Langsamverkehr
Wie Grenchen von der Auto- zur Velostadt werden könnte

Luzia Meister, Grenchner Stadtschreiberin und Vizepräsidentin von Pro Velo Schweiz, weiss, was man beim Velofahren in Grenchen beachten muss – und was noch alles möglich wäre.

Andreas Toggweiler
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Unterwegs mit Luzia Meister
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Rainstrasse: Wieso nicht «ausgenommen Velos»? Bild: at
«Sturzfalle»: Metallränder auf dem Marktplatz. Bild: at

Unterwegs mit Luzia Meister

AZ

Im Jahr 2017 wird weltweit 200 Jahre Velo gefeiert (vgl. Kasten links). «Zur Fortbewegung innerhalb der Stadt ist das Velo für mich das genialste Fortbewegungsmittel. Ich bin damit in vielen Fällen schneller als die Kollegen mit dem Auto und kann dabei erst noch unsere grüne Stadt hautnah erleben», meint Luzia Meister. Was viele nicht wissen: Die Grenchner Stadtschreiberin ist schon seit Jahren Vizepräsidentin der Organisation Pro Velo, die sich auf nationaler Ebene für die Belange der Radfahrer einsetzt. Sie wird denn auch fast täglich irgendwo in der Stadt auf ihrem «Drahtesel» gesichtet. Ihr robustes Gefährt bringt sie seit Jahrzehnten von A nach B.

Prospekt für Bike-Trails

Grenchen wird bereits heute als Velostadt beworben. Als Standort des Nationalstadions der Bahnradfahrer und Sitz von Swiss Cycling sowie des renommierten (Renn-)Radherstellers BMC ist dies nicht abwegig. Der Velostadt-Prospekt von Grenchen Tourismus zeigt die zahlreichen Angebote auf, samt den nationalen Velorouten, die durch Grenchen führen, und der 2014 eröffneten Crosstrail-Route «Grenchen Bike» in der Region Romont-Grenchenberg. Diese startet und endet beim Chappeli und hat eine Länge von 13 km bei einer Höhendifferenz von 370m. Ein Trail dauert rund 1 Std., 45 Min. Seit zwei Jahren kommt auch noch eine der grössten Pump Tracks der Schweiz dazu, welche ausserhalb der Trainingszeiten gratis öffentlich zugänglich ist.

www.grenchentourismus.ch – Sommer – Velostadt Grenchen.

Dass diese Zeitung vor einem Jahr in einer Sommerserie die «Autostadt Grenchen» ausgerufen hat, kann Meister allerdings nachvollziehen. «Dass hier mehr Autos pro Kopf der Bevölkerung eingelöst sind, als anderswo ist Fakt, und in den letzten fünf Jahren kamen jährlich etwa 150 weitere dazu. Das muss man sich mal vorstellen. Wo kommen all diese Autos hin?»

Statussymbol ade

«Doch das muss nicht immer so bleiben», meint Meister. Das Auto habe nämlich als Statussymbol ausgedient, zumindest in der jüngeren einheimischen Bevölkerung. Mit einem schnittigen E-Bike lasse sich heute mehr Staat machen als mit PS-Protzerei. Und wie gerufen saust eine elegante Dame mit hellem Sommerhut und türkisfarbenem, zum Kleid passenden E-Bike vorbei. «Schauen Sie - so lebenslustig sieht für mich in Grenchen die Zukunft aus!», entfährt es der Stadtschreiberin.

In der Tat werden die Autos Schritt für Schritt auf die Plätze verwiesen - wenn auch stets mit (politischen) Nebengeräuschen. Das Seilziehen um die saisonale Schliessung der Bettlachstrasse ist in vollem Gang (vgl. Ausgabe vom 5. August). Die abendlichen PS- und Testosteron-Paraden sollen dort zumindest etwas eingeschränkt werden. Meister räumt ein, dass bei vielen Migranten - und in Grenchen sind dies mehr als ein Drittel - das Velo «null Tradition» habe und ein Auto immer noch ein Beweis von Wohlstand ist.

