100-Jahr-Jubiläum
Wie sich aus dem Zahnreisser ein Zahnarzt entwickelt hat

Vor 100 Jahren, als die Zahnärzte-Gesellschaft des Kantons Solothurn gegründet wurde, war der Zahnarzt noch eher Handwerker als Arzt. Seither hat sich das Berufsbil des Zahnarztes stark gewandelt.

Urs Byland
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Links: Der Zahnarzt Theo Hürny, Bern 1962. Rechts: Zahnarztpraxis in Olten 2014.

Links: Der Zahnarzt Theo Hürny, Bern 1962. Rechts: Zahnarztpraxis in Olten 2014.

zvg

Am 10. September 1915 treffen sich im Solothurner Steingrubenquartier fünf Zahnärzte. Sie beraten, wie man das kümmerliche Einkommen und den Ruf des Berufsstandes verbessern könne – und sie beschliessen, die Zahnärzte-Gesellschaft des Kanton Solothurns zu gründen. Sie haben hohe Ziele und wollen Neuerungen in der Zahnmedizin diskutieren, Schul- und Volkszahnkliniken gründen und die Patienten über Zahn- und Mundpflege aufklären.

Für die Behandlung der stark verbreiteten Zahnkaries und anderer Erkrankungen der Mundhöhle standen im Kanton Solothurn 1915 nur zehn professionell ausgebildete Zahnärzte zur Verfügung. Heute versorgen 130 Zahnärztinnen und Zahnärzte im Kanton Solothurn eine Wohnbevölkerung von 263 000 Menschen. Das ergibt einen Versorgungsgrad von einem Zahnarzt oder einer Zahnärztin auf 2023 Einwohner. Hinzu kommen 74 Dentalhygienikerinnen, 60 Prophylaxeassistentinnen und 196 Dentalassistentinnen.

Die Zahnärzte-Gesellschaft des Kantons Solothurn feiert ihr 100-Jahr-Jubiläum mit einer Festschrift. Die Broschüre beschreibt die Entwicklung des Fachgebietes von der Zahnheilkunde zur Zahnmedizin, das heisst von der Erfahrungsheilkunde zu einer Sparte der Medizin, die auf einer methodischen Sammlung von Daten basiert.

Es brauchte viel Mut – vom Zahnarzt

Vielfältige Erfahrungen, wie der Ausdruck Erfahrungsheilkunde andeutet, machte ein «Zahnreisser» mit Sicherheit. So wurde der Zahnarzt noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts gerufen. Jeder, der den Mut hatte, einem Patienten einen schmerzenden Zahn zu ziehen – gebohrt wurde damals noch nicht –, konnte dies tun – auf eigene Gefahr und gegen gutes Geld.

Jubiläumsbroschüre

Die Jubiläumsbroschüre kann beim Sekretariat der SSO-Solothurn bezogen werden: Sekretariat SSO-Solothurn, Mühlemattstrasse 50, 5000 Aarau, 062 824 77 19, info@sso-solothurn.ch
Der offizielle Festakt zum Jubiläum für Mitglieder (und ihr Praxisteam) und Behörden findet am Donnerstag, 22. Oktober 2015, in Solothurn statt.

Diese «Zahnbrecherei» wurde oft in angemieteten Räumen in Wirts- oder Privathäusern vorgenommen. Selbstberufene «Zahnbehandler» boten fernab der Städte ihr Können bis weit ins 20. Jahrhundert an. Oft fühlten sich Coiffeure berufen. Wohl weil sie im Besitz eines geeigneten Behandlungsstuhles waren. Noch 1924 verlangte der Coiffeur Adolf Walter in Mümliswil vom Regierungsrat eine Bewilligung, weiterhin in seinem Geschäft Zähne ziehen zu dürfen.

Kampf gegen Volkskrankheit

In der Jubiläumsbroschüre der Zahnärzte-Gesellschaft, die sich heute SSO-Solothurn nennt, wird auf verschiedene Themen ein Schlaglicht geworfen. Beschrieben werden die technischen Errungenschaften wie etwa der Tretbohrer. Mit neuen Verfahren wurden Zähne nicht mehr nur gezogen, sondern auch geflickt. Die Industrialisierung führte zu einigem Wohlstand, aber auch wegen erhöhten Zuckerkonsums zu beträchtlichen Schäden an den Zähnen. Die Zahnkaries entwickelte sich zur Volkskrankheit. Gleichzeitig war die Dienstleistung im Vergleich zum Tagesverdienst noch sehr teuer.

Die Zahnärzte-Gesellschaft hatte viel zu tun. Der mangelnde Nachwuchs bereitete Sorge, ebenso marktschreierische Werbung, welche mit dem Beitritt zur schweizerischen Zahnärzteorganisation (schon im Gründungsjahr) Vergangenheit sein sollte. Die Standesordnung verbot Reklame. Schon von Beginn an wurde eine «Schwarze Liste» in der Gesellschaft diskutiert.

Die Zahnärzte sorgten auch für eine Verbesserung ihres Images. Von Anbeginn an wurden Schulzahnkliniken eingerichtet. Thematisiert werden in der Broschüre das Verhältnis zur Krankenkasse oder die Arbeit in der Wirtschaftskrise. Geschildert wird aber auch der Kampf gegen unliebsame Konkurrenz oder der Kampf um eine Anerkennung: «Den Behörden musste vor allem klargemacht werden, dass die Ausbildung der Zahnärzte jener der Allgemeinmediziner absolut gleichwertig war.»