André Schluchter wirkt erleichtert, und doch ein wenig nervös. Sechs Jahre lang waren der Projektleiter und ein 17-köpfiges Autorenteam damit beschäftigt, die Geschichte des Kantons im 20. Jahrhundert aufzuarbeiten. Jetzt liegen die beiden druckfrischen Buchbände auf dem Tisch. Schluchter hat sie erst vor wenigen Minuten zum ersten Mal in den Händen gehalten. «Schrecklich, was einen da beschäftigt», sagt der frühere Leiter des Begegnungszentrums Schloss Waldegg. Gibt es viele Fehler? Ist dieses oder jenes nicht doch vergessen gegangen? «Ich bin jedenfalls erleichtert, dass wir so weit sind», sagt er.

Entstanden ist ein gewaltiges Werk. Auf 1000 Seiten schildern die Autoren, wie tiefgreifend das 20. Jahrhundert den Kanton verändert hat. Industriebetriebe und Banken sind untergegangen; grosse Parteien haben an Macht verloren, ganze Milieus sind verschwunden. Die katholische Lebenswelt, die die Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleitete, ist erodiert – und mit ihr die CVP. Der Freisinn hat Macht und Vormacht abgegeben. Der SP kamen die Arbeiter abhanden. Es gab Kriegszeiten, einen Landesstreik, Zeiten grosser Arbeitslosigkeit, Anti-AKW-Proteste, das Drogenelend.

Es ist aber auch ein Jahrhundert der Fortschritte. Die gesellschaftliche Öffnung schritt voran. Arbeitnehmer wurden besser geschützt, Altersvorsorge und Sozialhilfe wurden aufgebaut. Frauen erhielten Zugang zur Politik. Die Massenmotorisierung kam, brachte Mobilität und bahnte sich ihre breiten Wege durch den Kanton. Und mit den Film- oder Literaturtagen wurde der Kanton schweizweit kulturell prägend.

Nah und doch fern

Für den Historiker Schluchter (Jg. 1951) war die Auseinandersetzung nicht nur eine berufliche, sondern auch eine persönliche Erfahrung, diejenige einer anderen Perspektive. «Es gibt eine Differenz zwischen dem, was man wahrgenommen hat, und dem, was man über die Veränderung und Entwicklung liest», sagt der Oltner. Dem Historiker Schluchter scheinen im Nachhinein die Veränderungen viel intensiver als dem Zeitgenossen Schluchter. «Es ist ein verrückter Wandel, der ab den 70er-Jahren beginnt», sagt er. «Das Verrückteste ist für mich aber die Krisenzeit der 1990er-Jahre.» Die Absetzbewegung im Schwarzbubenland folgte, der Untergang der Kantonalbank, industrielle Veränderungen, Sparbemühungen.

Es ist ein Jahrhundert, das nah und doch fern ist. «Wir fahren an vielen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts vorbei. Vieles ist noch da», sagt Schluchter. «Und wir sind noch ähnliche Leute wie in den 1960er- oder 1970er-Jahren. Obwohl wir ganz anders leben und die Kinder anders erziehen, ist ein direkter Draht noch da.» Und trotzdem ist so vieles anders als zuvor. «Wir streiten uns nicht mehr zwischen katholisch und reformiert, zwischen konservativ und freisinnig.»

Grosses Team beteiligt

17 Autoren haben am Werk gearbeitet. Die Themenspanne reicht vom Aufbau der Altersvorsorge über Fremdplatzierungen bis hin zu Vereinen oder dem Kampf um die Abtreibung. Die Autoren schreiben über Landschaft, über Bevölkerung, Wirtschaft und Religion bis hin zu Bildung und Recht. Entstanden ist nicht nur ein für den Laien interessantes, sondern auch ein gut lesbares, äusserst vielfältiges Buch, das layouterisch überzeugt. Kurze Einschübe lockern die grossen Artikel auf.

«Vor 30 Jahren wurden für ein solches Projekt Einzelpersonen beauftragt», sagt Schluchter. Anders als bei den früheren Bänden war jetzt aber ein Team mit dem grossen Werk beschäftigt. «Man ist heute nicht mehr alleine beim Arbeiten», sagt Projektleiter Schluchter, der alt Regierungsrätin Ruth Gisi das Verdienst zuschreibt, das Projekt aufgegleist zu haben. Sechs Mitglieder der Fachkommission haben das Entstehen des Werks begleitet.

Daran gearbeitet haben ältere Historiker, die einige Ereignisse selbst erlebt hatten, und jüngere, die Ereignisse von Grund auf aufarbeiteten. Gestützt haben sie sich unter anderem auf Kantonsratsprotokolle, Rechenschaftsberichte, Zeitzeugen und Zeitungen. «Wie viel Tiefe ist bei einem solchen Übersichtsprojekt angemessen?», war eine der Fragen, die sie immer wieder beantworten mussten. Vorarbeiten gab es in einigen Bereichen kaum.

Fertig? Noch lange nicht

Die Geschichte beginnt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, und reicht wenn nötig bis in die Gegenwart. Wo genau die einzelnen Kapitel aufhören, haben die einzelnen Autoren entschieden. «Man kann nicht einfach 1990 aufhören», sagt Schluchter. Die Auswirkungen des Mauerfalls von 1989 machen sich erst im Folgejahrzehnt spürbar.

Klar ist für Schluchter: «Die Solothurner Geschichte ist heute Teil einer grösseren Geschichte. Sie steht in einem gesamteuropäischen Kontext.» Spuren der Globalisierung prägen den Kanton. Ein Beispiel? Noch während das Buch beendet wurde, wurde von einem Weltkonzern das Ende der Egerkinger Firma Galderma- Spirig angekündigt, die noch im Buch vorkommt. «Es ist ein gewaltiger Veränderungsprozess, in dem wir noch sind», sagt Schluchter.

Eine lange Liste nennt im Buch all die grossen Industrieunternehmen, die es nicht mehr gibt. «Das 20. Jahrhundert ist für den Kanton auch eine Verlustgeschichte. Nach wie vor ist der Kanton auf der Suche, sich zu positionieren.» Für Schluchter ein Prozess, dessen Ende noch nicht absehbar ist. «Man kann nicht so tun, als ob ein solches Projekt irgendwann fertig sei», zieht er Bilanz zu einem Jahrhundert, das noch nicht vorbei ist, sondern noch nachwirkt. «Mit der Kantonsgeschichte werden uns die Dimensionen der Veränderung, in der wir stecken, bewusst.»

Die beiden Bände sind ab morgen Freitag im Buchhandel erhältlich oder können beim kantonalen Lehrmittelverlag für zusammen 135 Franken bestellt werden.