Pflanzengeschichte
Wieso 1835 im Kanton Solothurn eine Baumart speziell gefördert wurde

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts griff der Staat mit Wirtschaftsförderung der darbenden Industrie unter die Arme. Im ganzen Land wurden Maulbeerbäume gepflanzt. Noch heute sind Zeugen davon zu finden.

Fränzi Rütti-Saner
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So präsentieren sich derzeit die Früchte des Weissen Maulbeerbaumes in der Weststadt von Solothurn.

So präsentieren sich derzeit die Früchte des Weissen Maulbeerbaumes in der Weststadt von Solothurn.

Hansjörg Sahli

Unbekannte weisse Beeren fallen in diesen heissen Sommertagen von bestimmten Bäumen, und manch einer fragt sich, um was für ein Gewächs es sich hierbei handelt. Es sind die Früchte des Weissen Maulbeerbaumes und man kann davon ausgehen, dass diese Bäume, von denen es auf Solothurner und Oltner Stadtgebiet noch einige hat, rund 200 Jahre alt sind. Man kann die Früchte essen. Sie haben einen Geschmack ähnlich der Holunderblüte.

Diese Bäume sind die letzten Zeugen einer «Wirtschaftsförderungsmassnahme», die Mitte des 19. Jahrhunderts in der ganzen Schweiz getroffen wurde: Man wollte die Seiden-Produktion aufbauen. Dazu benötigte man Seidenraupen, deren einzige Nahrung aus den Blättern des Maulbeerbaumes bestand.

Auf Initiative des ehemaligen Ratsherrn Ludwig von Roll wurde 1835 mit staatlicher Hilfe die Seidenraupenzucht im Kanton Solothurn gestartet. Dieser neue Industriezweig sollte den Auswirkungen der damaligen Hungersnot und den wirtschaftlichen Krisen entgegenwirken. 1834 bewilligte die neue liberale Regierung 500 Franken zur Unterstützung des verheissungsvollen Industriezweiges und verteilte zwei Jahre später noch einmal 300 Franken an Züchter in Solothurn, Olten, Neuendorf, Oensingen, Laupersdorf und Däniken.

Maulbeerbäume sind dort, wo Wein ist

Im ganzen Kanton wimmelte es von Maulbeerbäumen, allein in Olten sollen 33'500 Exemplare gestanden haben. Doch die Seidenraupenaufzucht erwies sich als schwieriger als zunächst angenommen, denn die Raupen benötigen neben der Unmenge von Blättern – denn um 340 Gramm neugeborener Raupen zu ernähren, werden rund eine Tonne Maulbeerblätter benötigt – auch ein warmes, trockenes Klima. Um 1850 grassierte eine rätselhafte Raupenseuche und das Ende der Seidenindustrie war damit besiegelt. Die «Seidenraupenzucht» wird heute in der Schweiz von Swiss Silk, einem Verein aus Hinterkappelen, neu betrieben. Zudem hat sich Pro Specie Rara in einem Aufruf im vergangenen Jahr dafür interessiert, wo es noch Standorte von Maulbeerbäumen in der Schweiz gebe.

Maulbeerbäume waren in allen wärmeren Regionen Europas verbreitet. Überall dort, wo sich die klimatischen Bedingungen auch zum Weinbau
eignen. Die drei in Europa meist bekannten Arten sind Weisse Maulbeere und Schwarze Maulbeere, beide aus Asien stammend, sowie die Rote Maulbeere, die in Nordamerika beheimatet ist.

Die Früchte des weissen Maulbeerbaumes sind nicht haltbar, höchstens in getrockneter Form. In Anatolien wird aus dem Saft der Beeren ein Sirup gewonnen, der gegen allerlei Wehwehchen hilft oder gar als Brotaufstrich dient. Die weisse Art ist daher in erster Linie «Nahrungslieferant» für die Seidenraupenzucht.

Quellen: Hans Stebler, Solothurn; «Geschichte des Kantons Solothurn Bd. 4»; Wikipedia.