Lernfahrer
Wieso fallen so viele Solothurner durch die Auto-Theorieprüfung?

Nur 61 Prozent der Kandidaten haben 2013 die theoretische Autofahrprüfung bestanden. Damit liegt Solothurn landesweit fast am Schluss. Für Motorfahrzeugchef-Chef Kenneth Lützelschwab ist aber klar, dass Solothurner nicht weniger intelligent sind.

Franz Schaible
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Solothurner und Solothurnerinnen können die theoretische Autofahrprüfung auf der MFK in Bellach (im Bild), in Olten und in Laufen ablegen. ZVG

Solothurner und Solothurnerinnen können die theoretische Autofahrprüfung auf der MFK in Bellach (im Bild), in Olten und in Laufen ablegen. ZVG

Die Fakten sind klar: Die Solothurnerinnen und Solothurner schneiden bei den theoretischen Autofahrprüfungen schlecht ab. 2012 fielen nirgendwo in der Schweiz so viele Kandidaten durch die Prüfung wie im Kanton Solothurn. Im vergangenen Jahr hat sich die Situation nur leicht verbessert: Solothurn landete auf dem drittletzten Rang. In Zahlen: Die durchschnittliche Erfolgsquote beim Basistheorietest lag 2013 schweizweit bei 68 Prozent.

Und im Kanton Bern beispielsweise betrug die Quote 71,8 Prozent. Im Kanton Solothurn haben dagegen «nur» 61 Prozent der Prüflinge bestanden, die insgesamt 5206 Tests absolvierten, wie Kenneth Lützelschwab, Chef der Motorfahrzeugkontrolle des Kantons Solothurn (MFK), auf Anfrage bekannt gibt. Eingeschlossen in den Zahlen sind auch alle Wiederholungsprüfungen. «Das ist gegenüber dem Vorjahr im landesweiten Vergleich keine wesentliche Verbesserung», stellt der MFK-Chef nüchtern fest.

Bei der Praktischen Prüfung ist solothurn im Mittelfeld

Im Vergleich zur Theorieprüfung schneiden die Solothurnerinnen und Solothurner bei der praktischen Fahrprüfung für die Kategorie B für Personenwagen besser ab. «Dort liegen wir mit einer Erfolgsquote von 67 Prozent ziemlich genau im Schweizer Mittelfeld», meldet Kenneth Lützelschwab, Chef der Motorfahrzeugkontrolle Kanton Solothurn (MFK). Zum Vergleich: Im Kanton Bern betrug die Erfolgsquote 71,2 Prozent. Dass trotzdem ein Drittel die Prüfung nicht bestehe, liege auch an der zunehmenden Verkehrsdichte auf dem Strassennetz. «Dies stellt immer höhere Anforderungen an die Neulenkerinnen und Neulenker», beobachtet er. Das bedinge eine intensive und vielseitige Ausbildung. «Wir weisen die Fahrlehrer denn auch immer wieder darauf hin, dass sie nur prüfungsreife Kandidaten zur Führerprüfung anmelden.» Hier gilt übrigens ein deutlich strengeres Regime als bei der Theorieprüfung. Wer zum dritten Mal zur Führerprüfung antreten muss, muss eine von seinem Fahrlehrer unterschriebene Bescheinigung mitbringen. Darin bestätigt der Fahrlehrer, dass die nötige Ausbildung abgeschlossen ist. Wer es trotzdem nicht schafft, muss auf der MFK einen senso-motorischen Test absolvieren. Danach kann er die Prüfung nochmals absolvieren. Wenn es auch diesmal nicht klappt, muss der Prüfling beim Verkehrspsychologen antreten. Je nach seinem Entscheid kann der Kandidat nochmals die Prüfung ablegen. Dann gibt es eine Wartefrist von zwei Jahren. Dass dieses Prozedere nicht aus der Luft gegriffen ist, bestätigt Lützelschwab: «Ab und zu kommt es vor, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin alle diese Stufen durchläuft.» (FS)

Die Suche nach den Gründen für das schlechte Abschneiden der Solothurnerinnen und Solothurner gestaltet sich schwierig. Denn schweizweit werden die Prüffragen jeweils aus demselben Fundus ausgewählt. Überall muss der Kandidat innert 45 Minuten 50 Fragen beantworten und kann maximal 150 Punkte erreichen. Je Frage können von drei Antworten jeweils eine oder zwei zutreffen. Wenn die Fehlerpunktzahl höher als 15 ist, dann gilt die Prüfung als nicht bestanden. Der Test kann in den drei Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch absolviert werden; in einigen Kantonen, darunter auch Solothurn, ist die Theorieprüfung zusätzlich in Englisch möglich.

