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Wie man in der Zeltstadt Idomeni für 1000 Flüchtlinge kocht

Schnippeln und rüsten im Flüchtlingscamp in Idomeni. Syrische Frauen und Teenager schaffen sich so einen Ort der Normalität im schwer zu ertragenden Umfeld.

Schnippeln und rüsten im Flüchtlingscamp in Idomeni. Syrische Frauen und Teenager schaffen sich so einen Ort der Normalität im schwer zu ertragenden Umfeld.

Die Flüchtlingszeltstadt von Idomeni ist das Sinnbild für die Flüchtlingskrise. Unsere Autorin war für drei Wochen vor Ort – und hat einen tiefen Einblick erhalten.

Idomeni, die geräumte Flüchtlings-Zeltstadt an der griechisch-mazedonischen Grenze, beherbergte zwischenzeitlich über 10 000 Flüchtlinge – zu einem Grossteil aus Syrien. Flüchtlinge, untergebracht in Zelten, die bei jedem stärkeren Windstoss umfallen und die bei jedem Regen im Schlamm versinken.

Idomeni ist das Sinnbild für die grosse Flüchtlingskrise und ist doch viel mehr als das. Das wurde mir bewusst, als ich im Mai dieses Jahres für drei Wochen nach Griechenland ging. Ich wollte mir nicht nur ein eigenes Bild der hoffnungslosen Situation machen, sondern empfand es als meine Pflicht, nicht ohnmächtig dem Leid von Tausenden von Kindern gegenüberzustehen und wegzusehen.

Aus der provisorischen Ansammlung von Zelten ist im Verlaufe der Zeit eine eigene Gemeinschaft entstanden. Die Flüchtlinge organisieren sich teilweise selber – sei es mit Coiffeursalons unter freiem Himmel oder Falafelständen. Oder sie helfen bei der täglichen Arbeit der Hilfsorganisation mit. Denn wer weiss besser als syrische Frauen, wie man leckeres syrisches Essen kocht?

Flüchtlinge kochen für sich

10 000 Leute sind eine ganze Menge, die dreimal täglich Essen brauchen. Hilfsorganisationen, die Essen verteilen, gibt es deshalb einige. Doch nur wenige kochen syrisches Essen. Eine Ausnahme ist die Berner Nichtregierungsorganisation NGO Ceriba. Ihr Prinzip ist einfach: Flüchtlinge kochen für Flüchtlinge. Was einfach tönt, ist kompliziert. Wie kocht man täglich schon für «nur» 1000 Leute ein schmackhaftes Essen, welches erst noch pünktlich serviert werden soll?

Für gutes Gelingen sorgen neun Syrerinnen – sechs Teenager, drei Frauen und eine Riesenmenge an Lebensmitteln. Exakt werden täglich 80 Kilogramm Reis gekocht. Dazu gibt es zehn Boxen frisches Gemüse, Kartoffeln oder Tomatensauce mit Bohnen. Zusätzlich braucht es 10 Liter Öl, zwei Kilo Salz und andere Gewürze. Das Essen wird jeweils am Morgen von den Volunteers von Ceriba eingekauft. Dafür wird nicht nur der Grossmarkt aufgesucht, sondern auch eine lokale Händlerin in der Nähe von Idomeni. Mit dem Eingekauften in der Zeltstadt angekommen, packen sowohl syrische Männer kräftig beim Ausladen an wie auch die jüngsten Bewohner von Idomeni.

Eine ehemalige Verladestation für Fleisch dient als improvisierte Küche. Ein Vorteil, denn hier kann unter hygienischen Bedingungen gearbeitet werden. Gummi-Handschuhe sowie Kopfhauben sind Pflicht für alle, die in der Küche mithelfen. Die einzige Ausnahme sind die Kopftuchträgerinnen. Gekocht wird mit Gas, ein Generator kühlt das frische Gemüse.

Flüchtlinge kochen in Idomeni.

Flüchtlinge kochen in Idomeni.

In einem ersten Schritt werden die frischen Zutaten gerüstet und zubereitet. Das heisst, die Teenager waschen und schneiden stundenlang eine Gurke nach der anderen – gefühlt sind es über 300 Stück pro Person, doch tatsächlich schnippelt jede um die 50 Gurken. Zu den unbeliebteren Aufgaben der Teenager gehört dann das Knoblauchrüsten und -raffeln. Verständlich bei 50 Knoblauchknollen. Nebenbei kochen die Frauen kontinuierlich Reis in Töpfen, die 40 Liter Wasser fassen. Der Reis wird kräftig gewürzt und geölt. Nicht nur der Geschmack ist wichtig, sondern auch das Aussehen des Essens. Hier ist gelblicher Reis besonders beliebt. Die Rüst-, Schneid- und Koch-Sessionen werden begleitet vom kontinuierlichen Geplauder der Frauen, welches unterlegt ist von lauter syrischer Tanzmusik. Und hin und wieder tanzt jemand durch die Küche und fordert die anderen auf, bei einem arabischen oder kurdischen Tanz mitzumachen.

