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«Wir schreiben hier gerade Geschichte» – das war der Frauenstreik in Solothurn

350 in Olten, 2000 in Solothurn. Am Frauenstreik gehen Frauen und Männer im Kanton Solothurn auf die Strasse. Die violette Masse kämpfte für Gleichstellung und kümmerte sich nicht um derbe Kommentare.

Silvana Schreier
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Frauenstreik 2019: In Solothurn versammeln sich Frauen aus Grenchen, Olten und Solothurn zur Kundgebung
60 Bilder
Franziska Roth spricht vor der Kundgebung zu den Anwesenden
Auf der Kreuzackerbrücke
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Laut gehts zu und her
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik im Kanton Solothurn
Versammlung auf dem Amthausplatz
Auf dem Amthausplatz
Frauenstreik 2019 Solothurn
Laura Gantenbein und Doris Schären lesen auf dem Rathausplatz die Forderungen vor
Die Forderungen werden an die Regierungsrätinnen Susanne Schaffner und Brigit Wyss übergeben.
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Die Kundgebung findet den Abschluss auf der St.-Ursen-Kathedrale
Die Oltner kommen in Solothurn an
Frauenstreik 2019 Solothurn
Frauenstreik 2019 Solothurn
Die Oltner sind bereit für den Abmarsch. Schätzungsweise 70 Frauen reisen mit Trillerpfeifen und vielen Transparenten zur Kundgebung.
Um 15.03 Uhr nehmen sie den Zug Richtung Solothurn. Die Unia spendet die Zugtickets nach Solothurn und zurück. Wer ein Ticket brauchte, konnte sich beim Kollektiv melden.
Die Oltner kommen in Solothurn an
Die Grenchner sind schon etwas früher dran
Rein in den Zug nach Solothurn
Frauenstreik auf der Kirchgasse in Olten
Die Forderungen an die Stadt Olten werden den Stadträtinnen Iris Schelbert-Widmer (mitte) und Marion Rauber (links) übergeben.
Das gibt Applaus
In der Mitte prangt eine Faust in Kreide
Das Frauenstreik-Symbol ist an vielen Stellen zu sehen
Lisa Christ hält ihre Rede
Ein Frauenstreik-Banner hängt über der Kreuzackerbrücke in Solothurn
In Solothurn spricht Miguel Misteli, die schon am ersten Frauenstreik 1991 eine Rede hielt.
Nach technischen Problemen muss zum Megafon gegriffen werden.
Chaos-Zmittag in Solothurn
Siebdruck: Hier kann man Tshirts oder Taschen bedrucken lassen
Tanzeinlage des kurdischen Frauenvereins
Auf einer Baustelle in Grenchen wird aus Solidarität in Pink gearbeitet.
Zmittag auf der Baustelle
Klare Forderungen auf den Transparenten der Frauen in Olten.
Iandara Brodbecker spielt fürs Oltner Publikum
Frauenstreik in Olten
Frauenstreik in Olten
Stand zum Frauenstreik auf dem Marktplatz in Grenchen
Stand zum Frauenstreik auf dem Marktplatz in Grenchen
Als Zeichen der Solidarität: Grenchnerinnen malten sich Regenbögen auf die Handgelenke.
Einige tragen bereits pink

Frauenstreik 2019: In Solothurn versammeln sich Frauen aus Grenchen, Olten und Solothurn zur Kundgebung

Hanspeter Bärtschi

Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Eine Aufforderung brauchen die rund 350 anwesenden Frauen keine. Wie abgesprochen springen sie von den Bänken auf. Sie schreien, jubeln, kreischen. Ihre Hände strecken sie gegen den Himmel. Ihre Hüften bewegen sich im Takt. Die Tanzgruppe «La Tarantella» zeigt auf der improvisierten Bühne vor der Stadtkirche in Olten die simplen Tanzschritte vor. Ein Schritt nach rechts, wippen. Ein Schritt nach links, wippen. Und immer weiter.

