Muslim-Bestatter

«Wir kehren nur noch im Sarg in die Heimat zurück»

Das Holz für seine Särge muss besonders leicht sein: Bestatter Enver Fazliji organisiert die Rücktransporte Verstorbener in ihre Heimat – per Flugzeug.

Das Holz für seine Särge muss besonders leicht sein: Bestatter Enver Fazliji organisiert die Rücktransporte Verstorbener in ihre Heimat – per Flugzeug.

Enver Fazlijis Kunden treten ihre letzte Reise meist im Frachtraum eines Flugzeuges an. Der 29-jährige Bellacher ist einer von zwei muslimischen Bestattern in der Schweiz. Er ermöglicht verstorbenen Muslimen die Rückkehr in ihre Heimat.

Hunderte Male schon hat Enver Fazliji die Plastikhandschuhe angezogen, die Schürze über den Anzug gestülpt und dann mit der Waschung des Leichnams begonnen.

Der Bellacher Fazliji, 29, ist einer von offenbar nur zwei muslimischen Bestattern in der Schweiz. Von Genf bis Romanshorn rufen ihn Angehörige an, damit er die letzte Reise der Verstorbenen organisiert. Es ist ein Kampf gegen die Zeit: Innert 24 Stunden muss ein Verstorbener die rituelle Waschung erhalten, wenn möglich sollte er innert 48 Stunden beerdigt sein.

In seinem Haus in Bellach ist auch das Bestattungsunternehmen von Enver Fazliji. Eine Karte zeigt, wohin er Verstorbene schon transportiert hat: fast überall in die Welt. Hauptgeschäft ist aber der Balkan. Vor allem die erste Generation der Einwanderer möchte in ihrer Heimat beerdigt werden, wo oft noch Verwandte leben.

Die Kinder werden hier bleiben

«70 Prozent der Särge, die von Zürich aus verfrachtet werden, gehen auf den Balkan», weiss Fazliji, der nicht nur Muslime, sondern auch Katholiken und Orthodoxe in ihre Heimat repatriiert. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt bei 50, es sind Einwanderer der ersten Generation, die jung aus dem Gebiet des früheren Jugoslawien in die Schweiz kamen. «Viele planen zwar, nach der Pension wieder in die Heimat zu gehen», sagt Fazliji. «Aber wenn ihre Kinder und Familien hier leben, tun sie das fast nie. Wir gehen nur noch im Sarg in die Heimat zurück.»

Schweiz bietet kaum Möglichkeiten zur Bestattung

Der Bestatter aus Bellach rechnet damit, dass die zweite oder dritte Generation hier beerdigt werden wird. Noch allerdings stehen dem Hürden entgegen: Es gibt nur wenige Friedhöfe in der Schweiz, die Muslimen die Ausrichtung des Grabes nach Mekka und die ewige Totenruhe gewähren können oder wollen. Schweizer Gräber werden oft nach spätestens 25 Jahren aufgehoben. Und oft fahren Leichenwagen mit Kreuz vor, um die Toten abzuholen – für Muslime geht das eigentlich nicht. Das waren auch die Gründe, weshalb Fazliji mit 20 sein Geschäft gegründet hat.

Als seine Grossmutter starb, war er mit all den Schwierigkeiten konfrontiert, die Muslime bei Bestattungen in der Schweiz haben können. Fazliji, damals hatte er gerade die Lehre als Informations- und Dokumentationsassistent in der Zentralbibliothek Solothurn abgeschlossen, begann sein eigenes Geschäft. Im ersten Jahr erhielt er vier Aufträge, im letzten Jahr waren es 150. Noch immer arbeitet er zu 40 Prozent in seinem bisherigen Job. «Wenn man es immer mit Trauernden zu tun hat, dann tut Abwechslung gut.» Trotzdem wird er den zweiten Job bald aufgeben. «Es wir mir zu viel», sagt er. Inzwischen hat er eine Familie.

Mühe, wenn Kinder sterben

Tabu Tod. Schaudert es Enver Fazliji manchmal nicht, wenn er die Verstorbenen sieht? Am Anfang sei ihm die Arbeit sehr nahe gegangen, nachts sei er aufgewacht, sagt Enver Fazliji. «Dann aber beginnt die Psyche zu arbeiten und blendet das automatisch aus.» Kummer dürfe er nicht nach Hause mitnehmen. «Wir müssen eine professionelle Hilfe für die Angehörigen sein. Wenn wir selber traurig werden, kann man uns nicht mehr brauchen.»
Nur verstorbene Kinder, die gehen Enver Fazliji sehr nahe, seit er selbst eine Tochter hat. Sein Witz und seine Leichtigkeit sind verflogen, wenn er darüber spricht. «In den letzten Wochen hatte ich vier Kinder. Manchmal musste ich da einfach losweinen, wenn ich bei der Familie war.» Und es gibt Momente, da bekommt Enver Fazliji Angst, dass der Tod plötzlich jemandem aus seinem engeren Umfeld treffen könnte. «Ich wüsste nicht, wie ich reagiere.»

