Bahn
Wie weiter mit dem Weissensteintunnel?

Weil der Bund entscheidet, ob der Tunnel saniert wird oder nicht, haben wir die wichtigsten Fragen und Antworten dazu einmal aufgestellt.

Swen Altermatt
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Der Tunnel, hier bei einer Besichtigung im vergangenen Sommer, ist in einem maroden Zustand. Wasser macht dem Gewölbe zu schaffen.

Der Tunnel, hier bei einer Besichtigung im vergangenen Sommer, ist in einem maroden Zustand. Wasser macht dem Gewölbe zu schaffen.

Georgios Kefalas/Keystone

In Ittigen bei Bern wird über das Schicksal des Weissensteintunnels verhandelt: Hier, in einem schmucken Holzbau, hat das Bundesamt für Verkehr (BAV) seinen Sitz. Als Aufsichtsbehörde ist es zuständig für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz. Das BAV waltet über die milliardenschweren Fonds für die Bahninfrastruktur.

Noch dringt wenig nach aussen, die zuständigen Beamten hüllen sich in Schweigen. Aber bald werden sie ihren Entscheid bekannt geben; den Entscheid, auf den nicht nur die Pendler am Jurasüdfuss gespannt warten: Wird der Tunnel zwischen Oberdorf und Gänsbrunnen saniert? Kann die Bahnlinie Solothurn–Moutier also weiterbetrieben werden? Oder kommt das BAV zum Schluss, dass sich eine Sanierung nicht lohnt? Wichtige Fragen und Antworten vor dem Showdown.

1 Warum wird in Bern entschieden, ob der Tunnel saniert wird?

Der Bund ist der Financier der Bahninfrastruktur. Seit das Schweizer Stimmvolk im Jahr 2013 für die Fabi-Vorlage gestimmt hat, sind die Bundesbehörden angehalten, die Kosten des Regionalverkehrs gemeinsam mit den Kantonen in den Griff zu bekommen. Das heisst auch: Vor grösseren Investitionen in regionale Linien müssen Alternativen geprüft werden.

In der Regel geschieht das, wenn der Kostendeckungsgrad einer Linie bei unter 30 Prozent liegt. Bei der Linie Solothurn–Moutier betrug dieser zuletzt gut 25 Prozent – und eine Sanierung des Weissensteintunnels wäre kostspielig. Deshalb hat das BAV bei der Linie erstmals eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung gemäss den neuen Vorgaben durchgeführt, wie es im Fachjargon heisst.

Auch die «Qualität der Erschliessung» wird dabei überprüft. Verkehrsexperten bezeichnen das Verfahren als nationalen Testlauf. Für die «NZZ» ist es ein «exemplarisches Ringen um eine Regionalbahn».

2Was kostet die allfällige Sanierung des Tunnels?

Der Tunnel ist in einem maroden Zustand und kann nach offiziellen Angaben nur noch bis im Jahr 2020 sicher betrieben werden. Wasser dringt durch den Jurakalkstein und macht dem Gewölbe zu schaffen. Untersuchungen rechnen mit Kosten von 170 Millionen Franken, sollte der Tunnel für weitere 50 Jahre betrieben werden.

Würde nur für die Dauer von 25 Jahren saniert, wären es noch rund 100 Millionen Franken. Die Zahlen waren unter Politikern lange umstritten, wurden in einer Zweitstudie der Kantone Solothurn und Bern aber bestätigt.

3 Woher würde das Geld für die Sanierung kommen?

Das Geld für die Sanierung könnte dem Bahninfrastrukturfonds für die Jahre 2017 bis 2020 entnommen werden. 500 Millionen Franken sind als Reserve für Unvorhersehbares vorgesehen. In diese Kategorie könnte laut Botschaft des Bundesrats auch die Sanierung des Weissensteintunnels fallen.

