Gesetz
Wie wirken sich schärfere Swissness-Regeln auf Solothurner Produzenten aus?

Ab Januar 2017 gelten verschärfte Regeln, damit ein Produkt unter dem Label «Swiss Made» beworben und verkauft werden kann. Das neue Gesetz fordert auch die Nahrungsmittelhersteller im Kanton Solothurn.

Franz Schaible
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Obwohl 80 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz anfallen, muss die Balsthaler Lachsräucherei Dyhrberg ihre Verpackung anpassen.

Obwohl 80 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz anfallen, muss die Balsthaler Lachsräucherei Dyhrberg ihre Verpackung anpassen.

Hanspeter Bärtschi

Das Ziel ist einfach: Wo Schweiz draufsteht, muss auch Schweiz drinstecken. Genau dies will das ab Anfang 2017 geltende neue Swissness-Gesetz garantieren – was für viele Firmen eine grosse Herausforderung darstellt. Denn die Regeln, um ein Produkt weiterhin unter Swiss Made bewerben und vertreiben zu können, wurden deutlich verschärft. Davon sind praktisch sämtliche Branchen betroffen, namentlich die Nahrungsmittelindustrie. Hier müssen die Rohstoffe (nach Gewicht) zu mindestens 80 Prozent aus der Schweiz stammen. Ausnahmen gelten für Rohstoffe, die hierzulande nicht oder in nicht genügender Menge produziert werden. Wie reagieren Lebensmittelproduzenten im Kanton Solothurn? Wir haben nachgefragt.

Wernli, Biscuits, Trimbach: Was 1905 als Zuckerbäckerei Wernli begann, hat sich bis heute zu einem Betrieb mit rund 140 Angestellten entwickelt. Seit 2008 gehört Wernli zum Familienunternehmen Hug in Malters. «Alle Wernli-Produkte werden auch weiterhin unter der Schweizer Flagge am Markt sein», erklärt Verwaltungsratspräsident Werner Hug. Das sei möglich, weil alle von der Firma geforderten Ausnahmen bewilligt worden seien. Zudem habe man, um den neuen Swissness-Anforderungen zu genügen, wenige Rezepte leicht anpassen müssen. «Teilweise mussten wir auf Schweizer Zucker wechseln.» Obwohl der Aufwand hoch sei, habe man sich für das Label entschieden. «Für die Marke Wernli ist die Swissness mit dem Schweizer Kreuz sehr wichtig.» Der Exportanteil liegt bei 15 Prozent.

Wernli in Trimbach

Wernli in Trimbach

Keystone

Leisi, Teig, Wangen bei Olten: Ganz anders reagiert die Teigherstellerin Leisi in Wangen bei Olten. Dabei liegt beim seit 1997 zum Nahrungsmittelmulti Nestlé gehörenden Unternehmen der Exportanteil bei über 90 Prozent. «Obwohl der für die Marke Leisi relevante Rohstoff Mehl zu über 90 Prozent aus der Schweiz stammt, muss Nestlé bei ihren Leisi-Produkten künftig auf das Schweizer Kreuz verzichten», erläutert Nestlé-Schweiz-Sprecherin Nina Kruchten. Dies deshalb, weil die Swissness-Vorgabe auf das einzelne Produkt gerechnet werden müsse. Da sei es theoretisch möglich, dass ein Leisi-Produkt zu viel ausländisches Mehl als erlaubt enthalte.

«Obwohl diese Wahrscheinlichkeit gering ist, haben wir aus Komplexitätsgründen der Rückverfolgbarkeit auf das Kreuz verzichtet», so Kruchten. Über Einflüsse auf die Umsätze im Ausland will sie nicht spekulieren. «Wir sind überzeugt, dass die Konsumenten im Ausland die Leisi-Produkte auch ohne das rot-weisse Kreuz auf der Verpackung schätzen werden.» Denn die Rezepturen und die Qualität blieben dieselben und die Produkte würden in der Schweiz produziert.

Dyhrberg, Lachs, Balsthal: Auch für die Lachsräucherei Dyhrberg in Balsthal bricht eine neue Ära an. «Wir werden nicht mehr mit dem Label ‹Swiss Made› am Markt sein», meldet Geschäftsleiter Peter Hirschi. Grund sei, dass die Rohstoffe, mit Ausnahme der Forellen, nicht aus der Schweiz stammten. «Dabei spielt es leider keine Rolle, das 80 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz stattfinden», bedauert er. Das führt dazu, dass auf den Verpackungen der Hinweis «Premium Swiss Quality» verschwindet und ersetzt wird durch «Handverarbeitet und veredelt in der Schweiz». Für Dyhrberg sei es sehr wichtig, so eng wie möglich mit der Swissness am Markt zu operieren. «Wir stehen in Konkurrenz zu Ländern, die weder im Bereich Produktionsmethode – Dyhrberg ist eine Manufaktur – noch im Bereich Löhne auf unserem Niveau agieren.»