Leichtes Holz aus China

In einem Garagencontainer in Bellach lagert Fazliji die Särge. Spezialanfertigungen, für die er das Holz aus China importiert hat; ein Holz, das einen Sarg im Vergleich zu Schweizer Standardmodellen etwa 25 Kilogramm leichter macht. – Es geht auch um Frachtkosten. Männer und Frauen bis zu 100 Kilo Gewicht und 1,95 Metern Körpergrösse finden im Standardsarg Platz. Im Innern befindet sich quasi ein zweiter Sarg aus Zink, der für den Flug luftdicht verschlossen werden kann.
Fazliji nimmt den Sargdeckel weg und büschelt den blendend weissen Stoffausschlag mit dem schönen Muster zurecht. Auf die feine Ausstattung legt er wert. «Es ist das letzte Bild, das den Angehörigen in Erinnerung bleibt.» Respekt hat Enver Fazliji immer. «Die Familie vertraut uns einen Menschen an, den sie geliebt hat.»
Der Sarg ist quasi das letzte Erinnerungsstück an die Schweiz, das Enver Fazliji seinen Verstorbenen mit auf die Reise gibt. «Wir Muslime haben traditionell keine Särge», sagt der Bestatter aus Bellach. In drei weisse Tücher gehüllt wird ein Muslim zu Grabe getragen. Auch den Bestatter als Beruf gibt es bei den Muslimen traditionell nicht. Die Beerdigung organisiert die Familie.

Auch Tote brauchen Pässe

Irgendwann muss man auch über das Praktische reden. Im Keller von Fazlijis Haus steht auf einem Gestell fein säuberlich alles, was er braucht: Schwämme zum Waschen der Verstorbenen, Shampoo-Flaschen in Reih und Glied, Plastikhandschuhe und die vorgeschnittenen weissen Stofftücher zum Einwickeln der Verstorbenen.
Wenn Enver Fazliji aufgeboten wird, dann tickt die Uhr immer: Er muss nicht nur den Flug organisieren, sondern auch alle Formalitäten erledigen: Vom Zivilstandsamt braucht er einen provisorischen Totenschein, die Botschaft muss bestätigen, dass der verstorbene Staatsangehörige einreisen darf, Fazliji muss das OK des Zielflughafens einholen, der sicher sein will, dass die Leiche auch abgeholt wird. Er muss den Sargtransport bei der Spedition anmelden. Und auch für die letzte Reise braucht es einen Pass.
Schliesslich fährt Enver Fazliji mit dem Toten in das rechtsmedizinische Institut Zürich, wo ein Beamter neben der Identität des Toten auch kontrolliert, ob nicht noch Schmuggelware im Sarg liegt. Dann wird der Sarg luftdicht verschlossen und plombiert.

Bevor der Sarg ins Flugzeug verladen wird, packt ihn Enver Fazliji in einen Jutesack ein. Das fordern die Fluggesellschaften. Zuvor war es manchmal vorgekommen, dass Passagiere nicht mehr einsteigen wollten, nachdem sie gesehen hatten, dass ein Sarg mitfliegt. Meist schafft Enver Fazliji das innert 48 Stunden.

Nicht gleich behandelt

Enver Fazliji lacht viel, er ist ein aufgestellter Mensch, der auch ein wenig stolz auf seinen Erfolg ist. Er hat eine Marktlücke entdeckt. Mit einem gewöhnlichen Geschäft darf man seinen Beruf aber nicht vergleichen. Fazliji erzählt von einem Leichnam, den er kürzlich im Tessin abholen musste. Der Mann starb bei einem landwirtschaftlichen Unfall. Weder Rettungskräfte noch das Leichenschauhaus haben den geringsten Dreck vom toten Körper entfernt. So wenig Respekt bringt Bestatter Fazliji in Rage. «Im Leben kommt es halt doch darauf an, wer du bist und wo du lebst.»

Der Verstorbene, den Muslim Fazliji repatriiert hat, war ein orthodoxer Mazedonier. «Du hast doch eine Verantwortung vor Gott», sagt er.

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