Das Ja des eidgenössischen Parlaments zum Milliarden-Paket deuten die Solothurner Behörden als «positives Signal», wie Kantonsingenieur Peter Heiniger sagt. «Das Geld für die Sanierung liegt somit in der Kompetenz des BAV bereit.»

Das BAV selbst verweist darauf, dass im Falle einer Sanierung zuerst noch geprüft werden müsste, ob die Mittel dafür tatsächlich aus der Reserve gesprochen werden. Allenfalls könnte das benötigte Geld erst im Bahninfrastrukturfonds für die Jahre 2021 bis 2024 budgetiert werden.

4Was spricht für eine Sanierung? Und was dagegen?

Vor allem aus regionalpolitischer Sicht brauche es eine Sanierung, findet etwa der Solothurner Regierungsrat. Die Umstellung auf einen Busbetrieb, der Pendler und Touristen zu einem bis zu 45 Minuten langen Umweg zwingt, sei keine Alternative. Einer Studie zufolge käme es 275 Millionen Franken günstiger, die Strecke stillzulegen und Busse fahren zu lassen.

Für die Befürworter ist der Tunnel jedoch «die schlankste Verbindung» zwischen den westlichen Gemeinden im Thal und der Kantonshauptstadt. Teile einer Region würde ansonsten faktisch vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten. Relativiert wird dieses Argument dadurch, dass sieben von zehn Thalern in der östlichen Hälfte des Bezirks wohnen, im Einzugsgebiet des Bahnhofs Oensingen.

Die beiden unmittelbar betroffenen Gemeinden Welschenrohr und Gänsbrunnen zählen 1300 Einwohner. Im ersten Halbjahr 2015 reisten durchschnittlich 560 Fahrgäste pro Tag durch den Tunnel, wie eine Erhebung zeigte.

5 Wann wird der Bund seinen Entscheid bekannt geben?

Noch Anfang 2016 hiess es, bis Ende Jahr sei klar, wie es mit dem Tunnel weitergeht. Dann war die Rede von Januar 2017. Nun erklärt BAV-Sprecher Gregor Saladin auf Anfrage: «Mit einem Entscheid ist in den ersten Monaten 2017 zu rechnen.» Den genauen Zeitpunkt kennen auch die Solothurner Behörden nicht, bestätigt Kantonsingenieur Heiniger. «Uns liegen keine Informationen vor, wann der Entscheid des BAV genau gefällt wird.»

6 Wie geht es nach dem Entscheid weiter?

Der eigentliche Entscheid wird den Kantonen Solothurn und Bern in einem Schreiben eröffnet. «Dieses stellt keine anfechtbare Verfügung dar», sagt BAV-Sprecher Saladin. Wird der Tunnel nicht saniert, muss die Behörde zuerst die sogenannte Infrastruktur-Konzession entziehen.

Dagegen können die Kantone dann auch Beschwerde einlegen; in Solothurn müsste darüber der Regierungsrat befinden. Entscheidet sich das BAV für eine Sanierung, erteilt sie der Bahnbetreiberin BLS einen entsprechenden Auftrag. Anschliessend startet ein Plangenehmigungsverfahren.

Die BLS ihrerseits zeigt sich bereit, den Tunnel weiterhin zu betreiben, wenn die Finanzierung gesichert ist. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben bereits ein Baugesuch für das Sanierungsprojekt in der Schublade.

7 Wie lange bleibt der Tunnel während der Sanierung zu?

Details stehen noch nicht fest. Klar ist, dass Schliessungen während den Bauarbeiten wohl unumgänglich wären. Peter Heiniger: «Der Kanton wird prüfen, ob für die Bauzeit allenfalls ein Ersatzangebot bereit gestellt werden müsste.» Denkbar wäre etwa eine Busverbindung von Solothurn nach Gänsbrunnen über den Weissenstein. Allerdings ist die Strasse selbst für Kleinbusse nur schwer befahrbar, und der Zeitgewinn gegenüber der Busverbindung via Bahnhof Oensingen ist gering.

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