Justiz
Wie kam die Scherbe ins Auge? – keines der drei Szenarien der Verteidigung überzeugt die Richter

2015 hatte ein Türke in Balsthal einen jüngeren Landsmann geschlagen. Scherben verletzten das Opfer im Gesicht, es ist seither auf einem Auge blind. Der Schläger musste sich nun vor dem Solothurner Obergericht verantworten – und blitzte ab.

Daniela Deck
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Weil auch ein Whiskyglas involviert war, hatte die Schlägerei für das Opfer noch viel drastischere Folgen.

Weil auch ein Whiskyglas involviert war, hatte die Schlägerei für das Opfer noch viel drastischere Folgen.

Oliver Menge

Begonnen hat es mit dem Missverständnis um eine angebliche Provokation, geendet mit Glassplittern im Auge eines jungen Mannes. Der 21-jährige Önal H.* ist heute auf dem linken Auge praktisch blind. Am Montag befasste sich das Obergericht mit dem Schlagabtausch zwischen zwei Türken in Balsthal vor der «Irish Tavern».

Der Beschuldigte Mete P.* ist 32-jährig, bärtig, mit Rastalocken, eine grosse Gestalt mit höflichem Auftreten und unverkennbarer Kooperationsbereitschaft gegenüber dem Gericht. Moralische Unterstützung erhielt der Angeklagte von seiner Mutter und zwei Schwestern. Geboren und aufgewachsen ist er in St. Gallen.

Nach einer Gefängnisstrafe wegen sexueller Nötigung und Körperverletzung beteuert er «alles Menschenmögliche, um mich von Gewaltsituationen zu isolieren» getan zu haben. Während der Bewährungsfrist sei er zur verheirateten Schwester nach Balsthal gezogen, um ein neues gesetzestreues Kapitel in seinem Leben zu beginnen. Dazu ist es nicht gekommen.

Demonstration des Verteidigers

Stattdessen traf Mete P. in der Nacht auf den 4. Januar 2015 vor dem Pub auf Önal H. und dessen Freundin. Der Teenager H. hatte P. angepöbelt, in der irrigen Meinung er sei von ihm beleidigt worden. Da schlug P. zu – mit dem Whiskyglas in der Hand. Glasscherben drangen Önal H. so tief ins linke Auge, dass dieses verstümmelt wurde.

Pflichtverteidiger Nico Gächter war mit Requisiten aus St. Gallen angereist: mit einem Whiskyglas, Küchenschneidbrett und Geschirrtuch. Er zertrümmerte das Glas auf dem Brett, um zu zeigen, dass es P. unmöglich gewesen sei, das Glas im Gesicht des Opfers zu zerschlagen, ohne die eigene Hand zu verletzten.

Überdies müsste der Schlag mit Glas beim Opfer einen Bluterguss oder gar Knochenbrüche zur Folge gehabt haben, was jedoch nicht der Fall war. So geht Gächter davon aus, dass das Opfer von Splittern verletzt wurde, die vom Boden aufgeprallt seien, nachdem P. das Glas beim Schlag aus der Hand gefallen war.

Beweiskraft verneint

Nach einer Beratung kam das Gericht zum Schluss, dass die Scherbendemonstration keine Beweiskraft besitze. Staatsanwalt Marc Finger verwies bei seinen Anträgen auf das Urteil des Amtsgerichts Thal-Gäu vom August letzten Jahres und forderte die Bestätigung der 32-monatigen Freiheitsstrafe wegen eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung. Mete P. sei in dem Bereich vorbestraft, die Prognose für künftiges Wohlverhalten schlecht. Deshalb beantragte der Staatsanwalt weiter, auch die bedingte Freiheitsstrafe, die das Bezirksgericht St. Gallen 2014 verhängt hatte, sei zu vollziehen.

Verteidiger Gächter präsentierte seine Anträge in drei Szenarien. Freispruch, falls das Gericht den Schlag als Reflex taxiere; 12 Monate Freiheitsstrafe im Fall von Fahrlässigkeit; 16 Monate Freiheitsstrafe bei Eventualvorsatz. Die frühere Bewährungsstrafe sei nicht zu widerrufen. Die Genugtuung, die das Amtsgericht mit 20'000 Franken angesetzt hatte, sei auf höchstens 10'000 Franken zu reduzieren; es sei unklar, wie sehr die Verstümmelung das Leben des Opfers beeinträchtige.

Das Obergericht folgte den Ausführungen der Staatsanwaltschaft und wies die Anträge der Verteidigung vollumfänglich ab. Mete P. wurde zu einer Freiheitsstrafe von 32 Monaten unbedingt verurteilt, die Genugtuungssumme von 20'000 Franken bestätigt. Die Aussetzung der früheren Strafe wurde widerrufen, so dass diese ebenfalls verbüsst werden muss.

Name von der Redaktion geändert.