Kurz nach neun Uhr abends war es, Fasnachtsdienstag, 23. Februar 1751. Während es in den Wirts- und Zunfthäusern hoch zu- und herging, schritt der Solothurner Ratsherr Franz Peter Zeltner in Begleitung seiner Familie und eines Berner Gastes über den Marktplatz. In diesem Moment passierte etwas Unerhörtes, das mit dem würdevollen Aufzug des Altrats Zeltner und seines Gefolges ganz und gar nicht zusammenpassen wollte:

Ein Maskierter, «mit einer Kleidung eines Gauglers oder Arlequin vermumet», heisst es im Ratsmanual, sei auf den Ratsherrn zugerannt und habe diesen «under Augen der Macht attaquirt». Er habe «ihme einen brennenden Flambeau ohne allen Anlass muotwillig auf die Brust gestossen, das das feürig- und brennende Bäch ihme in das Angesicht gesprützt» und seine Bekleidung bekleckert habe. «Noch ohnverantwortlicher» sei, dass der Harlekin dem Herrn Zeltner «die Tortschen, gleich wolte er disen Herren auff das Haubt schlagen, auffgezogen». Auf gutes Zureden hin habe er innegehalten, die lodernde Fackel dem Ratsherrn dafür jedoch bedrohlich nahe unter die Nase gehalten. Dann habe er sie, noch einmal über das ratsherrliche Haupt geschwungen und sei ins Dunkel der Nacht davongerannt.

Ihro Gnaden befand sich laut Ratsmanual «von diser boshafften Khüenheit höchst offendirt» und wollte «solche ohngestrafft nicht vorbey gehn lassen». Dies um so mehr, als sich sein Gast aus Bern peinlicherweise ordentlich über die seltsamen Sitten und Gebräuche in Solothurn wunderte. Eine nicht unbedeutende Hürde musste Altrat Zeltner zunächst jedoch überwinden, wollte er den Übeltäter vor den Rat bringen: Eine Anzeige gegen einen unbekannten Harlekin war wenig zielführend. Es ging folglich darum, herauszufinden, wer sich hinter der Maske versteckte.

Die stillen Vermummten

Zeltner hatte gesehen, dass der Schelm aus dem Wirtshaus zum «Turm» gelaufen kam. Also ging er dorthin und bestürmte die Wirtstochter, das Geheimnis zu lüften. Deren Bruder trat jedoch dazwischen, erklärte, dass man die Maske im Hause nicht kenne. Hierauf komplimentierte er die Herrschaften, die nicht so recht zur ausgelassenen Stimmung passen wollten, zur Türe hinaus. Der Herr aus Bern hatte noch mehr Grund, sich zu wundern. Zeltner fand jetzt aber keine Zeit, sich ob der Peinlichkeit zu grämen, denn er hatte eine Gruppe von Maskierten erspäht, die eben im Begriffe war, im Zunfthaus zur Schmieden zu verschwinden.

Nichts wie los und hinterher! Doch auch diese Vermummten wollten mit der Sprache nicht herausrücken. Nun knüpfte sich der Ratsherr einen einzelnen Maskierten vor, doch dem wurde von den Umstehenden sogleich eingeschärft, niemanden zu denunzieren. Erst die Drohung, unverzüglich die Stadtwache zu rufen, half Zeltner weiter: Franz Vogelsang, auch er ein Sohn des «Turm»-Wirts, demaskierte sich und versprach, am andern Morgen Harlekins Identität offenzulegen.

Hauswirt hinter der Maske

Der Aschermittwoch-Morgen kam, Franz Vogelsang aber nicht. Darum informierte Altrat Zeltner Schultheiss und Rat. Dort freilich war bereits bekannt, wer sich hinter der Maske versteckt hatte: Christoph Joggi, der Hauswirt der Zunft zur Schiffleuten. Der war offenbar gerade «ohnpässlich» und wurde fürs Erste mal unter Hausarrest gestellt. Später, vor dem Rat, kroch er zu Kreuze. Er erzählte, dass ihm eben die Maske verrutscht sei und dass er «blinderweyss» an Herrn Altrat gefahren sei. Die Fackel habe er erhoben, um besser zu sehen, nicht um zu drohen. Selbst Franz Peter Zeltner bat Schultheiss und Rat nun, bei der Bestrafung Harlekins gnädig zu verfahren, was schliesslich auch geschah. Wobei weder Joggi noch seine Richter in Erwägung zogen, dass es sich um einen Vorfall handelte, der halt an der Fasnacht passiert sei.

Hingegen packten «ihro Gnaden» die Gelegenheit beim Schopf und dekretierten «bey disem Anlass (...), das künftigshin alles Tantzen wie auch alles Masquaraten gehn in schön oder wüsten Kleideren und Trachten, unterlassen und gemiessiget werden solle ...» Solche – zumeist wenig wirksamen – Verbote hatte es in Solothurn seit den 20er-Jahren des 16. Jahrhunderts immer wieder gegeben, aber anfänglich war nur, so noch 1562, das nächtliche Herumziehen in hässlichen Masken wie Teufelsfratzen missbilligt worden.

Von 1592 datiert das erste allgemeine Verbot des Maskengehens. Der Arlecchino der Commedia dell’Arte ist keine hässliche Maske. Dennoch kann der Joggi dahinter, wie bewiesen, einem Ratsmitglied eine Pechfackel ums hochwohlgeborene Haupt schwingen. Ratsherrliches Fazit also: Alle fasnächtliche Lustbarkeit mit Tanz und Masken jeder Art ist gefährlich.

Die Eintragungen im Solothurner Ratsmanual vom 26. Februar und vom 1. März 1751 sind, transkribiert und gedruckt, zu finden in: Stefan Hufeld, Zähmung der Masken – Wahrung der Gesichter, Theater und Theatralität in Solothurn 1700– 1798, Zürich 2000.