Anstehen mit Büroklammern

Die Essensausgabe für 1000 Leute innert kürzester Zeit erfordert ein effizientes System. Für gutes Gelingen braucht es: Personal zum Schöpfen, farbige Büroklammern, starke Arme und einen kühlen Kopf. Das «Schöpfpersonal» gibt kontinuierlich zwei Stunden lang Essen heraus, die Leute stehen dafür in geschlechtergetrennten Schlangen an, wodurch Chaos verhindert werden soll. Ein paar junge Leute helfen mit, die Linien zu organisieren. Ob gross oder klein – jedem wird eine Büroklammer in die Hand gedrückt. Wozu? Wer keine hat, muss nochmals in der Schlange anstehen. Nur wer schwanger, verletzt, krank oder in hohem Alter ist, darf die Schlange umgehen. Hier zeigt sich exemplarisch: Ein Flüchtling zu sein, heisst primär warten und anstehen. Warten aufs Essen, warten auf das Öffnen der Grenze, warten auf den Asylbescheid.

Zur Rolle der Volunteers bei solch ausgeklügelten Systemen gehört die Bereitstellung der Lebensmittel und Küchenausstattung, die Koordination des Ganzen sowie die Mitarbeit beim Kochen. Doch viel wichtiger als diese Aufgaben sind die Besuche in den Zelten und bei einem Tee den Geschichten der Leute zuhören, ihre Kinder durch die Luft zu wirbeln ... Den vor dem Krieg Geflüchteten Würde und Normalität zurückzugeben, indem man sie als Menschen wahrnimmt und sie respektiert.

Die Küche ist so auch ein Ort der Normalität im Unnormalen, der Freude und des Vergessens. Die traumatischen Erlebnisse, die Alters- und Mentalitätsunterschiede und die Realität in Idomeni können für einen Moment ausgeblendet werden. Was zählt, ist die Freude am Kochen, das richtige Würzen des Abendessens und die pünktliche Ausgabe der dampfenden Mahlzeiten.

Kino in einem Flüchtlingslager? Wieso brauchen Leute, die via lebensgefährlichen Routen vom Krieg nach Europa geflüchtet sind und jetzt unter unmenschlichen Konditionen leben, ein Kino? Ganz einfach. Kino ist ein Stück Normalität im Leben der Flüchtlinge, ein Moment des Innehaltens und der Ablenkung von der verfahrenen Situation, in der sie sich befinden. Das Kino im Flüchtlingslager wurde just in dem Moment gestartet, als klar wurde, dass Idomeni geräumt werden soll. Tränengasschwaden haben so den ersten Kinoabend unterbrochen und den Kindern Tränen in die Augen getrieben. Nachdem sich das Gas verzogen hatte, haben sich alle wieder sofort vor der Leinwand versammelt, um mit fröhlichen Augen Tom & Jerrys Abenteuer weiterzuverfolgen. Ein durchmischtes Publikum, von Babys bis Leute am Gehstock und alle trinken Tee zum Aufwärmen. Das Kino ist spontan entstanden und improvisiert: Weisse Leintücher, die von Hand zusammengenäht wurden und festgemacht sind an Zäunen, dienen als Projektionsfläche für die Youtube-Filme. Junge syrische Männer zimmerten Sofas aus Paletten und diese fungieren nun als Kinosessel. Doch nicht nur im Palettensessel, auch aus dem eigenen Zelt wird gebannt auf die Leinwand geschaut. (shl)*Die Autorin stammt aus Lohn-Ammannsegg. Sie schloss im Februar 2016 den Bachelor in Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften an der Uni Luzern ab. Es folgte ein 3-monatiges Kommunikationspraktikum beim UNHCR in Genf und jetzt die Ausbildung zum Master in Development Studies in Genf.

Wie man Flüchtlingskinderaugen zum Glänzen bringt

Kino in einem Flüchtlingslager? Wieso brauchen Leute, die via lebensgefährlichen Routen vom Krieg nach Europa geflüchtet sind und jetzt unter unmenschlichen Konditionen leben, ein Kino? Ganz einfach. Kino ist ein Stück Normalität im Leben der Flüchtlinge, ein Moment des Innehaltens und der Ablenkung von der verfahrenen Situation, in der sie sich befinden. Das Kino im Flüchtlingslager wurde just in dem Moment gestartet, als klar wurde, dass Idomeni geräumt werden soll. Tränengasschwaden haben so den ersten Kinoabend unterbrochen und den Kindern Tränen in die Augen getrieben. Nachdem sich das Gas verzogen hatte, haben sich alle wieder sofort vor der Leinwand versammelt, um mit fröhlichen Augen Tom & Jerrys Abenteuer weiterzuverfolgen. Ein durchmischtes Publikum, von Babys bis Leute am Gehstock und alle trinken Tee zum Aufwärmen. Das Kino ist spontan entstanden und improvisiert: Weisse Leintücher, die von Hand zusammengenäht wurden und festgemacht sind an Zäunen, dienen als Projektionsfläche für die Youtube-Filme. Junge syrische Männer zimmerten Sofas aus Paletten und diese fungieren nun als Kinosessel. Doch nicht nur im Palettensessel, auch aus dem eigenen Zelt wird gebannt auf die Leinwand geschaut. (shl)*Die Autorin stammt aus Lohn-Ammannsegg. Sie schloss im Februar 2016 den Bachelor in Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften an der Uni Luzern ab. Es folgte ein 3-monatiges Kommunikationspraktikum beim UNHCR in Genf und jetzt die Ausbildung zum Master in Development Studies in Genf.

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