Hebammen Aargau-Solothurn
«Wir gingen vergessen»: die höchste Hebamme im Kanton über die Krisenzeit

Gefordert in der Coronakrise: die Hebammen. Für sie stellt die aktuelle Lage Herausforderung und Chance dar – ebenso für junge Familien, die in dieser Ausnahmesituation ein Kind erwarten.

Noëlle Karpf
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Sula Anderegg, Hebamme und Präsidentin der Sektion Aargau-Solothurn des Schweizerischen Hebammenverbandes.

Sula Anderegg, Hebamme und Präsidentin der Sektion Aargau-Solothurn des Schweizerischen Hebammenverbandes.

Solothurner Zeitung

Das Leben geht weiter, auch während der Krise. Wortwörtlich. Etwa in Langendorf, bei der Familie Hammel. Am 9. März kam Mischa Valentin zur Welt, Sohn von Odile und Christopher Hammel. Die Geburt fand im Bürgerspital statt. Kurz bevor der Bundesrat die ausserordentliche Lage beschlossen hat. «Das einzige, was wir bemerkt haben, war, dass wir zur Begrüssung niemandem die Hand geben durften», berichtet Odile Hammel. Bei der Geburt ging alles gut, am Wochenbett waren Besuche noch erlaubt. Die ersten Einschränkungen in der Frauenklinik kamen am 12. März. An diesem Tag konnte die junge Mutter aber ohnehin wieder nach Hause. Dann kam, was auch die junge Familie noch nie erlebt hat: der beinahe Lockdown in der ganzen Schweiz.

Odile und Christopher Hammel mit Mischa

Odile und Christopher Hammel mit Mischa

Solothurner Zeitung

«Am Anfang hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich ein Kind in eine Welt gebracht habe, die völlig aus den Fugen geraten ist», so die junge Mutter. Besuche von Grosseltern, Tanten, Onkeln, die frischgewordene Eltern normalerweise erhalten, blieben aus. «Sehr schwierig war auch, dass die Eltern meines Mannes, die in Deutschland leben, nicht einreisen durften». Gerade in der Anfangszeit der einzige Kontakt zur Aussenwelt: Die Hebamme. «Man hat so viele Fragen, die man normalerweise an die Eltern stellen würde – deshalb war dieser Kontakt enorm wichtig», sagt Odile Hammel.

«Wir wurden nicht als systemrelevant betrachtet»

Die Hebamme der Hammels ist Sula Anderegg. Die 55-Jährige aus Biberist ist seit 2011 freischaffend in der Region tätig, seit 2014 präsidiert sie die Sektion Aargau-Solothurn des Schweizerischen Hebammenverbandes. «Besonders zu Beginn der ausserordentlichen Lage war es eine Herausforderung für uns», erzählt sie am Telefon. Einerseits gab es viele offene Fragen: Sind Hausbesuche noch erlaubt, was muss beachtet werden?

Viele Anfragen kamen auch von Frauen, die sich kurzfristig entschlossen, doch lieber zu Hause, statt im Spital zu gebären. «Wir konnten nicht allen Wünschen nach Hausgeburten entsprechen, aber alle Frauen im Rahmen der Möglichkeiten betreuen», so Anderegg.

Auf der anderen Seite seien die Hebammen auf Kantons- und Bundesebene zu Beginn der Krise vergessen gegangen. Man habe keine Schutzmasken oder Desinfektionsmittel erhalten: «Wir wurden schlicht nicht als systemrelevant betrachtet.» Aber jammern will Anderegg nicht. Vieles habe sich auch wieder gelegt. «Wir haben eine enorme Solidaritätswelle gespürt und auch Material geschenkt bekommen – von Firmen und Privatpersonen.»

Nun seien die Hebammen im Kanton ausgerüstet: «Wir können jegliche Anfragen innert weniger Stunden beantworten, Frauen auch früher nach einer Spitalgeburt nach Hause begleiten und auch Kundinnen betreuen, die am Virus erkrankt sind.» Die Biberisterin hat dies noch nicht erlebt, sie berichtet aber von einer Kollegin, die in Vollmontur auf Visite war.

Der Hebammen-Beruf, der ansonsten auch intimen Kontakt erfordert, wird derzeit auf Distanz ausgeübt: Kinder werden nicht mehr in den Arm genommen, die Hebammen tragen Mundschutz. Und: «Wir überlegen uns in jedem Fall, ob wir wirklich vor Ort gehen müssen.» Auch privat hat Anderegg, die seit November Grossmutter ist, ihre Kontakte eingeschränkt, ihr Enkelkind sieht sie derzeit nicht – «auch wenn das Grosiherz blutet. Aber mein Job bringt eine Verantwortung mit sich; ich kann kein Risiko für meine Kundschaft darstellen.» Deshalb gilt auch im Beruf: Wenn ein persönliches Treffen nicht zwingend nötig ist, werden Fragen per Telefon oder Videochat beantwortet. Nur: Das könne Stand heute nicht adäquat verrechnet werden. Die Sektionspräsidentin Aargau-Solothurn sieht darin aber nicht nur Nachteile.

Mehr Ruhe für Eltern – und das neugeborene Kind

«Das ist das Gute an der Situation: Man merkt, was im heutigen System falsch ist und dass nebst Spitälern und privaten Spitex-Organisationen auch wir freischaffenden Hebammen systemrelevant sind.» Anderegg hofft, dass nach der Krise zum Beispiel Finanzierungsmodelle überarbeitet werden können. Eine Chance sei die aktuelle Lage auch für Eltern und ihre Neugeborenen: «Junge Familien profitieren auch von der Ruhe, die sie haben – sie müssen sich nicht erklären, wenn sie noch keinen Besuch wollen». Das sei auch für Kinder weniger stressig und helfe, die Eltern-Kind Beziehung zu vertiefen.
Das bestätigt auch Familie Hammel in Langendorf – zumindest teilweise. Die Pflegefachfrau ist im Mutterschaftsurlaub, der Softwareentwickler kann gut von zu Hause aus arbeiten.

«Ich kann meinen Sohn deshalb viel mehr sehen», berichtet er. Für sie war die Situation besonders zu Beginn schwierig: «Auch wenn das keinen Zusammenhang hat: Gerade jetzt, wo es mich braucht, falle ich aus», sagt die Pflegefachfrau. Mit der Zeit habe sie aber wieder mehr Boden unter den Füssen erhalten, gemerkt dass die Massnahmen gegen die Verbreitung des Virus greifen und dass dieses für Kinder weniger gefährlich ist. «So steht wirklich die Familie im Vordergrund. Wir sind gesund, uns geht es gut. Das Leben geht weiter.»

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