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«Wir schreiben hier gerade Geschichte» – das war der Frauenstreik in Solothurn

350 in Olten, 2000 in Solothurn. Am Frauenstreik gehen Frauen und Männer im Kanton Solothurn auf die Strasse. Die violette Masse kämpfte für Gleichstellung und kümmerte sich nicht um derbe Kommentare.

Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Eine Aufforderung brauchen die rund 350 anwesenden Frauen keine. Wie abgesprochen springen sie von den Bänken auf. Sie schreien, jubeln, kreischen. Ihre Hände strecken sie gegen den Himmel. Ihre Hüften bewegen sich im Takt. Die Tanzgruppe «La Tarantella» zeigt auf der improvisierten Bühne vor der Stadtkirche in Olten die simplen Tanzschritte vor. Ein Schritt nach rechts, wippen. Ein Schritt nach links, wippen. Und immer weiter.

Frauenstreik 2019 im Kanton Solothurn

Frauenstreik 2019 im Kanton Solothurn

Am Vormittag fanden in Grenchen, Olten und Solothurn separate Aktionen statt – am Nachmittag versammelten sich alle in der Ambassadorenstadt für eine Kundgebung.

Seit zehn Uhr morgens läuft der Frauenstreik in Olten in der Kirchgasse. Die Gewerkschaften Unia und Syna verteilen Buttons, T-Shirts, Aufkleber und Flyer. «Wer will noch mal, wer hat noch nicht?» Die Frauen und Männer greifen gerne zu. Sie verzieren ihre Jeansjacken und Rucksäcke, binden sich pinke Foulards in die hochgesteckten Haare, tragen die Aufkleber stolz auf den T-Shirts.

«Der Kampf für gleiche Rechte soll heute frischen Wind bekommen. Damit endlich etwas vorwärtsgeht», sagt Siv Lehmann und begrüsst als Kopf des Oltner Frauenstreik-Kollektivs die Streikenden. Rund 350 Frauen und Männer werden im Verlauf der Mittagsstunden auf dem Platz vor der Stadtkirche anzutreffen sein. Vor diesem Publikum werden den Stadträtinnen Iris Schelbert-Widmer und Marion Rauber die Forderungen des Oltner Kollektivs an die Stadt Olten übergeben.

«So ein Blödsinn»

Während die Anwesenden ein erstes Mal in Jubelschreie und wildes Klatschen ausbrechen, nähert sich ein älterer Herr dem Streikort. Mehrmals schüttelt er den Kopf. Bei einer Frau mit Strohhut, die sich ein riesiges Schild aus Karton umgehängt hat, verharrt er. Die Frau fordert etwa einen Mittagstisch, bezahlbare Kita-Plätze und arbeitsfreundlichere Strukturen. Wieder schüttelt der Mann seinen Kopf. Fast beiläufig, aber laut genug, um mehrere Blicke auf sich zu ziehen, sagt er: «Jede Kuh schaut zu ihrem Kalb, nur die Weiber nicht.» Kaum hat er die Worte ausgesprochen, bekommt er den weiblichen Gegenwind zu spüren. «So ein Blödsinn», sagt die eine. «Was willst Du überhaupt hier?», fragt eine andere. Eine junge Frau bringt es auf den Punkt: «Solche Leute lassen wir heute einfach reden.» Der Mann schlurft grummelnd davon. Mit dem Wissen, dass er sich einen denkbar schlechten Tag für Kommentare dieser Art ausgesucht hatte.

Während die streikenden Frauen und Männer an den im Venussymbol angeordneten Tischen nicht ganz so violettes Risotto essen, schreitet Slam-Poetin Lisa Christ die Treppen zur Stadtkirche hoch. Konzentriert schaut sie in die Menge. Mit Nachdruck ruft sie ins Mikrofon: «Wir schreiben hier gerade Geschichte.» Die Frauen jubeln. Beflügelt vom Rückhalt aus dem Publikum legt die junge Oltnerin noch einen drauf. So fordert sie etwa lautstark: «Gleichstellung: Jetzt! Vaterschaftsurlaub: Jetzt! Mehr Solidarität: Jetzt!»

