Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Es ist Herbst. Insbesondere für Solothurn bringt diese Jahreszeit vor allem eines mit sich: Nebel. In den Tagen, in denen er Sonnenlicht verschluckt, verspüren viele weniger Lebensfreude und Energie. «Meistens ist das aber harmlos und geht wieder vorbei», sagt Thorsten Mikoteit, Leiter des Behandlungszentrums für Ängste und Depressionen der psychiatrischen Dienste Solothurn. Hartnäckiger hingegen ist der «richtige» Herbst- oder Winterblues. Wenn man also nicht nur ein paar schlechte Tage hat, sondern von Oktober bis März durchwegs schlapp, lustlos und niedergeschlagen ist. Dann sprechen Fachleute von einer «saisonalen Depression». Die Depression, die an die Jahreszeit gebunden ist. Im Frühling und im Sommer fühlen sich Betroffene wieder gut.

«Jedes Jahr das Gleiche» – das kennt laut Mikoteit etwa jeder zehnte Solothurner. Rund zehn Prozent der Bevölkerung haben nämlich diesen immer wiederkehrenden Winterblues.

Gestörter Rhythmus

Der Grund für den Winterblues oder «schlechte Tage» im Herbst ist Licht. Besser gesagt: Fehlendes Licht. Laut Mikoteit funktioniert der menschliche Körper zwar nach einem ungefähren 24-Stunden-Rhythmus. «Diese innere Uhr muss aber jeden Tag neu getaktet werden», erklärt Mikoteit. Und zwar durch äussere Taktgeber. Wie den Zug, den man jeden Morgen erwischen muss. Oder Familienmitglieder, die jeden Tag zur selben Zeit aufstehen. Vor allem aber gibt das Licht den Takt vor. «Morgens, weckt uns zwar der Wecker. Aber es ist die Helligkeit, die uns sagt: Jetzt beginnt der Tag», erklärt der Psychiater.

Licht wird über Sinneszellen unserer Augen an eine Hirnregion weitergeleitet, die den Befehl gibt, Melatonin zu hemmen. Melatonin – das «Schlafhormon», wie es Mikoteit nennt: Es ist in der Nacht aktiv, wenn es dunkel ist, und signalisiert dem Körper: Ruhezustand. Wenn es hell ist, wird das Hormon unterdrückt und wir sind wach. «Im Winter haben wir nun das Problem, dass es morgens, wenn wir zur Arbeit oder in die Schule müssen, noch nicht hell ist», erklärt Mikoteit. «Und die Dunkelheit löst das Signal aus: Du kannst noch länger schlafen.» Der Körper muss also nach einem Rhythmus funktionieren, der von aussen gar nicht vorgegeben wird. Das führt nicht nur zu Ermüdung, sondern auch zu Antriebslosigkeit oder Niedergeschlagenheit.

Krankenkasse zahlt

Die saisonale Depression wird durch fehlendes Licht ausgelöst. So kann zusätzliches Licht den Winterblues therapieren. Sogenannte Lichttherapielampen strömen sonnenähnliches Licht aus. Bei einer Lichttherapie setzen sich Betroffene jeden Morgen etwa 30 Minuten diesem Licht aus. So eine Lampe könne man auch am Arbeitsplatz aufstellen, sagt Mikoteit. Es gebe auch Brillen, die einem in die Augen leuchten und die Sinneszellen aktivieren. Ohne uns an dem Punkt zu blenden, mit dem wir sehen. «So kann man diese Brille tragen und gleichzeitig Zeitung lesen.» Nach Abklärung beim Psychiater kann man sich solch eine Lichttherapie verschreiben lassen – und die Krankenkasse übernimmt sie auch.

Wer keinen starken Winterblues, oder vielleicht nur ein paar schlechte Tage hat, kann sich laut Mikoteit selbst auch auf andere Weise behandeln: Zum Skiurlaub in die Berge an die Sonne fahren, den Arbeitsplatz neben einem Fenster einrichten und die Kaffeepause draussen an der Luft und nicht im dunklen Pausenraum verbringen. Denn: Auch wenn es bewölkt ist oder regnet, ist das Sonnenlicht noch hell genug.

Genetisch bedingt

Laut Mikoteit ist auch die Abklärung beim Hausarzt oder Psychiater ein wichtiger Schritt. Der Winterblues ist zwar in den meisten Fällen nicht so gravierend wie eine klassische Depression. «Aber ich glaube, vielen Menschen hilft es schon einmal zu wissen, dass sie eine gewisse Empfindlichkeit haben.» Man müsse dann nicht Angst haben, jahrelang auf der Couch eines Psychaiters liegen zu müssen, fügt Mikoteit scherzhaft an. Für den Winterblues müsse man sich schliesslich nicht schämen: «Eine saisonale Depression ist nicht selbst verschuldet», so der Psychiater, «sondern genetisch bedingt.» Und Gene hätten halt einfach Auswirkungen auf die Ausstattung eines jeden Menschen, wie bei der Augen- oder Haarfarbe, erklärt Mikoteit. «Andere sind dafür anfälliger für Heuschnupfen, wenn es wieder Frühling wird.»