Deshalb geht die Frage nach den Gründen an Kenneth Lützelschwab. «Die Solothurner sind nicht weniger intelligent als die übrigen Schweizer», will er grundsätzlich festgehalten haben. Der wichtigste Grund liege sicherlich in der mangelnden Vorbereitung auf die Theorieprüfung. «Es wird mehrheitlich nur das ‹Bögele› geübt, ohne über die notwendigen Grundkenntnisse im Strassenverkehr zu verfügen.» Diese müssten jedoch von den Prüflingen erlernt und begriffen werden. Okay, aber das ist wahrscheinlich kein spezifisches Solothurner Problem. Also weiter.

Tatsächlich kennt Solothurn «eine schweizweite Spezialität». «Wir bieten den Kandidatinnen und Kandidaten die Möglichkeit, die Theorieprüfung täglich und ohne Voranmeldung abzulegen», erläutert Lützelschwab. «Somit ist die Versuchung gross, es ‹einfach mal› zu probieren.» Zwar sei der Einfluss dieses umfassenden «Dienstleistungsangebotes» auf die Ergebnisse nicht erhärtet, aber wahrscheinlich.

In den anderen Kantonen kann der Kandidat zwar auch so oft zur Prüfung antreten, wie er mag. Der Unterschied ist, dass anderswo, zum Beispiel im Kanton Bern, sich der Prüfling für die Theorieprüfung im Voraus anmelden muss. Diese erfolgt in der Regel über das Internet. Nach nicht bestandener Prüfung kann sich der Kandidat wieder zu einer erneuten Prüfung anmelden. «Eine explizite Sperrfrist gibt es nicht», erläutert Beat Keller, Abteilungsleiter beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons Bern.

Der nächstmögliche Termin werde lediglich dadurch limitiert, dass der Kandidat respektive die Kandidatin den nächsten freien Termin buchen könne. «Hierbei sind aber Wartezeiten von bis zu zwei Wochen denkbar.» Die Zahlen zeigen, dass im Kanton Bern für das Bestehen der Prüfung im Durchschnitt 1,39 Versuche benötigt wurden. Im Kanton Solothurn waren es 1,64 Versuche und gesamtschweizerisch 1,48.

Weshalb also verschärft Solothurn die bestehende Regelung nicht auch in Richtung Wartezeiten und Anmeldung, wenn in anderen Kantonen offensichtlich bessere Prüfungsresultate erzielt werden? «Wir verstehen das als Dienst am Kunden», sagt der MFK-Chef. Es handle sich bei den Prüflingen um mündige Bürgerinnen und Bürger und er appelliert an deren Eigenverantwortung. Jener Prüfling, der x-mal zum Test antreten muss, bestrafe sich zudem selbst. Und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens erhält er den Lernfahrausweis nur mit bestandener Theorieprüfung. Zweitens muss er jedes Mal 30 Franken für die Prüfung bezahlen. Lützelschwab möchte klar festhalten, dass die MFK Solothurn mit ihrer Regelung aber nicht etwa auf «Geldabzockerei» mache.

Auf nationaler Ebene laufen Bestrebungen, die Vorschriften für die Fahrausbildung anzupassen. Das Projekt nennt sich «Opera-3» und steht unter der Federführung des Bundesamtes für Strassen (Astra). Laut verschiedenen Medienberichten soll darin die Erstphasenausbildung neu geregelt werden. Unter anderem müsste ein angehender Autofahrer die Theorieprüfung im dritten Anlauf bestehen. Wenn er es nicht schafft, müsste ein Fahrlehrer bescheinigen, dass sein «Schüler» prüfungstauglich sei, allerdings erst nach Ablauf einer Wartefrist von einem halben Jahr. Das Astra bestätigt diese Aussagen nicht. «Welche Änderungen konkret in der kommenden Anhörung vorgeschlagen werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen», heisst es beim Bundesamt.