Veränderungen
Wie Papst Franziskus dem Vatikan die Macht entzieht

Einblicke von Bruder Niklaus Kuster ins aktuelle Pontifikat zeigen, wie Papst Franziskus die katholische Kirche während der letzten drei Jahre reformiert hat.

Christian Sutter
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Papst Franziskus ist in Rom mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet worden. (Archiv)

Papst Franziskus ist in Rom mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet worden. (Archiv)

Keystone/EPA ANSA/ETTORE FERRARI

Wissen Sie, wo der Papst wohnt? Natürlich, im Vatikan. Aber nicht in den ihm zugedachten Palasträumen, sondern im Gästehaus. Es ist nur eine von vielen Gesten und Veränderungen, die Franziskus’ Wille unterstreicht, die katholische Kirche zu refomieren, voranzutreiben. Hin zu mehr Geschwisterlichkeit. Was für den Pontifex nichts anderes heisst, als den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Bruder Niklaus Kuster hatte die 80 Personen im reformierten Pfarreisaal in Langendorf schnell gefesselt. Am von der ökumenischen Männergruppe Langendorf und Umgebung organisierten Abend bezog der Referent, welcher Geschichte, Theologie und Spiritualität studierte, das Publikum ein und gestaltete ihn dialogisch. Er sprach viele Themen an: Sozialpolitik, Ökumene, Kirchenreform – und eben die Geschwisterlichkeit.

Der Papst und Bischof von Rom, von vielen einfach Bruder Franziskus genannt, rief einen sogenannten Neuner-Rat ins Leben. Dessen Vertreter kommen aus Süd- und Mittelamerika, den USA, Europa, Afrika und Australien, neben dem Staatssekretär und dem Verantwortlichen des Vatikans. Mit diesem Gremium berät sich der Papst. Keiner war zuvor Kardinal, keiner kommt aus dem Vatikan.

Kuster betont, dass es darum gehe, der monarchischen Lanze innerhalb bestehender Strukturen die Spitze zu nehmen und die im Machtzentrum Rom angesiedelten Kompetenzen in die regionalen Zentren und Ortskirchen zu verlagern. «Dies ist eine clevere Art, Rom laufend Kompetenzen zu nehmen und sie an die Ortskirchen abzutreten», so Kuster.

Vatikan als Dienstleister

Das Amt des Papstes habe mit Franziskus seinen Schrecken verloren, führt Kuster aus. Es gehe künftig darum, dass der Vatikan von einem Machtzentrum zu einem Dienstleistungszentrum für die Gläubigen und Ortskirchen werde.

Der Papst hat bei Amtsantritt seine vorgesehene Amtszeit auf fünf Jahre beschränkt. Ob das reiche für die nötigen Reformen, fragt ein Zuhörer. Auch zehn Jahre wären nicht genug, entgegnet Kuster trocken. Aber Franziskus lege die Grundsteine für den Wandel.

Vor etwa drei Wochen sei ein nachsynodales Schreiben erfolgt, welches sich auf die letzte Synode vom Herbst 2014 und deren zweiten Teil im Herbst 2015 beziehe. Darin komme die angestrebte Verlagerung der Kompetenzen in die Ortskirchen klar zum Ausdruck. Ein Beispiel sei die Möglichkeit, dass Geschiedene und Wiederverheiratete die Sakramente empfangen dürften. Das Entscheidende sei, «dass die Umsetzung den Ortskirchen überlassen ist und die Bischöfe in der Schweiz hier klar Stellung beziehen könnten». Die Kompetenzverlagerung gebe den Ortskirchen in gewissem Sinne eine doppelte neue Freiheit, einmal als Kirche und dann auch für die einzelnen Gläubigen. Wie unsere Bischöfe mit diesen Freiheiten umgehen, wird sich weisen.

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