Wirtschaftsapéro

«Wir leben in der Welt des Livetickers und der breaking news»

Trendforscher David Bosshart sieht mit der Digitalisierung auch einen globalisierten Arbeitsmarkt: «Es gibt nur noch den Kampf um die Besten.»

Trendforscher David Bosshart sieht mit der Digitalisierung auch einen globalisierten Arbeitsmarkt: «Es gibt nur noch den Kampf um die Besten.»

Am Wirtschaftsapéro in Balsthal stand die Digitalisierung und deren Auswirkungen auf Mensch und Wirtschaft im Zentrum.

Das hat in diesen Tagen Seltenheitswert: Am 8. Wirtschaftsapéro in Balsthal mit rund 300 Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Behörden war die Abstimmungsvorlage zur Unternehmenssteuerreform III mit keiner einzigen Silbe erwähnt worden.

Es war nach dem wochenlangen Informationsbombardement von Pro- und Contraseite wohltuend, zu erfahren, dass es auch noch weitere, ebenso wichtige Themen gibt. Und das wurde in der bis auf den letzten Platz gefüllten Eventhalle der Jomos AG erfüllt: drei Referate über die Auswirkungen der laufenden digitalen Revolution. Wie wird die Welt 2030 aussehen? Eine Entwicklung, von welcher jeder Mensch in irgendeiner Form betroffen sein wird.

Welt entwickelt sich «exponenziell»

Diese Betroffenheit setzte Hauptredner David Bosshart ins Zentrum seiner Ausführungen. «Wir müssen lernen, die Digitalisierung zu verstehen, sonst werden wir programmiert und können keine eigenständigen Entscheide mehr fällen», sagte der Philosoph, Trendforscher und Chef des Gottlieb-Duttweiler-Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft.

Zwar sei der Zeithorizont bis 2030 lang. Aber er sprach von «einer exponenziellen Welt», die sich nicht in kleinen, sondern in grossen Schritten entwickelt. Roland Fürst veranschaulichte in seiner Begrüssungsrede die Geschwindigkeit anhand eines nostalgischen Rückblicks auf sein Berufsleben vor dem jetzigen Amt als Regierungsrat. Es sei erst 28 Jahre her, als er als Systemingenieur in Lochkartentechnik programmiert habe. Noch 1993 habe Bill Gates erklärt: «Das Internet ist nur ein Hype.»

Heute sei klar, das Gegenteil sei eingetroffen, und 2002 sei die Welt definitiv umgekrempelt worden. Damals seien weltweit erstmals mehr Daten digital als analog gespeichert gewesen. Heute sei alles «smart». Fürst erinnerte, dass das erste Smartphone erst 2007, also vor zehn Jahren, auf den Markt kam.

Diese exponentielle Entwicklung sei nicht aufzuhalten, nahm Bosshart den Faden auf. Die Zukunft sei die Gegenwart. «Wir leben heute in einer Welt des Livetickers und der breaking news.» Ein Beispiel liefere die Politik. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder habe seinerzeit gesagt: «Zum Regieren brauche ich nur die ‹Bild›-Zeitung und die Glotze.» Der neue US-Präsident Donald Trump betreibe «Politik über SMS und Twitter und zählt über 48 Millionen Follower auf den sozialen Netzen.»

Die kleinen smarten Geräte würden immer mächtiger. Die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine werde ergänzt durch die Kommunikation von Maschine zu Maschine. Von dieser Transformation seien alle Branchen – wenn auch zeitverschoben – tangiert. Relativ spät von der Automation betroffen seien komplexe Dienstleistungen im Bereich Gesundheitswesen und Erziehung, sprich Schule.

Aber: «Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.» Ob unter dem Strich die Zahl der Arbeitsplätze sinke, sei offen. Tätigkeiten fallen weg, gleichzeitig entstehen neue Jobs. Verschwinden würden alle repetitiven Tätigkeiten. Dagegen würden alle Aufgaben, die in einem Kontext zu anderem stehen, boomen. Stichworte sind Kreativität, soziale Intelligenz oder handwerkliche Berufe. Bosshart erwartet einen globalisierten Arbeitsmarkt. «Es gibt nur noch den Kampf um die Besten.» Deshalb sein Tipp: «Die kontinuierliche Bildung ist unerlässlich, auch wenn damit keine Job-Garantie mehr verbunden ist.»

Es gibt «Schattenseiten»

Die Möglichkeiten der Digitalisierung bergen aber auch Gefahren, sagte unter anderem Joël Luc Cachelin von der «Wissensfabrik». Der Think Tank befasst sich mit der Frage, wie das Internet Wirtschaft und Gesellschaft verändert. Er sprach von «den Schattenseiten der Transformation». Cachelin machte die Vernetzung zum Thema. «Wir sind alle nur noch einen Click voneinander entfernt.»

Vernetzung heisse aber auch Transparenz. Sie mache bislang unbekannte Zusammenhänge sichtbar, aber «wir alle hinterlassen auch unsere Spuren». Diese werden von Firmen für ihre Zwecke eingesetzt und die Daten könnten auch für politische Ziele genutzt werden. Dieses Social Engineering könne missbraucht werden. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch das postfaktische Zeitalter. Die Welt werde übers Internet mit unterschiedlichen Wahrheiten «versorgt». Der Schritt zur Manipulation sei nicht mehr weit.

Jenny Frey von der Thal-Garage Frey AG führte in ihrem Referat zurück in die Praxis. Sie zeigte auf, wie dank der Digitalisierung die Arbeit im Familienbetrieb effizienter gestaltet werden könne. «Wir können dank der Umstellung auf die Digitalisierung pro Wagen in Service und Reparatur bis zu 1000 Handgriffe einsparen.»

Die zunehmende Digitalisierung sei Tatsache, sagte Trendforscher David Bosshart. «Nostalgie ist gefährlich. Die Romantisierung der alten Zeiten hilft nicht, sich in der neuen Welt zurechtzufinden.» Das war sozusagen das vorgezogene Schlusswort.

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