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«Eine Bereicherung»: Dieser 74-Jährige geht regelmässig in die Schule – und unterstützt dort die Lehrpersonen

Nachdem er selber Lehrer war, geniesst es Ruedi Bürki nun als Pensionär im Klassenzimmer helfen zu dürfen. Der 74-Jährige hilft im Rahmen des Projekts «Senior im Klassenzimmer» in Aeschi und in Gerlafingen aus. Davon sind nicht nur die Lehrpersonen begeistert.

Chrisina Varveris
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Ruedi Bürki war vor der Pension selbst Lehrer – im Rahmen des Projekts «Senioren im Klassenzimmer» habe er viel besser Zeit für die einzelnen Kinder.

Ruedi Bürki war vor der Pension selbst Lehrer – im Rahmen des Projekts «Senioren im Klassenzimmer» habe er viel besser Zeit für die einzelnen Kinder.

Christina Varveris

«Mir hat man mal beigebracht, dass man den Hammer etwas weiter hinten halten soll», sagt Ruedi Bürki zu den Schülerinnen und Schülern. Er haut mit Präzision einen Nagel ins farbige Brett. Die zweite Klasse im Schulhaus Aeschi ist am Werken. Und mitten unter den 7-jährigen Zweitklässlern steht der 74-jährige Ruedi Bürki. Er ist einer von rund 220 Pensionären, die im Rahmen des Projekts «Senioren im Klassenzimmer» in den Schulen des Kantons Solothurn mithelfen.

«Vor ein paar Jahren haben wir unser Haus aufgegeben und sind in eine Wohnung gezogen», sagt Ruedi Bürki, «und plötzlich hatte ich mehr Zeit.» Zeit und Energie, um wieder in die Schule zu gehen – er, der sein ganzes Berufsleben lang Lehrer war. Das Projekt von Pro Senectute habe ihn sofort angesprochen. Jetzt hilft er einen halben Tag in der zweiten Klasse in Aeschi und einen halben Tag in einer fünften Klasse in Gerlafingen, wo er lange selber unterrichtet hat.

Vier Hände und vier Augen

«Gerade im Werken ist es eine Bereicherung, wenn Ruedi Bürki dabei ist», sagt Klassenlehrerin Ruth Affolter. Zwei Hände mehr, die helfen, zwei Augen mehr, die sehen. Hier einen Nagel gerade klopfen, dort die Fingerchen beiseite schieben, damit es keinen Unfall gibt. Die Kinder mögen den Senioren sehr. «Sie vermissen ihn, wenn er mal nicht kommt», so Affolter, und wenn er dann wiederkomme, dann wollen sie genau wissen, wo er denn gewesen sei.

Hin und wieder nimmt Ruedi Bürki nämlich seinen Camper und fährt für zwei Wochen weg. «Aber das reicht mir und meiner Frau dann auch schon», sagt er. Unproduktiv sein ist nicht sein Ding. Als Präsident der Dudelsackband Bag-Pipers von Wangen an der Aare und als Vorstandsmitglied des Kulturausschusses in Gerlafingen sei ihm eigentlich nicht langweilig. Einzig ganz zu Beginn seiner Pensionierung hätte er sich manchmal gefragt, was er am nächsten Tag tun solle.

«Die Tage im Klassenzimmer geben meiner Woche eine Struktur»,

sagt er und fügt schmunzelnd an: «Meine Frau ist auch froh, bin ich hin und wieder aus dem Haus.»

Endlich kann er sich Einzelnen widmen

Die Zeit im Klassenzimmer sei aber aus einem anderen Grund sehr bereichernd: «Ich kann mich jetzt einzelnen Schülern widmen, das konnte ich als Lehrer normalerweise nicht», sagt er. Dabei sei das ja die Kernkompetenz eines Lehrers: Jemanden unterstützen und ihm oder ihr etwas beibringen. Bei 20 Schülerinnen und Schülern sei das aber schwierig. «Jetzt geht es und: Ich kann danach wieder gehen.» Er habe keine Sitzungen, müsse nicht vor- oder nachbereiten, keine Elterngespräche führen und keine Korrekturen machen. «Ich kann mir nun das Sahnehäubchen vom Kaffee nehmen und das ist toll», sagt er. So toll, dass er alles gratis macht, denn die Senioren bekommen für ihre Einsätze kein Geld.

Am Mittag dann müde

«Man merkt bei Ruedi Bürki, dass er das von Herzen macht», sagt Ruth Affolter. Nicht nur ist er für sie eine Hilfe im Klassenzimmer, für die Kinder sei er auch eine weitere Bezugsperson. «Wir sind ein reines Frauenteam», sagt sie, da tue es den Kindern gut, auch einmal einem Mann folgen zu dürfen.

«P e t r a», buchstabiert Ruedi Bürki, die Kinder sollen ein Vornamen-ABC ausfüllen. Diegos kleines t sieht ein bisschen aus wie ein l, also wird radiert. Auch beim Lesen und Schreiben kann der Senior sein Wissen und seine Geduld einsetzen.

Ruedi Bürki liebt die Einsätze in den Schulen, aber er gibt zu, dass er am Mittag dann schon ziemlich müde sei. «Normalerweise stehen wir um halb neun auf und nehmen es gemütlich», sagt er. An den Schultagen klingelt der Wecker aber schon um sechs Uhr dreissig und um acht Uhr geht’s dann rund im Klassenzimmer. Auch das Sahnehäubchen muss man sich verdienen.

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