Seit zehn Uhr morgens läuft der Frauenstreik in Olten in der Kirchgasse. Die Gewerkschaften Unia und Syna verteilen Buttons, T-Shirts, Aufkleber und Flyer. «Wer will noch mal, wer hat noch nicht?» Die Frauen und Männer greifen gerne zu. Sie verzieren ihre Jeansjacken und Rucksäcke, binden sich pinke Foulards in die hochgesteckten Haare, tragen die Aufkleber stolz auf den T-Shirts.

«Der Kampf für gleiche Rechte soll heute frischen Wind bekommen. Damit endlich etwas vorwärtsgeht», sagt Siv Lehmann und begrüsst als Kopf des Oltner Frauenstreik-Kollektivs die Streikenden. Rund 350 Frauen und Männer werden im Verlauf der Mittagsstunden auf dem Platz vor der Stadtkirche anzutreffen sein. Vor diesem Publikum werden den Stadträtinnen Iris Schelbert-Widmer und Marion Rauber die Forderungen des Oltner Kollektivs an die Stadt Olten übergeben.

«So ein Blödsinn»

Während die Anwesenden ein erstes Mal in Jubelschreie und wildes Klatschen ausbrechen, nähert sich ein älterer Herr dem Streikort. Mehrmals schüttelt er den Kopf. Bei einer Frau mit Strohhut, die sich ein riesiges Schild aus Karton umgehängt hat, verharrt er. Die Frau fordert etwa einen Mittagstisch, bezahlbare Kita-Plätze und arbeitsfreundlichere Strukturen. Wieder schüttelt der Mann seinen Kopf. Fast beiläufig, aber laut genug, um mehrere Blicke auf sich zu ziehen, sagt er: «Jede Kuh schaut zu ihrem Kalb, nur die Weiber nicht.» Kaum hat er die Worte ausgesprochen, bekommt er den weiblichen Gegenwind zu spüren. «So ein Blödsinn», sagt die eine. «Was willst Du überhaupt hier?», fragt eine andere. Eine junge Frau bringt es auf den Punkt: «Solche Leute lassen wir heute einfach reden.» Der Mann schlurft grummelnd davon. Mit dem Wissen, dass er sich einen denkbar schlechten Tag für Kommentare dieser Art ausgesucht hatte.

Während die streikenden Frauen und Männer an den im Venussymbol angeordneten Tischen nicht ganz so violettes Risotto essen, schreitet Slam-Poetin Lisa Christ die Treppen zur Stadtkirche hoch. Konzentriert schaut sie in die Menge. Mit Nachdruck ruft sie ins Mikrofon: «Wir schreiben hier gerade Geschichte.» Die Frauen jubeln. Beflügelt vom Rückhalt aus dem Publikum legt die junge Oltnerin noch einen drauf. So fordert sie etwa lautstark: «Gleichstellung: Jetzt! Vaterschaftsurlaub: Jetzt! Mehr Solidarität: Jetzt!»

Neben den geplanten Auftritten und Reden nutzen immer wieder andere Frauen das offene Mikrofon: Mehrere Mütter, eine Hauswartin, eine Katholikin, eine Studentin und «eine von früher», wie sie sagt, sprechen sich ihren Frust von der Seele. Organisatorin Siv Lehmann ist begeistert: «Gerade das wollten wir, dass verschiedene Frauen zu Wort kommen.»

Mehr als 2000 Streikende

Aus den Lautsprechern erklingen mittlerweile andere Klänge: ein Frauenchor ab Band, der feministische, kämpferische Lieder singt. Passend zum Aufbruch: Die Frauen und Männer machen sich auf. Der Weg führt durch die Altstadt, der Aare entlang und über die Bahnhofsbrücke zum Bahnhof. Rund 70 Frauen nehmen die 20-minütige Zugfahrt nach Solothurn auf sich. Die Zugtickets für Hin- und Rückweg werden von der Unia gesponsert. Den Zug teilen sich die Streikenden mit rund 50 Nachwuchsturnern, die in grasgrünen T-Shirts auf dem Rückweg vom Eidgenössischen Turnfest in Aarau sind. «Was macht denn ihr?», fragt ein Junge. «Wir streiken», wird ihm geantwortet. «Ah, okay», meint er mit fragendem Blick. «Weisst Du, für gleiche Rechte für die Frauen.»

