Diskussionsrunde
Wie gewährleistet der Kanton Selbstbestimmung auch im hohen Alter?

Im Kanton bemüht man sich um Entscheidungsfreiheit für Betagte – nicht immer wird sie gewährt. Was gehört zum autonomen Altern, wie wird Selbstbestimmung für jeden und jede gewährleistet? In einer Diskussionsrunde wurden diese Fragen behandelt.

Lucien Rahm
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Moderator Kurt Aeschbacher (3.v.r.) diskutierte mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Praxis die Selbstbestimmung im Alter; v.l.: HansruediMoor-Minikus, Priska Thomet, Dr. Markus Leser, Irène Privé-Rickli und Prof. Dr. Gian Domenico Borasio.

Moderator Kurt Aeschbacher (3.v.r.) diskutierte mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Praxis die Selbstbestimmung im Alter; v.l.: HansruediMoor-Minikus, Priska Thomet, Dr. Markus Leser, Irène Privé-Rickli und Prof. Dr. Gian Domenico Borasio.

Lucien Rahm

Nie zuvor lebte man länger: Verglichen mit 1981, als das durchschnittliche Sterbealter noch 76 betrug, dauert ein Leben in der Schweiz heute im Schnitt sieben Jahre länger als damals. Doch nicht jedem ist es möglich, das Mehr an Lebensjahren zu geniessen. Mit der steigenden Lebenserwartung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, durch altersbedingte Krankheiten in seinen Freiheiten eingeschränkt zu werden.

Wie lässt sich auch im hohen Alter möglichst viel Selbstbestimmung bewahren? Was umfasst diese Selbstbestimmung? Zur Diskussion dieser Fragen lud der Pflegeheim-Dachverband Curaviva am Donnerstag Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Praxis ins Alte Spital in Solothurn.

Durchschnittsalter 92

Selbstbestimmung beginne schon bei der Frage, ob man überhaupt in ein Pflegeheim eintreten möchte, gab Priska Thomet, Co-Pflegeleiterin des Derendinger Zentrums Tharad, zu bedenken. Leider gebe es immer auch Bewohner, die unfreiwillig da seien, für die es aber keine Alternative gebe, fügte Hansruedi Moor-Minikus an, in dessen Alterszentrum Wengistein in Solothurn das Durchschnittsalter 92 Jahre beträgt. Mit qualifiziertem Personal erreiche man jedoch, dass wenigstens die Ausgestaltung dieses ungewollten Besuchs so weit wie möglich selbstbestimmt erfolge. Und mit der Zeit beruhige sich die Situation in vielen Fällen auch.

Eigenbestimmt auch im Tod

Zur Selbstbestimmung im Alter gehöre aber letztlich auch die Wahl von Umständen oder gar Zeitpunkt des eigenen Todes. Es sei wichtig, sich frühzeitig mit der Klärung dieser Fragen auseinanderzusetzen, betonte Palliativ-Professor Gian Domenico Borasio. Dabei gelte es, nicht nur an die letzten Tage vor dem Tod zu denken, sondern auch an die weiterreichende Lebensphase davor, in welcher beispielsweise eine Demenzerkrankung die eigene Entscheidfindung bereits verunmöglichen kann.

«Sobald sich der Gesundheitszustand eines Patienten stark verschlechtert, ziehen wir seine Angehörigen bei, um das weitere Vorgehen zu besprechen», erklärte Moor-Minikus die Verfahrensweise in der Praxis. Eine frühere Thematisierung des Todes komme bei den Angehörigen eher schlecht an. Doch genau diese frühe Auseinandersetzung sei für die Patientenautonomie sehr wichtig, mahnte Borasio.

Hierbei seien aber nicht nur die Pflegeheime in die Pflicht zu nehmen, vielmehr müsse die Gesamtgesellschaft beginnen, derartige Fragen zu enttabuisieren. «Pflegeheime sind nicht der Vorhof des Sterbens. Hier wird auch gelebt, im Hier und Heute», entgegnete Moor-Minikus, der anerkannte, dass der Tod ein allgegenwärtiges Thema sei, aber nicht als einziges im Fokus stehen sollte.

«Der absolute Horror»

Bereits entschieden, wie ihr Lebensabend aussehen soll, hat die Vizepräsidentin der Grauen Panther Solothurn, Irène Privé-Rickli: «Nicht mehr selbst bestimmen zu können, wäre für mich der absolute Horror.» So sei sie auch Mitglied der Sterbehilfeorganisation Exit. Im Falle des Falles hätte sie so die Option des assistierten Suizids, auch wenn sie von dieser nicht zwingend Gebrauch machen würde. Im Verein Graue Panther werde die Thematik viel diskutiert. Nebst Klärung der Fragen, welche die Gesundheit betreffen, würden sie ihre Mitglieder auch darauf hinweisen, die finanziellen Belange rechtzeitig anzugehen und in einer Patientenverfügung festzuhalten.

