David Gerke will sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Nicht von den Jägern, die ihm an den Kragen wollen. Nicht von den Boulevardmedien, die ihn in die Ecke der Lynchjustiz drängen.

«Ich bin ledig und habe keine Kinder, Drohungen haben bei mir deshalb einen schweren Stand», sagt der Zuchwiler. Gerke sitzt in einem Kaffee in der Solothurner Vorstadt, er trägt schwarze Outdoorhosen und einen blauen Faserpelz.

Seinen kahl geschorenen Kopf versteckt er unter einer Mütze, was ziemlich lässig ausschaut. Der 28-Jährige wirkt entspannt, ganz anders, als wir das erwartet hätten. Denn Gründe, um sich Sorgen zu machen, hätte er genug. Gerke sei ein Menschenjäger, hiess es in Leserbriefen. Und der «Blick» titelte: «Wildwest-Jagd nach dem Wilderer!»

Was ist passiert? Gerke ist Präsident der Gruppe Wolf Schweiz, die im Februar eine Lawine der Empörung losgetreten hat. 10 000 Franken will die Gruppe für Hinweise zahlen, die zum Wilderer führen, der Ende 2013 im bündnerischen Tamins illegal einen Wolf abgeschossen hat.

Mit einem Plakat macht Wolf Schweiz auf die Aktion aufmerksam. Darauf zielt ein Schütze mit seinem Gewehr auf den Betrachter. Das sorgt für Aufregung am Fusse des Calanda-Massivs, die Taminser Jäger haben nun zwei Feinde: die Wölfe und David Gerke.

«Wir geben dem Wolf die politische Stimme, die er bitter nötig hat», sagt dieser. Mit jenen Tierschützern, die ein generelles Abschussverbot für Grosswildtiere fordern, will er allerdings nichts zu tun haben.

Seine Organisation sei nicht militant und stehe dem WWF oder Pro Natura deutlich näher, betont Gerke. Warum lässt er dann ein Kopfgeld aussetzen? «Natürlich ist das Ganze umstritten», räumt der Wolfsschützer ein. Er mag lieber von einer Belohnung sprechen.

Unter Artenschutz

Der Wolf fasst in der Schweiz wieder Fuss und erobert sich seinen früheren Lebensraum zurück. Heute steht das Tier unter strengem Artenschutz, seine Jagd ist verboten. Nicht alle haben Freude daran.

David Gerke weiss: «Die Meinungen zum Wolf sind gespalten, es gibt nur gut oder böse. Und nichts dazwischen.» Gerade in katholisch geprägten Gebieten sei der Wolf als «schädlichstes Geschöpf Gottes» ein historisch bedingtes Feindbild.

Und dann gibt es Menschen, die den Wolf regelrecht verehren. «Hündeler etwa, ihre Liebsten gehören schliesslich zur Familie.» Gerke will nicht zwischen guten und bösen Tieren unterscheiden.

«Jedes Tier hat seine Daseinsberechtigung.» Wenn es Hirsche, Rehe und Gämsen gibt, seien die Wölfe nicht weit. «Das Nahrungsangebot beeinflusst die Population», erklärt er.

Aber hat es in der Schweiz überhaupt noch Platz für den Wolf? Das Land ist schliesslich nicht mehr das gleiche wie vor hundert Jahren. «Quatsch», sagt Gerke, und nun wird seine Stimme ein wenig lauter.

«Wer behauptet, dass es für den Wolf zu wenig wilde Natur gibt, liegt falsch.» In Graubünden lebten nur 27 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Derweil wohnten im italienischen Trentino, wo es auch noch Bären gibt, 85 Einwohner auf der gleichen Fläche. In der Schweiz gibt es derzeit schätzungsweise 20 Wölfe. «Für 200 hätte es aber locker Platz», ist Gerke überzeugt.

Zusammenleben mit dem Wolf

Wenn David Gerke lächelt, graben sich kleine Grübchen in seine Backen. Verbissenheit sei nie gut, sagt er, der sich als «absoluter Pragmatiker» bezeichnet. Eine Floskel? Kaum.

Nebst dem Wolfsschützer Gerke gibt es nämlich auch noch den Jäger Gerke und den Schafhirten Gerke. Sind es nicht gerade die Jäger und Schafhirten, die den Wolf am wenigsten mögen?

«Ich würde nicht immer alles pauschalisieren», sagt Gerke. Er weiss, wie schnell man mit vermeintlich Gleichgesinnten in einem Topf landet. Der Jäger Gerke sagt: «Die Aufgabe der Jagd ist das Hegen und Pflegen der Wildbestände.

Warum sollten wir also etwas gegen den Wolf haben?» Und der Schafhirte Gerke meint: «Mit Herdenschutzhunden ist ein Zusammenleben mit dem Wolf gut möglich.» Allerdings hat auch Gerke schlecht geschlafen, als er am Hinterrhein eine Schafherde hütete und in der Nähe ein Wolf auftauchte.

«Als Hirte habe ich halt eine enge Beziehung zu meinen Schafen.» Dass es Situationen gibt, in denen der Abschuss von Wölfen notwendig ist, will Gerke nicht ausschliessen.

Wir machen einen kurzen Abstecher ins Naturmuseum. Unter der Kreuzackerbrücke glänzt die Aare in der Sonne. David Gerke deutet mit seinem Finger nach Osten. «Da vorne, nicht weit von hier, leben Biber.»

Eine weitere Herzensangelegenheit von Gerke, er arbeitet für das «Hallo Biber»-Projekt von Pro Natura. Das Studium der Geografie und der Biologie hat er nach dem Bachelor vorläufig auf Eis gelegt.

«Ich sitze nicht gerne drinnen und hirne herum.» Der Naturschutz steht im Zentrum von Gerkes Leben, die Debatte um den Wolf-Schutzstatus vor acht Jahren hat ihn politisiert.

«Ich sass damals auf der Tribüne im Nationalrat und hörte, welch dilettantische Haltungen die meisten Politiker vertraten», erinnert sich Gerke. Kurze Zeit später, mit 20 Jahren, wurde er Präsident der Gruppe Wolf Schweiz.