Bürgerspital
Wie es ist, die Nacht im Schlaflabor zu verbringen: Ein Selbstversuch

Im Schlaflabor kommen Elektroden, Drähte und eine Infrarot-Kamera zum Einsatz. Dies macht das Schlafen nicht einfacher, aber kann wichtige Daten liefern. Ein Selbstversuch im Bürgerspital Solothurn.

Daniela Deck
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Am eigenen Körper erfahren: Die Autorin wird von Thi San Lemp, Fachfrau für Neurophysiologische Diagnostik, für die Nacht im Schlaflabor «verkabelt».
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Im Schlaflabor der Solothurner Spitäler AG im Bürgerspital
Die Daten sind ausgewertet
Am Morgen danach: Besprechung der Nacht mit Martin Hatzinger, Chefarzt Psychiatrische Dienste der Solothurner Spitäler (l.), und Robert Bühler, Leiter des Schlaflabors am Bürgerspital Solothurn.

Am eigenen Körper erfahren: Die Autorin wird von Thi San Lemp, Fachfrau für Neurophysiologische Diagnostik, für die Nacht im Schlaflabor «verkabelt».

Thomas Ulrich

Um 21 Uhr finde ich mich im Schlaflabor ein. Thi San Lemp, Fachfrau für Neurophysiologische Diagnostik, erwartet mich. Sie wird mich nicht nur verkabeln – ein aufwendiges Prozedere von 45 Minuten Dauer, sondern auch die ganze Nacht überwachen. Am Morgen folgt eine Besprechung der Nacht mit Robert Bühler, dem Leiter des Schlaflabors.

Im Pyjama setze ich mich im Schlafraum auf einen Stuhl. Statt Kabel nimmt Thi San Lemp erst einen roten Farbstift und ein Massband zur Hand. Freundlich erklärt sie das Vorgehen: Am Kopf werden acht Elektroden angeklebt, und zwar nach einem genormten System. Daher muss der Kopf vermessen werden. Beobachtet wird nicht nur das Gehirn, sondern auch die Augen, die sich im Traumschlaf bewegen (s. Artikel links), und der Kiefer, um herauszufinden, ob ich mit den Zähnen knirsche.

Damit die Elektroden haften, raut Lemp die Haut etwas auf, ehe sie eine Paste aufträgt, die sich in den Haaren wie eine Mischung aus Zement und Gummi anfühlt und die ich erst beim Haarewaschen wieder loswerde. Für einige Sekunden brennt jede Haftstelle, doch das ist «versurrt», bis ich mich hinlege. Damit die Kabel nicht verrutschen, zieht die Schlaflaborantin mir einen grobmaschigen Strumpf über den Kopf, aus dem sie mit einer Spezialschere ein Loch fürs Gesicht herausschneidet. Um Brust und Bauch bekomme ich über das Pyjama einen straffen Gurt mit Messgerät. Die Elektroden für die Beine werden auf der Haut der Unterschenkel angeklebt und mit dem Bauchgurt verbunden.

Eine Nacht in zwei Hälften

Unangenehm macht sich zum Schluss nur die Nasensonde bemerkbar. Sie kitzelt. Um sie herum verlangt das Zähneputzen einige Verrenkungen. Nach einem kurzen Funktionstest der Apparate beginnt die Nacht, wie gewohnt, mit Lesen im Bett. Gerade als ich einschlafe, hat Lemp die Patientin im anderen Schlafraum fertig verkabelt und beginnt vor dem Computer deren Funktionstest. Bei ihrer ersten Anweisung bin ich hellwach, trotz geschlossener Tür. Dass die Räume so ringhörig seien, habe sie nicht gewusst, sagt sie später. Die erste Hälfte der Nacht ist zum Vergessen. Ich wälze mich herum, spaziere auf dem Spitalgang, lese und lausche dem leisen Gurren der Tauben vor dem Fenster. Meine Laune sinkt in den Keller. Wie kommt es, dass ich als gesunde Normalschläferin den Rank nicht finde?

Thi San Lemp sieht nicht nur an den Hirnströmen, dass ich wach bin, sondern auch dank der Infrarot-Kamera, die mich im Bett filmt. Was sie nicht sieht, sind die paar Tränen der Frustration, die im harten, oberen der zwei Kopfkissen versickern. Um 2 Uhr kommt sie ins Zimmer und bietet mir einen beruhigenden Orangenblütentee an, den ich dankend ablehne. Mir ist ohnehin zu heiss. Gewöhnlich schlafe ich in einem ungeheizten Zimmer. Das Einschalten der Klimaanlage hilft nicht. Es dauert eine Stunde, bis wir auf die Idee kommen, das Kippfenster zu öffnen und die surrende Klimaanlage auszuschalten. Um 3 Uhr werfe ich das Stützkissen im hohen Bogen aus dem Bett. Die Tauben kann ich leider nicht abschalten. Dann schlafe ich – bis Thi San Lemp kurz vor 7 Uhr zum Wecken ins Zimmer kommt.

Wo die Normalschläferin alt aussieht

Der Leiter des Schlaflabors ist von der miesen Nacht nicht überrascht. «Nicht unüblich für einen Kopfmenschen und Perfektionisten», kommentiert er. Ohne es zu merken, bin ich während der knapp vier Stunden Schlaf fast jede Minute aufgewacht. Robert Bühler weiss, dass gesunde Schläfer im Labor gelegentlich jämmerlich aussehen, während Personen mit Schlafstörungen entspannt schlafen. So gross kann die Erleichterung sein, dass nach Monaten oder Jahren des Leidens endlich Hilfe in Sicht ist.

Abgesehen von der allzu leichten Weckbarkeit, bestätigt die Überwachung, dass Blutdruck, Puls und Atemaussetzer (Schlaf-Apnoe) sich im Normalbereich bewegen, dass ich zwischendurch einen Schnarchton von mir gebe und mir das Knirschen (und Schlafwandeln) mit dem Ende der Jugend abgewöhnt habe.

Zum Ausgleich für die schlechte Nacht will ich mir ausnahmsweise ein Mittagsschläfchen gönnen. Doch eine einstündige morgendliche Velofahrt entlang der Aare an der Sonne, im Kampf mit der eisigen Bise, macht das überflüssig. Als ich mich an den Schreibtisch setze, steht einem normalen, produktiven Arbeitstag nichts im Weg.

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