Sprichwörtlich wird ja regelmässig über Gott und die Welt gesprochen, in der Praxis jedoch eher weniger. So vermag es zu erstaunen, dass der protestantische Theologe Hans Stricker und sein katholischer Gesprächspartner Franz Eckert, die zur Präsentation ihres gemeinsamen Buches «Gott erfahren heute» in die Säulenhalle des Landhauses eingeladen hatten, vor vollen Rängen ihr «Spätwerk» vorstellen konnten.

Dieser überraschende Umstand hängt wohl stark damit zusammen, dass es sich bei den beiden ehemaligen Kantonsschullehrer um ausgewiesene Praktiker handelt, die sich in ihren durchweg geerdeten Ausführungen an Gläubige sowohl als auch an Ungläubige wenden. Denn das im Luzerner Rex Verlag erschienene Buch schöpft voll und ganz aus der Lebenspraxis.

Das über 300-seitige Buch kommt ohne Drohfinger oder akademische Spiegelgefechte aus – die Lektüre ist ein anregender Spaziergang durch Jahrhunderte, unterschiedliche Kulturen, vorbei an verschiedensten Lebens- und Glaubenshorizonten.

«Humanisierung der Sexualität»

Im ersten Teil der zehn im Buch ausgewählten Lebensbereiche beschäftigt sich der in Langendorf wohnhafte und ursprünglich aus der Pfalz stammende Franz Eckert unter anderem mit der Frage, wie man Gott in der Natur, in der Literatur oder in der Musik erfahren kann. Auch die uralte und zentrale Frage nach den Gottesbildern an und für sich wird in einer exakten, jedoch nicht theologisierenden Sprache ausführlich betrachtet.

Im zweiten Teil wendet sich Hans Stricker, dessen Wurzeln sich in der Ostschweiz befinden, der Herausforderung der Leiblichkeit, der persönlichen Prägung durch die Lebensgeschichte und dem mehr oder weniger erfolgreichen Gebaren der christlichen Kirchen im Gegenwind des Säkularismus zu. Gerade in Bezug auf die Leiblichkeit des Menschen ist in kirchlichen Lehren viel Schaden angerichtet worden. Stricker verweist in seinen Gedanken jedoch explizit darauf, dass Spiritualität und Sexualität sich, für viele vielleicht unerwartet, durchaus ergänzen können.

Seiner Ansicht nach braucht es eine «Humanisierung der Sexualität», keine Dämonisierung oder Vergöttlichung, ein befreiter und befreiender Blick auf ein unermessliches Geschenk, bei dem die Freiheit des anderen respektiert wird und bei dem alles das als pervers bezeichnet werden kann, das ohne Liebe geschieht.

Zweifler und Suchende

Die beiden seit Jahrzehnten befreundeten Theologen standen zwar während des Verfassens in ständigem Kontakt, haben aber ihre eigenen Teile des Buches unabhängig voneinander geschaffen. Ein Schmelzpunkt der beiden tiefschürfenden Sinnsucher ist auf jeden Fall die Grundkonstante, dass jegliche Gotteserfahrungen an Zeit und Raum gebunden sind: «Gotteserfahrungen lassen sich nur im Vehikel menschlicher Ausdrucksmittel erzählen, ihre Gestalt ist subjektiv, geprägt vom Individuum und seiner Zeit, seiner Kultur und Geschichte.»

Und so erzählen die beiden von ihren vielfältigen Erfahrungen, ohne dabei geschwätzig zu werden, regen die Leserschaft zum Schmunzeln an, lassen jedoch auch heikle Fragen und unangenehme Fragezeichen zu; sie bekennen sich als Zweifler und Suchende, vermitteln aber in ihrer Darlegung eine durchweg positive Grundstimmung, da sie es dem Menschen als vernunftbegabtes Individuum zutrauen, in seiner Erfahrungswelt zu einem Bild der Wirklichkeit zu gelangen, das – wie sie es mit ihrer literarischen Entdeckungsreise vormachen – zum Austausch und zur Beantwortung von zentralen Lebensfragen anregt.