Günter Baumann

Wiener Schauspieler bereut es keinen Tag, nach Solothurn gekommen zu sein

Günter Baumann, Schauspieler aus Wien, ist seit 2007 Ensemble-Mitglied beim Tobs. Er liebt Solothurn.

Der Wiener Schauspieler Günter Baumann (55) hat sich 2007 in Solothurn niedergelassen und ist glücklich hier.

«Ich bin ein echtes Wiener Kind», sagt Günter Baumann, Schauspieler, angesprochen auf seine Herkunft. «Meine Mutter ist Slowenin, mein Vater kommt aus Rumänien. Beide waren aber deutschsprachig und sie trafen sich in Wien.» Und obwohl er seine Heimatstadt liebe; dahin zurückzukehren, daran verschwendet er keinen Gedanken. «Ich habe das Herumreisen als Schauspieler hinter mir. Man muss sich irgendwann mal irgendwo niederlassen».

Niedergelassen hat er sich zusammen mit seinen zwei Kindern und der Ehefrau in Solothurn. Und das kam so: Nach Engagements in Wien, Bregenz, St. Gallen und einigen Jahren als freischaffender Schauspieler erreichte Baumann eines Tages die Nachricht von Katharina Rupp.

Sie war gerade als Leiterin Schauspiel ans Tobs (Theater Orchester Biel Solothurn) gekommen und erinnerte sich an den Schauspieler, da sie einst in St. Gallen zusammen gearbeitet hatten. Sie bot dem 55-Jährigen einen Vertrag. «Mit einem zehn-jährigen Sohn und einer drei-jährigen Tochter in ein neues Zuhause zu ziehen war damals nicht so einfach», erzählt Baumann. Sein Sohn wehrte sich zunächst heftig. «Dennoch – wir fuhren im Spätsommer die zwei Stunden nach Solothurn und verliebten uns sofort in die Stadt» schmunzelt er. Solothurn hatte sich auch gleich von seiner besten Seite präsentiert: Samstags-Märet und strahlender Sonnenschein. «So haben wir Lust auf diese Stadt gekriegt».

In Solothurn zu Hause

Noch heute bereue er es keinen Tag, nach Solothurn gekommen zu sein. «Wir wurden von Anfang an mit offenen Armen empfangen und haben sofort Kontakte geknüpft», schwärmt er. Es sei ein Glück. Und: «Wir wollen sicher nicht mehr woanders hin.» Auch wenn man ja nie wisse, ob ein Theaterengagement verlängert wird oder nicht. «Dann würde ich eben pendeln», ist sich Baumann sicher. Er habe diese Eventualität mit seiner Familie so abgesprochen. Nach Wien würde er auf jeden Fall nicht mehr ziehen wollen, obwohl er die Stadt wie seine Westentasche kennt. «Schliesslich arbeitete ich auch mal als Taxifahrer dort.»

Günter Baumann im Foyer des noch nicht renovierten Stadttheaters. (Archiv)

Günter Baumann im Foyer des noch nicht renovierten Stadttheaters. (Archiv)

Ein Schauspieler, der aus der Schauspielerstadt Wien wegzieht? Wie passt das zusammen? «Ich bin der Meinung, dass man als junger Schauspieler Verschiedenes sehen muss – gerade, wenn man aus Wien stammt.» Denn gleich nach seiner Ausbildung am Franz Schubert Konservatorium hatte Baumann schon ein Engagement am Volkstheater Wien unterzeichnet. «Doch da spielt man natürlich zuerst ‹nur› Klein- und Kleinstrollen. Das Angebot an guten Leuten ist gross und es ist ein langer Weg bis nach oben. Ich kenne Kollegen, die bis ins Pensionsalter Nebenrollen spielten, und zufrieden waren damit. Ich wollte das aber nicht.»

Mit Regisseurin Katharina Rupp verbinde ihn die «gemeinsame Theatersprache» wie er es nennt. «Und das ist nicht selbstverständlich», betont er. Und was macht die Faszination Schauspiel aus? «Es ist etwas, was auch ich nicht entschlüsseln kann», sagt er. Es sei die Vielfalt der Themen, mit denen er sich in seinen Rollen beschäftigen müsse, die ihn immer wieder reize. «Wichtig ist in diesem Beruf, bei dem sehr Vieles im Kopf zu erarbeiten ist, dass man mit sich selbst, mit seiner eigenen Persönlichkeit, ehrlich ist.» Man müsse auch in der Lage sein, sich selbst ständig zu hinterfragen.

Ehrlich mit sich selbst

Er selbst versuche, sich völlig in eine Rolle hinein zu geben. «Auch wenn ich eine Person spiele, die mir vom Charakter her gar nicht entspricht. Immer bemühe ich mich um grösstmögliche Ehrlichkeit.» Damit spricht Baumann auf seine jüngste Rolle an: Den US-pakistanischen Vater Afzal im Stück «The Who and the What». «Auch wenn diese Figur gar nichts mit mir zu tun hat, ist es mein Anliegen, sie und ihre Empfindungen so wahrhaft wie möglich darzustellen.»

Baumann erzählt, dass er zu dieser Rolle, die er ja noch gar nicht so lange spielt, bereits ungewöhnlich viele Zuschauerreaktionen erhalten habe.

«Die Faszination dieser Rolle ist, dass man sie – auch als Zuschauer – versteht und liebt, obwohl sie eine konservative Lebenshaltung vertritt, die man nicht gutheisst – oder gar ablehnt. Aber die Figur spricht emotional direkt an, man versteht diesen Vater.» Und das ist sicher auch der Verdienst der Interpretation von Günter Baumann.

Paraderolle «Salieri»

Die Antwort auf die obligate Frage nach seiner Lieblingsrolle ist eigentlich klar: «Salieri aus ‹Amadeus›.» In der Saison 2015/16 hat er sie unzählige Male verkörpert. Er gesteht, gar in ein berufliches Loch gefallen zu sein, nachdem die Spielzeit des Stücks abgelaufen war. So sehr habe ihn diese Rolle ausgefüllt.

«Sie beschäftigt mich eigentlich schon mein ganzes Schauspielerleben lang», erzählt er. Als junger Gymnasiast sah er in Wien am Burgtheater das Stück in seiner Deutschen Erstaufführung mit Romuald Pekny als Salieri und Michael Heltau als Mozart. «Das war vielleicht auch die Initialzündung, Schauspieler zu werden– als ich dieses Stück und diesen Salieri sah.» Er verfasste seine Matura-Arbeit über das Stück und sprach daraufhin mit dem Monolog von Salieri, den er im Stück gegenüber Gott hält, an der Schauspielschule vor. «Ich war bestimmt ganz schrecklich», lacht er.

Baumann ist viel beschäftigt im fünf-köpfigen Schauspiel-Ensemble des Tobs. «So, dass ich mich manchmal auch frage, ob mich das Publikum nach so vielen Jahren überhaupt noch sehen will». Doch die Zuschauerzahlen sprechen eine klare Sprache. Baumann macht seine Sache also gut. Momentan ist er mit drei Stücken im Programm: ‹Le bal›, ‹The who and the What› und ‹Animal Farm›. Wie er bei drei Stücken die Textsicherheit behält, ist sein Geheimnis. Er sagt nur: «Das kommt ganz automatisch. Wenn ich der Rolle bin, kommt auch der entsprechende Text. Man ist ja mit seinen Gedanken in der Figur.»

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