Um als Kind eine oder mehrere Sprachen korrekt zu lernen, braucht es im Prinzip nicht viel. Es braucht Bezugspersonen, welche in ihrer Sprache mit dem Kind sprechen, dem Kind durch Geschichten, Verse, Lieder und durch das gemeinsame Erleben ihre Sprache und Kultur vermitteln. Wer sich an den Grundsatz «eine Person, eine Sprache» hält, hat gute Chancen, dass sein Kind die Sprache(n) gut lernt.

Ein Kind, welches zu Hause zweisprachig aufwächst, wird zu Beginn noch ein Durcheinander machen zwischen seinen verschiedenen Sprachen. Bis spätestens im Kindergartenalter können die Kinder die Sprachen aber grösstenteils auseinanderhalten.

Die meisten Kinder sind fähig, neben ihrer Muttersprache auch noch erfolgreich Deutsch zu lernen. Hierzu braucht es vor allem frühen Kontakt mit Deutsch sprechenden Kindern und Erwachsenen (z. B. in Kindertagesstätten, Spielgruppen, auf dem Spielplatz), sowie Eltern, die eine wohlwollende Haltung gegenüber der schweizerdeutschen Sprache und Kultur haben. Eltern oder andere Bezugspersonen, die sich freuen, wenn ihr Kind deutsche Wörter nach Hause bringt.

Bezugspersonen, welche sich selbst mit der deutschen Sprache und Kultur auseinandersetzen, sind eine zusätzliche Motivation für die Kinder. Zum Beispiel tamilische, arabische, russische Eltern, die gerade mit ihrem Kind zusammen unsere Schrift lernen. Oder eine kroatische Mutter, welche einen Deutschkurs besucht, ein senegalesischer Vater, der dem Männerchor beitritt.

Nicht für alle einfach

Es gibt aber Kinder, welche die Sprache(n) nicht so spielerisch lernen. Ihre Probleme werden teils bereits im Kleinkindalter durch die Bezugspersonen oder den Kinderarzt, oft aber erst im Kindergarten durch die Kindergärtnerin entdeckt. Wenn solche Kinder in die logopädische Abklärung kommen, wird versucht, den Spracherwerb der Muttersprache ebenso zu erfassen wie die Deutschkenntnisse. Dabei gilt herauszufinden, ob das Kind unter einer Sprachstörung leidet, oder ob es sich um einen ungünstig verlaufenden Erwerb der deutschen Zweitsprache handelt. Kinder, welche eine Sprachstörung haben, weisen immer auch Probleme in ihrer Muttersprache auf.

Spricht das Kind seine Muttersprache altersgemäss, reicht die Intensivierung der Bezugspersonen, welche sich selbst mit der deutschen Sprache und Kultur auseinandersetzen, meist aus. In Schule und Kindergarten geschieht dies unter anderem mittels Zusatzstunden «Deutsch als Zweitsprache» (DaZ), im Stundenplan eingebaute Förderlektionen. Dabei geht es darum, die deutsche Sprache und die damit verbundene Sprachkultur zu erwerben. Wenn grundlegende Probleme beim Spracherwerb sowohl der Muttersprache als auch der deutschen Zweitsprache vorliegen, ist eine logopädische Therapie angezeigt.

Individuelle Lernangebote

In der Logopädie sprechen logopädische Fachleute mit dem Kind in der deutschen Sprache. Die Arbeitsweise mit mehrsprachigen Kindern unterscheidet sich nicht wesentlich von derjenigen mit deutschsprachigen Kindern. Das Therapieangebot orientiert sich individuell an den Bedürfnissen des betroffenen Kindes. So lernt es zum Beispiel auf die Sprachlaute zu hören, neue Laute zu sprechen, Wörter zu speichern, das Sprachverständnis zu sichern, seine Grammatik zu erweitern, die Kommunikation zu verbessern, seinen Redefluss zu optimieren oder Sicherheit im Lesen und Schreiben zu gewinnen.

Bei fremdsprachigen Kindern berücksichtigen Logopädinnen und Logopäden zudem so weit als möglich auch ihre Muttersprache(n). Sei es, indem sie dem Kind zu verstehen geben: «Du kannst etwas, dass ich nicht kann»; sei es, indem sie die Eigenheiten der jeweiligen Sprache zu verstehen versuchen. So gibt es zum Beispiel im Türkischen keine Artikel, in anderen Kulturen wird anders kommuniziert miteinander, gewisse Laute unserer Sprache kommen in anderen nicht vor.

Das Wissen um solche Unterschiede hilft logopädischen Fachpersonen, die Sprachschwierigkeiten der Kinder zu verstehen und auf eine effektive Art anzugehen. Jede Therapie wird individuell für das jeweilige Kind geplant, unter Berücksichtigung seines Alters, seiner Geschichte, seiner Fähigkeiten und Interessen. Eine gute Zusammenarbeit mit den Bezugspersonen verstärkt dabei die Wirkung der Therapie.

*Katrin Zwygart-Bart ist Beisitzerin der Geschäftsstelle des Vereins der Logopäden und Logopädinnen des Kantons Solothurn (VLS).