Audiopädagogik
Wie schwerhörige Kinder besser hören lernen

Der Audiopädagogische Dienst Kanton Solothurn feiert dieses Jahr sein offizielles einjähriges Bestehen. Zeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Jasmin Krähenbühl
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Audiopädagogin Céline Aeschlimann übt mit der Zweitklässlerin Leona das Fingeralphabet. Leona trägt ein Cochlea Implantat.

Audiopädagogin Céline Aeschlimann übt mit der Zweitklässlerin Leona das Fingeralphabet. Leona trägt ein Cochlea Implantat.

Jasmin Krähenbühl

Cécile Aeschlimann verdeckt sich den Mund mit der Hand. «Tulpe», sagt sie laut und deutlich. Die achtjährige Leona überlegt einen Moment. «Es heisst Die Tulpe oder?», fragt sie. Cécile Aeschlimann nickt. Leona beugt sich über das Arbeitsblatt und schreibt in grossen Buchstaben: Die Tulbe. «Hör noch einmal gut hin», sagt Cécile Aeschlimann.

Sie spricht das gefragte Wort noch einmal klar aus, diesmal lässt sie Leona ihre Lippenbewegungen sehen. «Aha, das ist mit P!», ruft die Zweitklässlerin und korrigiert ihren Fehler. Dann fährt sie sich durch die Haare und bleibt fast an ihrem Cochlea-Implantat, einer implantierten Hörhilfe, hängen.

Jeder Fall verschieden

Die Audiopädagogin Cécile Aeschlimann arbeitet täglich mit hörbeeinträchtigen Kindern und Jugendlichen wie Leona. Sie gehört zum fünfköpfigen Team des Audiopädagogischen Dienstes (APD) des Kantons Solothurn. In Solothurn existierte lange kein eigenständiger APD, die umliegenden Kantone teilten das Gebiet unter sich auf. Erst 2014 übertrug das Volksschulamt Kanton Solothurn den entsprechenden Leistungsauftrag dem «Zentrum für körper- und sinnesbehinderte Kinder» (ZKSK), das den APD im Standort «Das Kind im Zentrum» in Oensingen aufbaute. 2015 stellte sich der APD erstmals der Öffentlichkeit vor und kann dieses Jahr sein offizielles einjähriges Bestehen feiern.

Rund 70 Kinder und Jugendliche betreut der APD momentan. Alle Kinder haben eine nachgewiesene Schwerhörigkeit von mindestens 30 Dezibel – doch die Art der Betreuung sieht in jedem Fall anders aus. «Jedes Kind ist einzigartig und braucht unterschiedlich viel Unterstützung», sagt Anja Kehm, Standortleiterin von «Das Kind im Zentrum». Ziel des APDs sei die vollumfängliche Teilnahme der Kinder am Alltag trotz Hörbeeinträchtigung, erklärt Kehm.

Dazu muss aber nicht nur das betroffene Kind betreut werden. Die Audiopädagogen stehen auch in regelmässigen Austausch mit der Familie, der Schule, sowie medizinischen und technischen Fachpersonen. «Das Umfeld ist entscheidend, es muss Verständnis haben, informiert und sensibilisiert sein, damit die Hörbeeinträchtigten möglichst wenig Hürden im Alltag antreffen», sagt Aeschlimann.

Angepasste Wege zum Ziel

Die Arbeit des APD lässt sich grob in zwei Bereiche aufteilen: Die Früherziehung im Vorschulalter und die Integrativen Sonderpädagogischen Massnahmen (ISM) während der Schulzeit. Während der Früherziehung besuchen die Audiopädagogen die Kinder in ihrem Zuhause. Mit spielerischen Übungen trainieren die Kinder ihr Gehör und werden mit der gesprochenen Sprache vertraut gemacht. Denn wer seine Eltern fast nie sprechen hört, der kann sich folglich selber nur schlecht ausdrücken. Ein Beispiel dafür sind die Artikel: Die Hörenden wissen sofort, dass es «Die Tulpe» heisst. Doch nur, weil sie es eben tausendmal gehört haben.

Während der Schulzeit besuchen die Audiopädagogen die Hörbeeinträchtigten vorwiegend in der Schule. Sie unterstützten «ihre» Kinder im Unterricht oder verbringen Einzellektionen mit ihnen, in denen sie sich für den Schulstoff mehr Zeit nehmen können. Die Unterstützung in der Schule geschieht im Sinne des Nachteilsausgleiches: Wenn die Kinder weniger hören, haben sie folglich mehr Schwierigkeiten, die behandelten Themen zu lernen und zu verstehen. «Doch es sollen nicht einfach die Lernziele herabgesetzt werden, sondern der Weg dazu adaptiert», erklärt Kehm.

So haben die Hörbeeinträchtigten angepasste Bedingungen für die Prüfungen. Sei es mehr Zeit oder ein langsam vorgelesenes Diktat anstatt eines ab CD: «Schlussendlich sind die Voraussetzungen dieselben wie für die Hörenden», sagt Aeschlimann.

Eine gute Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen und Verständnis der Klasse erleichtern das Lernen für die hörbeeinträchtigten Kinder ebenfalls. Oft haben schon nur kleine Massnahmen eine grosse Wirkung, wie die Sitzordnung, die Lichtverhältnisse, das Sprachtempo oder eine FM-Anlage, die die Stimme der Lehrperson direkt auf das Hörgerät überträgt.

Lehrbetriebe wagen nichts

Der APD betreut Hörbeeinträchtigte bis zum 18. Lebensjahr. «Wir versuchen, die Jugendlichen möglichst gut auf das Berufsleben vorzubereiten. Doch die Lehre ist noch einmal etwas völlig anderes als die Schule, wo es leichter war, Rücksicht zu nehmen», sagt Aeschlimann. Viele Lehrbetriebe scheuten vor der Einstellung eines Hörbeeinträchtigten zurück, wollen eine hundertprozentige Arbeitskraft, ohne auf Handicaps achten zu müssen, berichtet die Audiopädagogin.

Sie empfiehlt ihren Schützlingen die Berufsschule für Hörgeschädigte BSFH in Zürich, wo sie die Lehre im geschützten Rahmen absolvieren können. Einen Nachteil hat die Lehre an der BSFH dennoch: Der Kanton Solothurn leistet keine finanzielle Unterstützung für diese Ausbildung.

Nach den zwei Lektionen mit Leona packt Aeschlimann ihre Unterlagen wieder ins Auto. «Wir Audiopädagogen verbringen etwa einen Drittel unserer Zeit im Auto», sagt sie. Die vom APD betreuten Kinder leben im ganzen Kanton verteilt. «Doch ich mache meine Arbeit gerne. Wenn ein Kind Fortschritte macht, ist das genügend Entschädigung für das Herumfahren.»

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