Mit oder ohne Maske
Wie Spielgruppen im Kanton Solothurn der Coronakrise trotzen

Die Betreiberinnen und Betreiber der Spielgruppen wollen den Kleinsten auch unter erschwerten Bedingungen einen möglichst unbeschwerten Aufenthalt bieten. Da und dort halt mit der Schutzmaske vor dem Gesicht.

Hans Peter Schläfli
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Warm angezogen hinaus in die Natur, so lautet das Motto im Chinderland Küttigkofen.

Warm angezogen hinaus in die Natur, so lautet das Motto im Chinderland Küttigkofen.

Hans Peter Schläfli

Im Lockdown durften die Kinder die geliebten Grosseltern nicht mehr sehen. Dann wurden die Ferien am Meer abgesagt, dann der Räbeliechtli-Umzug. Der Samichlaus kommt nicht. Kinderfasnacht ist abgesagt ... Ausgerechnet die Kleinsten, denen der neue Coronavirus zumindest laut Statistiken gar nichts anhaben kann, müssen in Zeiten von Corona auf besonders viel verzichten. Aber wie geht es eigentlich den zwei- bis fünfjährigen Knirpsen in der Spielgruppe? Haben sie Angst, wenn die Erzieher plötzlich die Gesichter hinter Masken verstecken? Entwickeln sie sich trotzdem gut?

Der Schweizer Spielgruppen-Leiterinnen-Verband (SSLV) empfiehlt den angeschlossenen Mitgliedern, dass die Erzieherinnen immer eine zertifizierte Hygienemaske tragen. Nicht nur drinnen, sondern auch draussen für die Wald-, Natur- und Bauernhof-Spielgruppen. Aber die jüngste offizielle Mitteilung enthält auch Aussagen, die das Maskentragen kritisch beleuchten: «Kleine Kinder orientieren sich in besonderem Mass an der Mimik ihrer Bezugspersonen» und «das Kind erhält durch die Mimik wesentliche Impulse für seine sprachliche, sozial-emotionale und kognitive Entwicklung», schreibt der SSLV.

Die Emotionen werden verdeckt

«Die Maske schadet den Spielgruppenkindern nicht», meint Ursula Beck von der Kontaktstelle der Region Olten-Oberaargau des SSLV. «Die Kinder sehen Mami und Papi beim Einkaufen mit der Maske und haben sich bereits daran gewöhnt.» Da viele Spielgruppen in Schulhäusern und Kindergärten untergebracht sind, sei es sinnvoll, wenn sich alle Erwachsenen gleich verhalten und Maske tragen.

Dass der verdeckte Mund für die Kleinsten beim Sprechenlernen ein Hindernis sein könnte, sei nicht erforscht. Ursula Beck ist aber nicht nur eine erfahrene Kleinkinderzieherin, sie ist auch eine weit über ihre Heimat Niederamt hinaus bekannte Märli-Erzählerin. «Die Emotionen kommen tatsächlich weniger rüber. Ich habe versucht, Märchen mit Maske zu erzählen, aber bei den Kindern kam nicht dieselbe Begeisterung auf.»

Spielgruppen sind systemrelevant

Auch der Kanton Solothurn hat für die Spielgruppen keine Verpflichtung, nur eine Empfehlung kommuniziert, was die Entscheidung letztlich den Spielgruppenleitern aufbürdet. «Wir tragen keine Masken, weil es für die kleinen Kinder extrem wichtig ist, dass sie den Mund beobachten können, um beim Lernen der Sprache Fortschritte zu machen», sagt dazu Pascal Thurnheer, Leiter der Tagesstätte Chinderland in Küttigkofen.