Der Auftritt von Lisa Christ am Oltner Frauenstreik

Der Auftritt von Lisa Christ

Neben den geplanten Auftritten und Reden nutzen immer wieder andere Frauen das offene Mikrofon: Mehrere Mütter, eine Hauswartin, eine Katholikin, eine Studentin und «eine von früher», wie sie sagt, sprechen sich ihren Frust von der Seele. Organisatorin Siv Lehmann ist begeistert: «Gerade das wollten wir, dass verschiedene Frauen zu Wort kommen.»

Frauenstreik 2019 in Olten

Impressionen vom Frauenstreik Olten mit rund 300 Streikenden in der Kirchgasse.

  

Mehr als 2000 Streikende

Aus den Lautsprechern erklingen mittlerweile andere Klänge: ein Frauenchor ab Band, der feministische, kämpferische Lieder singt. Passend zum Aufbruch: Die Frauen und Männer machen sich auf. Der Weg führt durch die Altstadt, der Aare entlang und über die Bahnhofsbrücke zum Bahnhof. Rund 70 Frauen nehmen die 20-minütige Zugfahrt nach Solothurn auf sich. Die Zugtickets für Hin- und Rückweg werden von der Unia gesponsert. Den Zug teilen sich die Streikenden mit rund 50 Nachwuchsturnern, die in grasgrünen T-Shirts auf dem Rückweg vom Eidgenössischen Turnfest in Aarau sind. «Was macht denn ihr?», fragt ein Junge. «Wir streiken», wird ihm geantwortet. «Ah, okay», meint er mit fragendem Blick. «Weisst Du, für gleiche Rechte für die Frauen.»

In Solothurn angekommen nutzt ein Detailhändler die Gunst der Stunde: «Eistee, Eistee.» Die schwitzenden Frauen lassen sich dies nicht zwei Mal sagen. Die Werbeaktion scheint gelungen.
Die Oltner Streikgruppe bahnt sich den Weg über den Bahnhofsplatz zum Kreuzackerplatz. Mit Trillerpfeifen bewaffnet, bunten Transparenten und Jubelschreien. Ebenso laut werden die Neuankömmlinge von den Solothurner Streikenden begrüsst. Ein Gänsehautmoment: Die beiden Gruppen treffen aufeinander, wenige Augenblicke später verschmelzen sie zu einer grossen, tanzenden, jubelnden Masse. Laut, fröhlich und bunt. Sie kommen aus dem ganzen Kanton Solothurn. Denn mittlerweile sind auch die Grenchnerinnen dazugestossen.
Mehr als 2000 Streikende – diese Zahl nennt das Solothurner Frauenstreik-Kollektiv auf Anfrage – machten sich schliesslich auf den Weg durch die Altstadt: Auf dem Amthausplatz stimmt eine Gruppe das eigens für den Frauenstreik geschriebene Lied an. Bis die Klänge von jeder und jedem weitergetragen werden.

Der nächste Halt: Vor dem Rathaus übergeben die streikenden Frauen feierlich den Regierungsrätinnen Brigit Wyss und Susanne Schaffner die Forderungen an den Kanton Solothurn (siehe rechts) – in Form einer Schriftrolle aus violettem Papier. Das Klatschen, die Trommelschläge und die Jubelschreie hallen von den alten Mauern. Violette Fahnen, bunt bemalte Transparente und fordernde Kartonschilder werden in die Höhe gestreckt.
Die riesige, violette Masse verteilt sich zuletzt vor der St. Ursen-Kathedrale auf die Treppe. Aus den Lautsprechern klingt ein Song, der junge Frauen dazu aufruft, für sich einzustehen. Eine unausgesprochene Aufforderung zum Tanzen. Die Frauen bewegen sich im Takt. Wie eine Welle breitet sich das Gefühl aus. Und wieder: Jubelschreie und Klatschen.

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