Theater Orchester Biel Solothurn

Wie eine Blinde sehend wird: Diese Oper ist in allen Facetten zauberhaft

Dem Theater Orchester Biel Solothurn ist mit der Oper Iolanta von Tschaikowsky ein grosser Wurf gelungen.

Intendant Dieter Kaegi inszenierte Tschaikowsky selten gespielte «Iolanta» und holte mit Alexander Anissimov einen russischen Dirigenten ins Haus, der mit dem Ensemble die Partitur einstudierte. Auf der Bühne glänzt ein aus Russland, der Ukraine und dem Kaukasus stammendes, junges Ensemble, aus dem Anna Gorbachyova in der Titelpartie und Javid Samadov als Robert herausragen.

Von Tschaikowsky existieren ja nicht nur «Eugen Onegin» und «Pique Dame» sondern acht weitere Opern, die es zu entdecken lohnt. «Iolanta» ist seine letzte Oper und mit «Johanna von Orleans» die einzige, die kein national-russisches Thema behandelt, sondern wie diese im Frankreich des Mittelalters angesiedelt ist. Russische Opern sind ja nicht einfach aufzuführen, da sie neben der schwierigen Sprache und unkonventionellen Vokalisation auch ein ausdrucksstarkes Spiel verlangen. Dieter Kaegi hat es gewagt, ihm ist für das Realisieren der Opern-Trouvaille zu danken. «Iolanta» erlebt gegenwärtig im Westen eine Renaissance und ist nun auch hierzulande zu sehen.

Tobs-Intendant Dieter Kaegi: «Die Oper Iolanta von Piotr Iljitsch Tschaikowski ist ein Gesamtkunstwerk vom ersten bis zum letzten Takt.»

Tobs-Intendant Dieter Kaegi: «Die Oper Iolanta von Piotr Iljitsch Tschaikowski ist ein Gesamtkunstwerk vom ersten bis zum letzten Takt.»

Zauberhafter Opernabend

Dafür verpflichtete Kaegi für die Hauptpartien Sänger, die mit der russischen Sprache und Musiktradition vertraut sind sowie einen russischstämmigen Dirigenten. Alexander Anissimov, 1980 bis 2001 Chefdirigent des Bolschoi-Theater in Minsk, machte 1997 und 1998 das Mittelland am damaligen Classic Openair Solothurn mit den grossen Opern seiner Heimat (Boris Godunov, Fürst Igor, Chowanschtschina, Eugen Onjegin) bekannt.

Mit Dieter Kaegi arbeitete er während dessen Zeit als Intendant in Dublin zusammen. Gemeinsam ist ihnen ein in allen Facetten zauberhaften Opernabend gelungen: Poesie, die unter die Haut geht und an der Premiere zurecht bejubelt wurde.

Eine Blinde wird sehend ...

Die blinde Königstochter Iolanta lebt abgeschieden in einem Wintergarten in dem Rosen duften und die Prinzessin glauben machen, die Welt bestehe aus Gerüchen und Klängen, die Augen seien nur zum Weinen da. Das Bühnenbild und die Kostüme von Francis O’Connor schaffen eine poetische Kulisse, in der sich das Märchen um die junge Frau entfaltet, die durch die Liebe sehend wird. Kein Aussenstehender darf sich der Dornröschenidylle nähern und schon gar nicht die Blinde über ihr Gebrechen aufklären.

Baron Vaudémont trotz der Todesstrafe, dringt in den Glaspavillion ein und verliebt sich in die Schöne. Da endlich erwacht in Iolanta der Wunsch, die von ihm geschilderten Farben und Formen zu sehen. Nach der erfolgreichen Operation reicht sie dem Geliebten eine rote Rose, die sie nun von den weissen Blüten unterscheiden kann.

Einzig das Finale der ansonsten schlüssig inszenierten Fabel, bei dem Iolanta von den vielen auf sie einstürmenden Bildern konfus geworden, mit den Rosendornen die Augen zerkratzt, hätte es nicht gebraucht.

Gelungenes Gemeinschaftswerk

Anna Gorbachyova brilliert mit mädchenhafter Fragilität und mitreissendem Spiel. Ihr höhensicherer Sopran mit der klangvollen Mittellage kennt keine Schwierigkeiten. So wird die Szene, in der sie sich wünscht, das Licht, die Sonne und den Himmel zu sehen, zum vokalen Höhepunkt. Hier wächst die Sängerin über sich hinaus. Wird vom nuancierten Gesang von «Vaudémont» Irakli Murjikneli mitgerissen, dessen Tenor einzig in heldischen Attacken an Grenzen stösst. Daneben lässt Javid Samadov als Robert nicht allein mit einer Prachtsstimme aufhorchen, sondern beglückt mit elegantem und kultivierten Singen.

Pavel Danilluk überzeugt mit facettenreichem Spiel und einem sich ständig im Fortissimo tummelnden Bass. Aram Ohanian fesselt als orientalischer Arzt, entwickelt sich immer mehr zu einer verlässlichen Stütze des Tobs-Ensembles. Mit Candida Guida, Serguei Afonin, Germain Bardot, Andrea Jiménez und Elise Duclos waren auch die Comprimario-Rollen blendend besetzt.

Die hochstehende musikalische Qualität schliesst das Orchester und den von Valentin Vassilev betreuten Chor mit ein. Wer hören will, wie eine Blinde sehend wird, darf diese berauschende Tobs-Entdeckung nicht versäumen.

Freitag, 23. 2., 19.30 Uhr, Premiere von «Iolanta» im Stadttheater Solothurn. Im Rahmen von «Kultur inklusiv» bietet Tobs am 3. 3. in Solothurn (deutsch) und am 15. 4. in Biel (französische) Vorstellungen mit Audiodeskription für Sehbehinderte an.

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