«Geschäft mit der Angst beenden»

Nicht nur mögliche Erbschaften, auch Geldflüsse an Ärzte und Spitäler, die vor einem Tod meist intensiviert stattfinden, waren Thema. Professor Borasio legte dar, wie sich mit neuen Behandlungsansätzen Kosten einsparen liessen. Das Konzept der Palliative Care, welche sich der Schmerzprävention und -linderung todkranker Menschen widmet, böte nämlich nebst Vorteilen wie geringerer Depressionsanfälligkeit und längerer Lebenserwartung auch die Chance, Patienten günstiger behandeln zu können.

Auf die Frage des Moderators Kurt Aeschbacher, warum die Krankenkassen dann nicht hell begeistert seien von den neuen Methoden, antwortete Curaviva-Vertreter Markus Leser, die Kassen profitierten von einem «Geschäft mit der Angst». Dies müsse man jetzt ändern – auch auf politischem Weg. «Das Gesundheitssystem wird vom Geld regiert», war auch Borasio der Meinung. Ökonomisch motiviertes Übertherapieren sei zu hinterfragen. Auf politischer Ebene fordere er, den wirtschaftlichen Druck auf die Ärzte zu reduzieren: «Man sollte sich wieder am Wohlbefinden des Patienten orientieren, statt an monetären Werten.»

Dass sich das Erstellen einer ausführlichen Patientenverfügung, über deren Inhalt man auch Angehörige und Hausarzt informieren sollte, in jedem Fall empfiehlt, hielt auch Moderator Aeschbacher fest, der seine Verfügung in Kreditkartenformat stets im Jackett trägt.

Nicht in jedem Heim ist Sterbehilfe möglich

Pflege- und Altersheime im Kanton Solothurn legen viel Wert auf ein eigenbestimmtes Leben im Alter, wie unter anderem am Beispiel des Sunneparks Grenchen ersichtlich wird: Behandlungs- und Verfahrenswünsche im Sterbefall werden in Patientenverfügungen festgehalten, die einmal jährlich auf ihre Aktualität überprüft werden, erklärt Jörg Mummenthey, Leiter Pflege- und Betreuungsmanagement. Darin teilt der Patient beispielsweise mit, ob er ab einem bestimmten Krankheitsstadium eine Weiterführung seiner Behandlung wünscht oder ablehnt, oder ob er bei seinem Verscheiden alleine oder in Gesellschaft von Angehörigen sein möchte. Weiter kann der Patient festhalten, was mit seinem Vermögen geschehen soll, oder welche Speise er als Letztes zu sich nehmen möchte.

Ebenso steht die Patientenautonomie in Balsthal im Vordergrund: «Bis auf die Essenszeiten sind unsere Bewohner weitgehend frei in der Gestaltung ihres Alltages», wie Radmila Prnic, Leiterin Pflege und Betreuung des Altersheims Inseli, mitteilt. So können die Heimbewohner beispielsweise Beizenbesuche oder Einkäufe unternehmen, wenn es ihnen gesundheitlich möglich ist.

Aktive Sterbehilfe, wie sie zum Beispiel die Organisation Exit anbietet, ist in Balsthal nicht möglich: «Dazu müsste man ein Spital aufsuchen», so Prnic. Im Oltner Pflegeheim Ruttiger sei Sterbehilfe tendenziell möglich, wenn dies gewünscht ist. Hierzu werde man sich demnächst festlegen, so Heimleiter Matthias Christ. Auch im Grenchner Sunnepark wird derzeit noch diskutiert, inwiefern man aktive Sterbehilfe zulassen möchte. «Bisher hatten wir jedoch noch keinen derartigen Wunsch zu erfüllen», teilt Pflegeleiter Mummenthey mit.

Erlaubt ist in der Schweiz grundsätzlich das Leisten sogenannter indirekter aktiver Sterbehilfe. Dabei werden schmerzlindernde Medikamente wie zum Beispiel Morphium verabreicht, welche als Nebeneffekt die Lebensdauer verkürzen können. Die direkte aktive Sterbehilfe, also das gezielte Töten einer Person auf deren Wunsch hin, ist hierzulande verboten. Sterbehilfe-Organisationen wie Exit oder Dignitas leisten zwar solche direkt-aktive Suizidhilfe, verstossen jedoch nicht gegen den Straftatbestand eines selbstsüchtigen Motives.

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