Solothurn
«Wir kennen unsere Fische»: Diese Taucher geben den Aarebewohnern auch schon mal Namen

Gerda Hüsler und Ernst Häusermann tauchen regelmässig ab: Als Lebens- und Tauchpartner sind sie seit Jahren auch in der Solothurner Aare unterwegs. Und treffen dabei auf Klopapier, Tonscherben und Unterwasserbewohner.

Noëlle Karpf
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Tauchen seit 30 respektive 50 Jahren: Ernst Häusermann und Gerda Hüsler. Am liebsten tun sie das im Herbst in der Aare.

Tauchen seit 30 respektive 50 Jahren: Ernst Häusermann und Gerda Hüsler. Am liebsten tun sie das im Herbst in der Aare.

Hanspeter Bärtschi

Als Kind sei sie einmal «irgendwo am Meer» in den Ferien gewesen. «Dort habe ich zum ersten Mal Taucher gesehen», erzählt Gerda Hüsler. Und die Luftblasen, die von den Tauchenden an die Oberfläche geschickt wurden und dort zerplatzten. «Das will ich auch mal», habe sie damals gedacht.

Das war vor über 50 Jahren. Heute stehen Gerda Hüsler und Ernst Häusermann, Tauch- und Lebenspartner, an einem Platz an der Solothurner Aare, um «wieder mal zu tauchen». Er ist 60, wohnt in Grenchen, und führt eine Firma für Werbetechnik; sie ist «etwas älter als er», kommt aus Solothurn, ist Fotografin und arbeitet in Ernsts Firma im Werbedesign mit. Gerda taucht laut eigenen Angaben seit 1969, Ernst seit 1992 regelmässig.

Mit ihrem weissen Pick-up sind sie an diesem Tag von Grenchen nach Solothurn gefahren. Auf der Ladefläche stehen Tauchflaschen, Flossen, Neoprenanzüge bereit. Es ist Mitte Oktober, ein kühler Herbsttag. Gerda und Ernst schlüpfen aus Jacke und Pullover, steigen schnell in ihre Neoprenanzüge, ziehen sich gegenseitig die Reissverschlüsse zu. Sie hantieren mit den beiden Flaschen und binden sich Bleigurte um. Mit deren Gewicht sollen sie später im Wasser besser unten bleiben können.

Heute tauchen Gerda und Ernst nicht nur, sie unterrichten auch. In der Aare, im Meer, mit Tauschschülerinnen und Tauchschülern im Bassin. Der Weg dahin war nicht einfach. «Damals», sagt Gerda, «wolle man noch nicht, dass Frauen tauchen». Sie sei dann nach Frankreich und Elba, habe dort die Ausbildung absolviert. Und 1978 hat sie gemäss eigener Erzählung als erste Frau der Schweiz das Brevet als Tauchlehrerin erhalten.

So ist Hüsler in der Datenbank von CMAS – dem Schweizer Tauchlehrerverband – registriert. Ernst Häusermann bestätigt, dass früher schon andere Anforderungen für Tauchlehrer oder eben Tauchlehrerinnen geherrscht hätten. «Vereinzelt gab es Frauen, die das Tauchlehrer-Brevet gemacht haben», so Häusermann. «In den Jahren 1980 bis 2000 waren das ungefähr 25 Frauen.» Zum Vergleich: Im selben Zeitraum machten 246 Männer das Brevet. Auch Ernst hat später das Brevet gemacht. Tauchen gelernt hat er bei Gerda.

Die Flossen in der Hand, die Taucherbrille auf dem Kopf, marschieren Gerda und Ernst vom Pick-up über die Strasse ans Aareufer. Auf den Steinen sitzen sie ab, ziehen sich die Flossen an, und steigen danach, Halt an Steinen und Ufer suchend, in das Wasser. «Kalt ist es nicht», sagen Gerda und Ernst.

Klares Wasser im Winter

Am liebsten tauchen sie im Herbst und im Winter. Dann sei das Wasser am klarsten. Im Sommer sei die Aare grün, trüb. Das ist wichtig – gerade für Unterwasserfotografin Gerda, die auf einer Website Fotos und Videos der Unterwasserwelt veröffentlicht hat. «Im Winter tauchen wir mit dickeren Anzügen – das fühlt sich dann in etwa so an, wie wenn man im Winter am Skilift ansteht», erklärt Gerda.

In der Aare gibt es für sie dann vor allem eines zu sehen: Welse, teils zwei Meter gross, die am Grund entlang schwimmen. «Wir kennen unsere Fische mittlerweile, können sie anhand von Schuppen, Verletzungen auseinanderhalten», sagt Gerda. «Manchmal geben wir ihnen auch Namen.»

Zwar gibts auch anderes zu besichtigen, etwa Tonscherben – oder Klopapier – zumindest in den 60er-Jahren, als das Wasser noch deutlich dreckiger war. «Mich interessiert aber vor allem die Natur», so Gerda. Und von daher ist auch die Aare spannend. Wobei Ernst anfügt, farbtechnisch gesehen sei auch das Tauchen im Meer sehr faszinierend.

Das mit dem Tauchen in der Aare ist aber so eine Sache. Seit 2013 wird ein Verbot umgesetzt, das dem Schweizerischen Binnenschifffahrtgesetz entspricht: Entlang von Schiffslinien und in der Nähe von Anlegestellen von Schiffen ist Tauchen verboten. So auch in Altreu – zuvor beliebtes Taucherparadies. Erlaubt ist Tauchen vom Krummturm abwärts, erklärt Gerda. Von da an, wo die Schiffslinie aufhört.

«Wie im Aquarium sitzen»

Von Gerda und Ernst sind jetzt nur noch die Köpfe über Wasser zu sehen. Sie nehmen das Mundstück der Sauerstoffflasche zwischen die Lippen und schieben sich die Taucherbrillen über die Augen. Sie blicken sich an, legen Daumen und Zeigefinger aneinander. «Alles ist okay.»

Die Faszination, die Gerda seit 50, Ernst seit fast 30 Jahren immer wieder unter die Wasseroberfläche zieht: «Es ist ein bisschen so, wie im Aquarium zu sitzen», sagt er. «Man ist quasi schwerelos, hat diese Ruhe, ist weit weg von Stress und Alltag.»

Langsam verschwinden Gerda und Ernst ganz in der Aare. Am Schluss sind nur noch Luftblasen zu sehen, die an der Wasseroberfläche zerplatzen.