Patiswiss, Halbfabrikate, Gunzgen: Die Patiswiss AG beliefert die Süsswarenindustrie und das Gewerbe mit Halbfabrikaten wie Mandelmasse, Marzipane, Pralinémasse oder karamelisierten Kernen. Da man keine Endprodukte herstelle, sei man von der Swissness-Regelung nur am Rande betroffen, erläutert CEO Karl Zeller. Rund 80 Prozent der Halbfabrikate würden kundenspezifisch gefertigt. Somit entscheide der Kunde, ob er auf Swissness setzen wolle oder nicht. «Derzeit wurden noch keine Rezepturen definitiv umgestellt. Das ist aber jederzeit möglich und mehrere Artikel sind bereits entsprechend vorbereitet.» Im Fokus stehe dabei der Einsatz von Schweizer Zucker. Bei Rezeptanpassungen auf Kundenwunsch würden die resultierenden Mehrkosten aufgerechnet.

Unterschiedliche Optik der Uhrenfirmen und Zulieferer

Die neuen Swissness-Regeln gelten auch für die Industrie und damit für die Uhrenhersteller. Hier gilt neu, dass 60 Prozent der Herstellungskosten der Uhr als Ganzes in der Schweiz entstehen müssen. Bis anhin galt für die Swissness lediglich ein Anteil von 50 Prozent, aber nur für das Uhrwerk. Der Schweizerische Uhrenverband begrüsst die Verschärfung, einzelne Uhrenfirmen haben sich dagegen gewehrt. An vorderster Front kämpfte Ronnie Bernheim, Co-Chef der Mondaine in Biberist, gegen die Verschärfung. Ohne Erfolg. Bezogen auf die Mondaine erschwere das neue Regelwerk insbesondere das Private-Label-Geschäft (Uhren für Dritte). Für die Kunden würden die Uhren im Hinblick auf das neue Gesetz zu teuer; dies habe die bisherige Kundschaft solcher Produkte abgeschreckt.

«Diese lassen die Uhren bereits heute vermehrt in gleicher Qualität in Fernost fertigen und verzichten, wenn auch ungern, auf das Label Swiss Made.» Die Fertigung der Marken Mondaine, M-Watch und Luminox werde aber angepasst, damit diese unverändert mit dem Swiss-Made-Label verkauft werden können. Auch die Solothurner Chrono AG hat keine Freude an der neuen Regelung, hat aber reagiert. Man habe für Uhren, welche 2017 lanciert werden, zusätzliche Komponenten bei Schweizer Zulieferern beschaffen müssen, sagt Co-Chef Markus Ingold. «Dies verteuert unsere Produkte. Wir glauben, dass der Konsument nicht bereit ist, für eine Schweizer Uhr 20 bis 50 Prozent mehr zu bezahlen, als für eine vergleichbare Uhr nicht schweizerischer Herkunft.» Entsprechend werde man die Mehrkosten nicht vollumfänglich überwälzen können, was zu einem Margenverlust führen werde. Dagegen begrüsst die Grenchner Uhrenfirma Eterna die Verschärfung.

Die zur chinesischen Citychamp Watch & Jewellery Group gehörende Eterna habe im Hinblick der neuen Gesetzgebung schon vorzeitig eine eigene Uhrwerkproduktion aufgebaut, erklärt Kommunikationsleiterin Evelyne Piéta. Die Tochterfirma Eterna Movement SA fertige industriell hochwertige Uhrwerke für den Eigenbedarf und auch für Dritte. Die Zulieferindustrie sieht die neue Swissness als Chance und erhofft sich Mehraufträge von den Uhrenherstellern. So etwa Philipp Looser, Präsident und Mehrheitsaktionär der Zeigerherstellerin Estima AG in Grenchen. «Die neue Verordnung wird uns in die Karten spielen.» Kalkulationen diverser Uhrenmarken, welche heute die neue Minimalgrenze nicht erreichten, zeigten, dass «der Ersatz von ausländischen Zeigern durch Zeiger, die wir zu 100 Prozent hierzulande herstellen, oft ausreicht, um die neue Gesetzesanforderung zu erfüllen». (FS)