In Solothurn angekommen nutzt ein Detailhändler die Gunst der Stunde: «Eistee, Eistee.» Die schwitzenden Frauen lassen sich dies nicht zwei Mal sagen. Die Werbeaktion scheint gelungen.
Die Oltner Streikgruppe bahnt sich den Weg über den Bahnhofsplatz zum Kreuzackerplatz. Mit Trillerpfeifen bewaffnet, bunten Transparenten und Jubelschreien. Ebenso laut werden die Neuankömmlinge von den Solothurner Streikenden begrüsst. Ein Gänsehautmoment: Die beiden Gruppen treffen aufeinander, wenige Augenblicke später verschmelzen sie zu einer grossen, tanzenden, jubelnden Masse. Laut, fröhlich und bunt. Sie kommen aus dem ganzen Kanton Solothurn. Denn mittlerweile sind auch die Grenchnerinnen dazugestossen.
Mehr als 2000 Streikende – diese Zahl nennt das Solothurner Frauenstreik-Kollektiv auf Anfrage – machten sich schliesslich auf den Weg durch die Altstadt: Auf dem Amthausplatz stimmt eine Gruppe das eigens für den Frauenstreik geschriebene Lied an. Bis die Klänge von jeder und jedem weitergetragen werden.

Der nächste Halt: Vor dem Rathaus übergeben die streikenden Frauen feierlich den Regierungsrätinnen Brigit Wyss und Susanne Schaffner die Forderungen an den Kanton Solothurn (siehe rechts) – in Form einer Schriftrolle aus violettem Papier. Das Klatschen, die Trommelschläge und die Jubelschreie hallen von den alten Mauern. Violette Fahnen, bunt bemalte Transparente und fordernde Kartonschilder werden in die Höhe gestreckt.
Die riesige, violette Masse verteilt sich zuletzt vor der St. Ursen-Kathedrale auf die Treppe. Aus den Lautsprechern klingt ein Song, der junge Frauen dazu aufruft, für sich einzustehen. Eine unausgesprochene Aufforderung zum Tanzen. Die Frauen bewegen sich im Takt. Wie eine Welle breitet sich das Gefühl aus. Und wieder: Jubelschreie und Klatschen.

Die Forderungen an den Regierungsrat

- Schaffung einer Stelle für Gleichstellungsfragen.

- Lohngleichheit: Kanton vergibt Aufträge nur an Unternehmen, die Lohngleichheit garantieren.

- Mehr Frauen in Entscheidungspositionen: Kanton strebt Frauenquote von 50 % auf Chefbeamten-Positionen an.

- Faire Renten für Frauen: Kanton zahlt als Arbeitgeber ab dem ersten Lohn in die Pensionskasse ein.

- Analyse der Verteilung von Subventions- und Vergabegeldern: Projekte mit und von Frauen werden gefördert.

- Anerkennung und Aufwertung der Care-Arbeit: Kanton gewährleistet bezahlte Betreuungszeit für pflegebedürftige Angehörige.

- Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Kanton stellt sicher, dass jedes Kind einen bezahlbaren Betreuungsplatz erhält; Teilzeitarbeit wird in der kantonalen Verwaltung auf allen Stufen ermöglicht und gefördert; Verwaltung gewährt angemessene Elternzeit.

- Keine Diskriminierung: Kanton verbietet sexistische Werbung und setzt sich gegen Diskriminierung ein.

- Chancengleichheit für Migrantinnen: Berufs- und Bildungsförderungsprogramme werden lanciert und umgesetzt.

- Verhinderung von häuslicher und sexueller Gewalt.