Das Wohl der Kinder stehe immer im Zentrum der Überlegungen. «Die meisten Eltern verstehen das, aber die Angst vor den Folgen einer Ansteckung ist immer wieder ein Thema», sagt Thurnheer, der das Chinderland einst mit der jetzigen Geschäftsführerin Sarah Thurnheer, der Mutter seiner fünf Söhne, in Biberist gegründet hatte. Das Chinderland befolgt ein strenges Hygienekonzept – nur einfach ohne Maske. «Wenn die Eltern ihre Kinder bringen oder abholen, dann bleiben sie draussen vor der Tür. So vermeiden wir den direkten Kontakt zwischen uns Erwachsenen und wir können die Vorgaben der Behörden auch ohne Masken einhalten», argumentiert Thurnheer.

Viertes Chinderland öffnet bald

«Wir spielen, so viel es geht im Garten und im angrenzenden Wald. Lebensfreude, gesundes Essen und viel frische Luft stärken die Abwehrkräfte der Kinder.» Das Konzept ist erfolgreich, nach Biberist, Küttigkofen und Diessbach soll im kommenden Jahr im «Schöngrün» (Biberist/Solothurn) bereits das vierte Chinderland eröffnen.

Trotzdem seien Existenzängste aufgekommen, als der Kanton Solothurn zu Beginn des Lockdowns auch gleich alle Spielgruppen und Kinderkrippen schloss. «Wir haben wie jedes KMU Fixkosten und müssen Löhne bezahlen», blickt Pascal Thurnheer zurück. «Doch dann hat der Bund die Kinderbetreuung als systemrelevant eingestuft und wir durften eine Notbetreuung aufrechterhalten.» Dank Kurzarbeitsentschädigung sowie Finanzierungshilfen von Bund und Kanton könne es weitergehen.

In Balsthal gilt die Maskenpflicht

Mit dem Lockdown im Frühling blieben die Spielgruppen in Balsthal bis nach den Sommerferien geschlossen. «Das war für viele Eltern eine schwierige Phase, aber es war uns schlicht nicht möglich, alle Auflagen zu erfüllen», sagt Christa Probst als Präsidentin der Interessengemeinschaft, die sechs Gruppen im Haus und drei Gruppen im Wald unterhält.

«Uns Leiterinnen fehlte das Einkommen, aber die Miete mussten wir ja trotzdem bezahlen. Immerhin wurde uns ein Monat erlassen, das gab finanziell eine Entlastung.» Das Gesuch um Unterstützung sei beim Kanton noch hängig, weil es wegen eines Todesfalls verspätet eingereicht wurde. «Die Zukunft ist fast nicht zu budgetieren. Es wurden viele Kinder abgemeldet, weil die Angst vor Ansteckungen einfach da ist. In normalen Zeiten führen wir einen Muttertagsmarktstand, ein Sommerfest, einen Adventsmarktstand und eine grosse Samichlausfeier im Wald durch. In diesem Jahr durften wir nichts davon organisieren, was ein Loch in unsere Kasse reisst.»

In Balsthal gehört heute die Maske bei den Leiterinnen dazu und auch die Eltern müssen eine tragen, wenn sie die Kinder bringen oder abholen. «Das Schwierigste ist, dass sie Znüni und Zvieri nicht mehr untereinander teilen dürfen. Das war doch immer so interessant. Auch dürfen keine Geburtstagskuchen mitgebracht werden.» In der Waldspielgruppe falle das Begrüssungsritual weg, an dem früher auch die Eltern teilnahmen. «Das ist alles etwas traurig», meint Probst. Zum Glück sei es in Balsthal möglich, Eingang und Ausgang zu trennen. «Wenn sich ein Kind nicht lösen kann, müssen wir nichts erzwingen. Dann darf die Mami im Raum bleiben, natürlich mit Maske und Abstand zu den Leiterinnen.»

In schwierigen Zeiten hat Christa Probst einen Wunsch: «Wir tragen eine sehr grosse Verantwortung und leiten die Spielgruppen mit viel Herzblut, Engagement und Fronstunden. Es wäre schön, würden wir dafür mehr Anerkennung erhalten.»

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