«Gute Rahmenbedingungen»

Doch auch das lasse sich wie in anderen Städten ändern. «In Grenchen wird viel gemacht dank der Verkehrserziehung durch unsere Stadtpolizei und der Veloprüfung». Es sei wichtig, dass alle Jungen das Velofahren kennen lernen. Die Rahmenbedingungen dafür seien nämlich in Grenchen dafür gut, betont Meister: «Alles liegt relativ nah beieinander, die Strassen sind nirgends mehr als zweispurig und bei den wichtigen Verkehrsachsen gibt es bei den Fussgängerstreifen Verkehrsinseln. Diese sind für das Linksabbiegen, das gefährlichste Manöver für Velofahrer, sehr hilfreich.» Zudem existierten zahlreiche Quartierstrassen - oft auch Sackgassen - welche für Kinder auf Velos zum üben und spielen gut geeignet seien.

Guter Fachhandel

Und nicht zuletzt gebe es in der Stadt einen kompetenten Fachhandel mit nicht weniger als fünf Zweirad-Fachgeschäften: VeloSüd beim Südbahnhof, Hyper Space an der Bielstrasse und velo-art.ch im Velodrome. Hier findet man Bikes und Zusatzausrüstungen für alle Ansprüche auch mit den neusten Technologien. Dazu existieren auch noch zwei Velo- und Töfflimechs alter Schule: Schwab Velozentrale an der Quartierstrasse und Allemann an der Ecke Kirchstrasse/Bündengasse.

Vorsicht auf Abfahrten

Die Technologie mache auch das einzige Handicap Grenchens für Velofahrer wett, meint Meister: «Grenchen ist mit seinen Steigungen prädestiniert für E-Bikes.» Dabei gehe es nicht ums Schnellfahren, sondern darum, dass man bequem und unverschwitzt auch die oberen Stadtteile erreiche.

Und dann kommt das Herunterfahren, das noch mehr Spass macht. Die Kehrseite des in die Stadt hinuntersausens sei, dass dies nicht ganz ungefährlich ist. «Ich habe einen ziemlichen Verschleiss an Bremsklötzen, weil ich eher vorsichtig fahre», meint Meister. Ansonsten sei das Velofahren in Grenchen eher weniger gefährlich als anderswo. «Die Stimmung im Verkehr empfinde ich als relaxed, man nimmt aufeinander Rücksicht.» Schleichwege erlauben es den Velofahrern, den Verkehrsströmen auszuweichen.

Sturzfalle Marktplatz

«Aufpassen muss man wie überall bei den Kreiseln und auch den nötigen Respekt vor Bussen und Lastwagen haben.» Und auch vor dem Marktplatz. Denn die Metalleinfassung der hellen Bodenplatten sind in Grenchen das, was andernorts die Tramgleise: eine erstklassige Sturzfalle für Velofahrer, wenn man sie in zu flachem Winkel quert.

Wie könnte sich die Velosituation in Grenchen noch mehr verbessern? - «Sicher wünschenswert wäre eine Velounterführung unter der SBB in der Verlängerung der Girardstrasse», meint Meister. Damit liesse sich die ganze Sportzone sicher und gefahrlos erreichen und auch die SBB hätte mit einem zweiten Perronaufgang etwas davon, denn heute gibt’s nur einen, quasi am Westende des Perrons. Ein entsprechender Vorstoss wurde letztes Jahr von der CVP eingereicht.

Hoffen auf das Aggloprogramm

«Falls Grenchen ein Agglomerationsprogramm erhält - die nötigen Schritte dafür wurden eingeleitet - könnte eine solche Unterführung wohl aus diesen Mitteln mitfinanziert werden», ist Meister zuversichtlich. Doch auch ohne grosse Kosten lasse sich etwas für den Zweiradverkehr tun, beispielsweise mit der Öffnung von Einbahnstrassen für Velos (z. B. Rainstrasse) oder mit einer anständigen Velostation beim Bahnhof Nord.

Auch Private könnten mit gedeckten Velounterständen, an denen sich wertvolle Bikes auch anketten lassen, einiges zur Verbesserung der Situation beitragen.

Das Mitmachen bei nationalen Aktionen wie «Bike to work» zeige das zunehmende Bewusstsein der Wirtschaft, wie ETA, Bank SoBa, UBS, Rotoflex, Hänggi, Stryker, Elpex, CSL Behring u.v.m. Hier gebe es in Grenchen sogar nationale Vorbilder: Das Bachtelen erreichte eine «traumhafte Teilnahmequote» von fast 25% unter den Top Ten (Kategorie 200 – 500 Angestellte mit über 300 teilnehmenden Betrieben).

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