Wasser-Bericht
Wie wir das Wasser, von dem wir leben, verunreinigen

Ein Bericht zeigt: Die Qualität der Fliessgewässer und des Grundwassers ist im Kanton Solothurn mehrheitlich gut. Die Qualität hat sich in vielen Bereichen verbessert. Gefährdet wird die Wasserqualität aber von Pestiziden.

Lucien Fluri
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Die Temperatur der Aare steigt: Einige Fischarten haben damit Mühe.

Die Temperatur der Aare steigt: Einige Fischarten haben damit Mühe.

Hanspeter Bärtschi

Auf den ersten Blick ist alles beruhigend: Das Trinkwasser im Kanton ist gut bis sogar sehr gut, jeder Solothurner kann überall im Kanton problemlos baden. Und seit 2008 ist die Wasserqualität sogar noch besser geworden, wie der gestern – zum dritten Mal nach 2000 und 2008 – veröffentlichte Bericht zum Zustand der Solothurner Gewässer zeigt.

Auf den zweiten Blick gibt es aber einige Risse im Bild: Nicht alle Qualitätsziele der Umweltexperten werden erfüllt. Schuld daran ist der Mensch: Haushalte, Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe bringen Dünger, Schwermetalle, Fungizide, Insektizide oder Pflanzenschutzmittel in die Flüsse, in die Bäche oder gar ins Grundwasser.

Beispiel 1: Landwirtschaft sorgt für Nitrat im Gäuer Grundwasser

Sie sind zwar nur im Nanogrammbereich vorhanden und von der Dosis her gesundheitlich unbedenklich: Trotzdem zeigen die Schwermetalle oder Pflanzenschutzmittel, die an gewissen Orten im Grundwasser nachgewiesen wurden, «eindrücklich, dass unsere Zivilisationsprodukte bereits im Untergrund, im Trinkwasser, unserem wichtigsten Lebensmittel, angekommen sind.»

So sind insbesondere in den Gäuer Trinkwasserfassungen (Neuendorf, Kappel, Wangen bei Olten und Olten) die Nitratwerte deutlich über den Qualitätszielen. Im Pumpwerk Neufeld in Neuendorf näherten sich die Nitratwerte sogar dem Toleranzwert für Trinkwasser. Das Problem ist schon länger bekannt: Im Jahr 2000 wurde das Projekt Nitrat Gäu-Olten gestartet, an dem inzwischen rund 110 landwirtschaftliche Betriebe teilnehmen. Es ist das grösste Nitratprojekt in der Schweiz. Bisher, so zeigt die neue Studie, waren die Massnahmen nicht erfolgreich. Die Werte gingen ausser bei der Fassung Olten-Gheid nicht zurück.

Den Grund dafür haben nun Untersuchungen gezeigt, die das Amt für Umwelt und die Universität Neuenburg erarbeitet haben: Das Wasser braucht laut Bericht 20 Jahre, um von der Oberfläche zur Grundwasserfassung zu gelangen. «Entsprechend lange braucht es, bis sich nitratreduzierende Massnahmen auch in den Trinkwasserfassungen positiv auswirken.» – «Es braucht viel Geduld, um eine einmal vorhandene Verschmutzung in einem Grundwasserleiter zu beseitigen», heisst es im Bericht. «Umso mehr mahnt uns dieser Fall, das Vorsorgeprinzip ernst zu nehmen. Ist ein Schadstoff einmal im Grundwasser, bringt man ihn kaum mehr hinaus.»

