Haarewelle 2012
Wie sich Ganna Kulitskaya für die «Haarewelle 2012» vorbereitet

Zum 43. Mal zeigen am Sonntag, 25. März, angehende Coiffeure und Coiffeusen der Öffentlichkeit ihr Können. Mit dabei auch Ganna Kulitskaya. In knapp bemessener Zeit formen die Lernenden auf den Köpfen ihrer Models ganze Kunstwerke.

Claudia Hofer
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Ganna Kulitskaya übt an ihrem Haarmodell Jasmin Winistörfer ihre selbst entworfene «Gala-Frisur».

Ganna Kulitskaya übt an ihrem Haarmodell Jasmin Winistörfer ihre selbst entworfene «Gala-Frisur».

Lisa Erard

»Aua, das ziept», beschwert sich Jasmin Winistörfer und verzieht das Gesicht. Diesen Aufschrei ignoriert Ganna Kulitskaya, Coiffeuse im 3. Lehrjahr, da sich ihre ganze Aufmerksamkeit im Moment auf die kunstvoll toupierte Haarpracht ihres Models konzentriert. Ein selbst fabriziertes Haarteil aus Drahtgeflecht und Bändern will sich in der Hochsteckfrisur von Jasmin nicht befestigen lassen. Währenddessen tickt die Küchenuhr auf dem Friseurtisch unbarmherzig weiter. Ganna hat nur noch wenige Minuten Zeit für die Fertigstellung ihrer Gala-Frisur.

Zum Glück gilt es noch nicht ernst, sondern erst heute in einer Woche. Die Sektion Solothurn des Verbands Coiffure Suisse führt dann zum 43. Mal das öffentliche Lehrlingsfrisieren im Landhaus durch.

Die Frisuren dürfen ausgefallen sein

Ganna hat nach der Sekundarschule bei «Coiffure Westhauser» in Solothurn ihre Lehre angefangen. Nach drei Jahren schliesst sie diesen Sommer ihre Lehre als Coiffeuse mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) ab. «Man weiss, dass im März die Veranstaltung ‹Haarewelle› ist», und da es, neben den Abschlussprüfungen der wichtigste Anlass für eine angehende Coiffeuse ist, «bereitet man sich auch dementsprechend darauf vor», ergänzt Ganna.

«Ich habe mein Model bereits im November gefunden», betont sie und wirft durch den Spiegel Jasmin einen Blick zu. Diese nickt, so gut es mit einer pompösen Hochsteckfrisur eben geht und bestätigt, «mit dem Üben hast du aber erst im Januar angefangen.» – «Zuerst sammelte ich Ideen, probierte Frisuren aus und diskutierte mit meiner Lehrmeisterin Möglichkeiten zur Umsetzung», kontert Ganna. Die Leistungsshow im Landhaus ist öffentlich.

Am Nachmittag wandelt das 3. Lehrjahr eine Tagesfrisur in die abendliche Gala-Frisur um. Die soll auf der Bühne wirken und darf auch ausgefallen sein. «Wir können uns kreativ voll und ganz ausleben», schwärmt die junge Frau und weiss, «das ist ein Unterschied zur Lehrabschlussprüfung im Mai, die keine Hochsteckfrisuren im Prüfungsstoff umfasst.» Trotzdem erachtet Ganna die «Haarewelle» als eine sehr gute Vorbereitung. Während sie eine widerspenstige Haarlocke mit Klammer und Haarfestiger zäumt, erklärt sie den Grund. «Man muss unter ständiger Beobachtung und Zeitdruck effizient und exakt arbeiten.»

«Ein Zuckerschlecken ist es nicht»

Benjamin Hofer ist Lehrer und unterrichtet am Berufsbildungszentrum (BBZ) in Olten, die angehenden Coiffeure EFZ. Zum Erlangen der eidgenössischen Fähigkeitszeugnisse absolvieren die Lernenden eine 3-jährige Berufsausbildung.

«Ein Zuckerschlecken ist es nicht», betont Hofer und weist auf die hohen Anforderungen in der Lehre hin. «Voraussetzung ist ein handwerkliches und technisches Geschick, Kreativität und Fantasie. Zu diesen Eigenschaften kommt ein vertieftes Fachwissen hinzu», und Hofer zählt weiter auf: «Neben dem Schneiden, Föhnen, Färben und Frisieren muss ein Coiffeur zum Beispiel auch das Mischverhältnis bei einer Haarfarbe ausrechnen können und deren Inhaltsstoffe und Wirkungen kennen.»

Hofer dementiert auch das Vorurteil, nur schulisch schwächere Schüler wählten den Coiffeur-Beruf. Im Gegenteil, «die Spannweite an Schulabgängern aus Bezirks-, Sekundar- und Oberschule ist sehr breit gefächert. Was zählt, ist die Freude und Motivation für den Coiffeur-Beruf.»

Es steckt viel Zeit, Schweiss und Arbeit in den Ergebnissen

Das Können der jungen, motivierten Leute und die Vielfältigkeit des Frisörhandwerks zeigt sich jeweils an den Resultaten der Veranstaltung. Es steckt viel Zeit, Schweiss und Arbeit in den Ergebnissen. In der monatelangen Vorbereitungsphase ist ein erster Knackpunkt die Suche nach dem «Übungsopfer», weiss Hofer. «Die Lernenden müssen ihre Modelle selbstständig suchen, was häufig kein einfaches Unterfangen ist, da zuverlässige, geduldige Personen mit langen Haaren Raritäten sind.»

Ganna hat mit ihrem Model Glück gehabt. Sie flechtet gerade ein schwarzes Band in die blonden Haare von Jasmin und lobt: «Sie weiss zum Glück, welche Klammern ich brauche und hilft mit.» Jasmins Einsatz wie das unangenehme Haareziepen wird aber auch entlohnt. Sie kann sich bei «Coiffure Westhauser» gratis die Haare schneiden und färben lassen.

Die Frisur sitzt perfekt

Wenn eine Schere oder schlimmer, ein Haarteil nächsten Sonntag fehlen würde, «wäre das mein Albtraum», sagt Ganna und reisst beim Gedanken an ein Missgeschick wie dieses, ihre Augen weit auf. «Das darf und kann aber eigentlich nicht passieren, da wir eigens dafür eine Materialliste haben.» Und diese wird die ehrgeizige Schülerin vorher noch mehrfach kontrollieren. Vielmehr macht sie sich Sorgen, dass die Zeit nicht reicht, oder ein «Locken-Chignon», das ist eine grosse Haarwelle, sich löst.

Eine Woche vor der Premiere sitzt Jasmins Frisur perfekt! Ganna ist mit dem Ergebnis zufrieden. Die motivierte Berufsschülerin scheint für das 43. Lehrlings frisieren gerüstet.

Haarewelle2012 – Lernende frisieren am 25. März von 11 Uhr bis 17.30 Uhr im Landhaus Solothurn. Eintritt 16 Fr.
(Lernende 8 Fr.)