Die Geschichte von Max Frisch’s «Lehrstück ohne Lehre» ist jedem Schüler bekannt. Nun aber doch noch mal eine kurze Inhaltsangabe: Fabrikbesitzer Gottlieb Biedermann (Max Merker) erfährt aus der Zeitung, dass sich seit Kurzem Brandstiftungen in seiner Gegend häufen. Eines Tages klopft der arbeitslose Ringer Joseph Schmitz (Günter Baumann) an Biedermanns Haustür und bittet um Unterkunft. Widerwillig bewirtet ihn Biedermann und gewährt ihm gar Obdach. Und während der Gast seinen Aufenthalt ohne zu fragen verlängert, ignoriert Biedermann alle Hinweise darauf, dass es sich bei diesem Schmitz um einen jener Brandstifter handelt, über die er sich täglich aufregt.

Auch als der Besuch ohne das Wissen von Biedermann einen weiteren Gast, den wohlerzogenen Kellner Wilhelm Maria Eisenring (Matthias Schoch) aufnimmt und die beiden Männer rote Benzinfässer auf dem Dachboden deponieren und mit Zündschnüren agieren, getraut sich Biedermann nicht, die beiden auf die Strasse zu setzen.

Er macht genau das Gegenteil: Biedermann geht mit sich steigernder Gastfreundschaft bis hin zur Verbrüderung auf seine Besucher ein und versucht auch trotz Bedenken und Ängste seiner Frau (Atina Tabé) und seiner Haushälterin Anna (Barbara Grimm) das Bild eines intakten Haushalts zu wahren – bis die Situation eskaliert.

«Biedermann und die Brandstifter» wurde 1958 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt und ist Max Frischs (1911-1991) satirische Kommentar auf eine Gesellschaft, die sich ganz in Anpassung übt und dabei damit in Gefahr bringt.

Wie im Comic

Katharina Rupp inszeniert «Biedermann» plakativ und comic-artig. Darauf verweisen schon die weissgeschminkten, maskenhaften Gesichter, die stereotypen Frisuren und Kostüme (Bühne und Kostüme: Vazul Matusz) der Protagonisten. Doch es gelingt allen Darstellern sich aus den geschminkten Überzeichnungen zu lösen und ihre Figuren menschlich, allzu menschlich darzustellen. Allen voran Max Merker, der einmal mehr sein komödiantisches Talent beweist und ein Meister der Überzeichnung ist. Aber auch Günter Baumann und Matthias Schoch fesseln als todbringendes, sarkastisches Dream-Team. So mancher Lacher bleibt den Zuschauern im Halse stecken. Atina Tabé gibt die ängstlich-angepasste Hausfrau und Barbara Grimm lässt es sich als Dienst-Mädchen Anna nicht nehmen, mit dem einen oder andern Augenaufschlag oder bloss ihrer Frisur ihrer Rolle etwas mehr Gewicht zu geben.

Gegen das Gutmenschentum

Die sechs Feuerwehrmänner, resp. eine Frau darunter, die als Chor und Vorantreiber der Geschichte agieren, hatten an der Premiere noch etwas mit Abstimmungsproblemen zu kämpfen. Auch die Artikulation war hin und wieder unverständlich. Doch ihre körperliche Präsenz und die eingespielte und zum Teil live gespielte Musik (von Daniel Rohrer) wirkten trotzdem. Erwähnt sei hier Tom Kramer, der mal als Polizist, dann wieder als Bass-spielender Feuerwehrmann den Leader dieser Truppe darstellte.

Dem Tobs ist hier ein «Biedermann» gelungen, der völlig auf politisch-verbrämte Anspielungen verzichtet, jedoch in seiner Überzeichnung und dem gelungenen Bühnenbild nicht mit Gesellschaftskritik spart. Es ist unser Hang zum liberalen Gutmenschentum, der unkritische Umgang mit irgendwelchen Geschichten, der angeprangert wird. Und die daraus resultierende Laisse-fair-Haltung, welche die Individualität des Einzelnen unkritisch hochstilisiert, die aber andererseits die Gesellschaft verwundbar machen kann. Denn wie sagt es Biedermann so schön: «Verdacht, das hatte ich sofort. Verdacht hat man immer.» Leider reicht ein blosser Verdacht noch nicht aus, ein Unglück zu verhindern.