Beispiel 2: Pestizide und Nährstoffe im Limpach

Auf den Limpach richtet der Kanton ein besonderes Augenmerk. «Der Limpach hat mehrere Besonderheiten: Er ist ein fast stehendes Gewässer», sagt Philipp Staufer, Leiter Abteilung Wasser beim kantonalen Amt für Umwelt. «Und die Umgebung wird intensiv landwirtschaftlich genutzt.» Das hat Auswirkungen: 5 Pestizide wurden im Bach gefunden. Zu 80 Prozent stammen sie aus der Landwirtschaft. Im Limpach ist auch das Abbauprodukt des seit 2012 verbotenen Herbizids Atrazin nachgewiesen worden. Ob dieses tatsächlich noch benutzt wurde, ist nicht klar. Denn es könnte aus früherer Nutzung ins Grundwasser gelangt sein und jetzt vom Grundwasser wieder ins Gewässer gelangen. Das Beispiel zeigt für Philipp Staufer: «Wenn einmal eine Verschmutzung nachzuweisen ist, dauert es mehrer Generationen, bis sie beseitigt ist.» Nicht nur im Limpach gibt es Pestizide: Bei mehr als der Hälfte der 27 untersuchten Messstellen sind Pestizide über dem Grenzwert der Gewässerschutzverordnung gefunden worden.

Gleichzeitig befinden sich im Limpach auch zu viele Nährstoffe. «Das Drainagesystem ist Fluch und Segen zugleich», sagt Philipp Staufer. Die Drainageleitungen führen zwar Wasser weg, gleichzeitig nehmen sie auch den Dünger mit, der eigentlich in den Boden sollte. «Viele der Stoffe würden im Boden natürlich abgebaut», sagt Philipp Staufer. Als Folge der vielen Nährstoffe im Bach nimmt die Sauerstoffkonzentration ab. Denn wegen der Nährstoffe ist der Pflanzenbewuchs im Bach hoch. Wenn die Pflanzen absterben, braucht es viel Sauerstoff zu ihrem Abbau. «In solchen Gewässern führen Rekordtemperaturen wie sie bevorzugt im Sommer auftreten, gelegentlich zu einer Sauerstoffkonzentration, die für Fische kritisch werden kann», schreibt das Amt für Umwelt. Problematisch sind die Nährstoffe auch im Inkwiler- und Aeschisee.

Beispiel 3: Kupfer vom Bau im Bach

Bei 10 von insgesamt 26 Wasserproben ist mindestens ein Schwermetallwert überschritten worden. Bei fünf Proben gar zwei, bei einem Bach drei. Für zahlreiche Überschreitungen ist gelöstes Kupfer verantwortlich, «was die breite Verwendung des Metalls sowohl in Bau und Technik, als auch in der Landwirtschaft (Spritzmittel) widerspiegelt.» Seit dem Bericht 2008 ist die Belastung der Gewässer mit Schwermetellen gleich geblieben.

Nicht immer aber hat der Mensch einen Einfluss: Im Mülibach in Küttigkofen ist Chrom nachweisbar. Grund dafür ist die geologische Situation. «Wahrscheinlich stammen die Chromgehalte aus dem Sandstein der oberen Meeresmolasse», so der Bericht.

Beispiel 4: Weniger Industrie, weniger Verunreinigungen

An der Wasserqualität lässt sich auch der industrielle Strukturwandel ablesen. Konkret heisst das: Unterhalb der früheren Zellulose Attisholz und der Papierfabrik Biberist hat sich die Wasserqualität von Aare, bzw. Emme deutlich verbessert. Nicht zuletzt waren die Emissionen der grossen Industrie auch so hoch, weil es sich um alte Betriebe gehandelt hat, die nach und nach ausgebaut wurden, so Philipp Staufer.

Beispiel 5: Fische verschwinden

Die Gewässer sind wärmer geworden: So ist etwa die Temperatur der Aare seit 1967 um rund 1,7 Grad Celsius angestiegen; die sommerlichen Extremwerte gar um 1,9 Grad. Das hat offenbar Auswirkungen auf die Fische. Gemäss den Fangstatistiken der Solothurner Fischer ist die Zahl an Äschen und Forellen zurückgegangen. Die beiden Arten sind kälteliebend und fühlen sich gestresst, wenn ein gewisses Temperaturoptimum überschritten wird. Den Platz übernehmen Fische wie der Egli mit einem höheren Temperaturoptimum.