Nachholbildung
«Wir müssen das selbst in die Hand nehmen»

Unternehmer Josef Maushart schickt Erwachsene in die Berufslehre und sorgt so für Fachkräfte.

Franz Schaible
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Unternehmer Josef Maushart (l.) hat die Podiumsteilnehmenden mit seinen Ausführungen zur Nachholbildung gefesselt (v.l.): Christine Davatz-Höchner , Vizedirektorin Schweizerischer Gewerbeverband, Moderator Steffen Lukesch, Bildungsdirektor Remo Ankli und SP-Ständerat Roberto Zanetti.

Unternehmer Josef Maushart (l.) hat die Podiumsteilnehmenden mit seinen Ausführungen zur Nachholbildung gefesselt (v.l.): Christine Davatz-Höchner , Vizedirektorin Schweizerischer Gewerbeverband, Moderator Steffen Lukesch, Bildungsdirektor Remo Ankli und SP-Ständerat Roberto Zanetti.

Hans Ulrich Mülchi

Das Thema Fachkräfte brennt unter den Nägeln. Denn selbst in Zeiten mit steigender Arbeitslosigkeit sind offenbar gut qualifizierte Berufsleute Mangelware. Der im fast voll besetzten Solothurner Konzertsaal durchgeführte Anlass «Solothurn Talks», dem «Fachgespräch für Taktgeber aus Politik und Wirtschaft», widmete sich einer brisanten Fragestellung: Was ist zu tun, um einerseits die Nachfrage nach Fachkräften zu befriedigen und andererseits nicht eine steigende Anzahl Erwerbstätiger zu generieren, die in der Arbeitswelt nicht mehr gefragt sind?

Direkt von der Front zeigte Josef Maushart, Chef der Präzisionswerkzeugherstellerin Fraisa AG in Bellach, in seinem Eröffnungsreferat einen Weg auf, wie dieses Dilemma umschifft werden kann. Unabhängig von der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative zwinge allein die demografische Entwicklung die Unternehmen dazu, «die Menschen, mit denen wir arbeiten möchten, selbst auszubilden». Sein Modell heisst Nachholbildung für Ungelernte, welches der Unternehmer in seinem Betrieb forciert. Um den Standort Schweiz zu sichern, müsse nicht nur die Produkttechnologie, sondern auch die Produktionstechnologie in höchstem Masse weiterentwickelt werden. In der Fraisa habe eine neu entwickelte hochautomatisierte Produktionslinie für den Schleifprozess in diesem Bereich den Schichtbetrieb abgelöst. Anstelle der bisherigen Anlernkraft, brauche es jetzt gelernte Fachkräfte, um diese komplexen Systeme betreiben zu können.

Bedarf an Ungelernten sinkt

Der Anteil der Ungelernten in der Fraisa sei von 35 Prozent im 2007 auf aktuell 20 Prozent gesunken und in fünf Jahren werde dieser bei 5 Prozent liegen. Entsprechend steige der Anteil der ausgebildeten Berufskräfte und Techniker. Um diesen Bedarf zu decken, setze man auf die bewährte Berufslehre. «Dieses System ergänzen wir mit der Berufslehre für Erwachsene.» Aktuell stünden bei der Fraisa 12 Mitarbeitende in diesem Programm. «Mit diesen Ausbildungen qualifizieren sich die ‹erwachsenen Lehrlinge› für die geschilderten, veränderten Job-Profile in der Fraisa», so Maushart.

Die so höher qualifizierten Berufsleute hätten auch künftig einen Arbeitsplatz in der Fraisa. Gleichzeitig stiegen mit der Ausbildung die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Damit und weiteren Instrumenten sollte es der Fraisa gelingen, zu jedem Zeitpunkt geeignetes Personal in der richtigen Zahl zur Verfügung zu haben. Maushart: «Wir müssen das selbst in die Hand nehmen.»

Schnupperlehre als Einstieg

In der anschliessenden Podiumsdiskussion erntete Maushart für seine Programme ungeteiltes Lob. Das Fraisa-Modell sei nachahmenswert, sagte Christine Davatz-Höchner, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Denn es herrsche ein Manko an jungen Erwachsenen, die einen gewerblichen Beruf erlernen wollten. Die Ausbildungsbereitschaft seitens der Firmen sei hoch. «Selbst in Krisenzeiten wurden die Lehrstellen nicht reduziert.» Gleichzeitig warnte sie davor, die Ausbildungsbetriebe mit Ansprüchen zu überfordern. Es gelte, bereits in der Oberstufe der Volksschule «das Feuer für technische Berufe zu wecken und gleichzeitig die Karrierechancen aufzuzeigen».

Ein bewährtes Instrument dazu sei die Schnupperlehre, so Davatz. Die wichtige Rolle der Schule unterstrich auch Bildungsdirektor Remo Ankli. Zwar liege die Hauptaufgabe bei den Firmen und Berufsverbänden, um genügend Nachwuchskräfte rekrutieren zu können. «Die Schule kann aber mithelfen, die Jugendlichen besser an die technische Berufsbildung heranzuführen.» Wie wichtig das sei, zeige die Tatsache, dass es im Kanton Solothurn aktuell, vier Monate vor Lehrbeginn, immer noch rund 100 offene Lehrstellen für handwerkliche Berufen gebe.

«Berufslehre ist sexy»

Das Feuer für die Berufslehre ist bei SP-Ständerat Roberto Zanetti bereits entfacht. Das duale Berufsbildungssystem sei ein Diamant, der aber noch weiter geschliffen werden müsse. «Denn die Berufslehre ist sexy!» Das Produkt müsse aber noch besser vermarktet werden. Und die Berufslehre müsse entbürokratisiert werden.

Positiv sei, dass nach dem Nationalrat diese Woche auch der Ständerat einer Motion zum Thema zugestimmt habe. Darin wird der Bundesrat beauftragt, Massnahmen zu ergreifen, welche den administrativen und dadurch entstehenden finanziellen Aufwand für die Lehrlingsbetreuung, insbesondere für KMU, reduzieren.