten psychologischen Psychotherapeuten von der von Psychiater-Seite zu hörenden Befürchtung, der Wechsel vom Delegations- zum Anordnungsmodell könnte qualitative Einbussen mit sich bringen: «Diese Befürchtung entbehrt jeder Grundlage und ist rein standespolitisch motiviert», sagt Thüler, «es gibt nur eine Psychotherapie.» Die psychologischen Psychotherapeuten seien darin genauso gut ausgebildet wie die Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Ausbildung dauere gleich lang, sei eidgenössisch geregelt und «auf einem sehr hohen Niveau», die Qualität der Arbeit sei «sehr gut». Kaum eine psychiatrische Klinik funktioniere heute zudem ohne psychologische Psychotherapeuten. Und auch selbstständig tätige psychologische Psychotherapeuten leisteten «sehr gute, wichtige Arbeit» – einzig die Krankenkasse bezahle nicht.

Im Gegensatz zur Invaliden-, Unfall- und Militärversicherung übrigens, die schon heute abrechnen, auch wenn der psychologische Psychotherapeut selbstständig arbeitet. Zudem: selbstständig erwerbende psychologische Psychotherapeuten arbeiten sehr gut mit Psychiatern zusammen. Höchste Zeit also, dass die Krankenpflegeversicherung nachziehe.

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Autor

Balz Bruder

Balz Bruder

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