Vielleicht ist es ja gerade das schönste Kompliment, dass sich der Branchenführer ziert. Seine Absage kam in letzter Minute und vor laufenden Kameras.

Genau ein Jahr ist es her, als André Kofmehl dem Publikum der SRF-Sendung «Einstein» zeigen wollte, wie er ein ewiges Problem lösen könnte. Ein kleiner Versuch im Zürcher Bahnhof Stadelhofen sollte es werden. Hier, wo Züge ohrenbetäubende Quietschgeräusche verursachen, wollte Kofmehl sein Schmiermittel auf die Schienen auftragen. Denn so, war er überzeugt, würde das Quietschen verstummen.

Dass das funktioniert, hat er schliesslich oft genug bewiesen: Seit Jahrzehnten experimentiert Kofmehl mit Lösungen gegen das Quietschen von Zügen und Trams. «Schienenflüsterer» wurde er deshalb auch schon genannt. Mit seiner Methode könne das Problem vollständig eliminiert werden, behauptet Kofmehl. «Ich besitze kein Wundermittel, aber eine durchdachte Lösung.» – Eine nicht ganz unumstrittene Lösung. Denn nicht nur die SBB versuchen seit Jahren, das Quietschen zu bekämpfen. Und trotzdem wurde Kofmehls Versuch am Bahnhof Stadelhofen in letzter Minute abgeblasen.

Eine heilige Welt

Allein, es war nicht der erste Rückzieher der Bundesbahnen. «Aber es hat mich überrascht», sagt Kofmehl, «dass die SBB mein System nicht mal testen wollten.» Angst vor dem Erfolg? Kofmehl lächelt nur.

Geduld gehört zum Geschäft des 67-Jährigen. Vieles scheint britisch am Zürcher mit Solothurner Wurzeln. Smart, eloquent, elegant gekleidet. Er ist höflich, aber keineswegs förmlich. Ein unermüdlicher Sucher nach schlauen Lösungen für Alltagsprobleme? Vielleicht. Seinem Erfindergeist jedenfalls frönt Kofmehl schon als Jugendlicher. Dann studiert er Jura, entdeckt seinen Geschäftssinn und gründet den Schmiermittel-Vertrieb Igralub. Bald sieht er in quietschenden Zügen eine Marktlücke – und betritt eine Welt, die vielen Schweizern heilig ist: Wehe dem, der einem Bähnler sagt, was er tun soll.

Als André Kofmehl an diesem Wintermorgen in Oensingen aus dem Zug steigt, hält er sich mit den Händen beide Ohren zu. Ein wenig Show darf sein. Tatsächlich braust nebenan ein Güterzug vorbei, ein ordentlicher Radau. «Aber so ist das eben», kommentiert Kofmehl trocken. Umso bezeichnender, dass der Bahnhof Oensingen in einer Kurve gebaut wurde. «Das Phänomen», wie Kofmehl sagt, ist Pendlern hier bestens bekannt: Fährt ein Zug ein oder ab, folgt oft ein metallenes Quietschen, das Ohren und Nerven belastet. Kurvenkreischen.

Kofmehl fordert Systemwechsel

Schuld daran sind sogenannte Reibschwingungen. Diese entstehen dann, wenn sich der Spurkranz an der äusseren Seite des Schienenkopfes reibt. Stark vereinfacht erklärt: Beim Befahren einer Kurve legt das äussere Rad einen längeren Weg zurück als das Rad auf der Innenschiene. Dieses korrigiert den Distanzunterschied durch ein ruckartiges Gleiten und wird dabei in eine Schwingung versetzt. Die Reibungen werden als Quietschen hörbar.

Ziel muss es sein, durch eine Behandlung der Schienen-Lauffläche dem Innenrad ein gleichmässiges Gleiten zu ermöglichen. «Einfach mal zünftig schmieren», ist man versucht zu sagen. Natürlich ist das einfacher posaunt als getan. Und jetzt kommt dieser Herr Kofmehl – weder Techniker noch Ingenieur – und behauptet, die Lösung sei eigentlich ganz einfach? Bei allem Respekt, mögen Bundesbähnler da nur den Kopf schütteln.

Trotzdem, antwortet Kofmehl: «Was zählt, ist die richtige Menge Schmierstoff zwischen Schiene und Rad. Und vor allem an der richtigen Stelle.» Stationäre Schmieranlagen, wie sie heute verbreitet sind, seien fehleranfällig. So ist es gemäss Kofmehl kaum möglich, «den Schienenkopf über eine bestimmte Dauer gleichmässig zu konditionieren». Keck propagiert der Tüftler einen Systemwechsel – hin zu mobilen Anlagen, bei denen der Schmierstoff gleich im Schienenfahrzeug mitgeführt wird. Nähert sich die Bahn einer Kurve, wird die Mixtur mit einer Düse auf die Schienen gesprüht. Viel besser und effizienter sei das.

Und die Umwelt?

Nun gibt es da noch ein paar Dinge zu beachten. Oberstes Gebot: Der Bremsweg des Zuges darf sich nach dem Schmieren nicht verlängern. Schmieren? Kofmehl hört diesen Begriff nicht gerne; das schreie ja nach Umweltverschmutzung und Rutschgefahr, findet er. Lieber spricht er von «Konditionierung der Schienen». Denn schliesslich werde bei seiner Methode nur biologisch abbaubares Mittel gesprüht. Die Flüssigkeit dient lediglich als Trägermittel. Entscheidend sind die darin enthaltenen Festschmierstoff-Anteile, die von den Rädern der Züge in die Poren der Schienen eingearbeitet werden. Neben der Sprühdauer sei die Filmstärke dabei der heikelste Punkt, sagt Kofmehl. «Da genügen normale Fette oder Öle nicht mehr.» Die genaue Zusammensetzung des Mittels will er nicht verraten, die Konkurrenz schläft nicht. Nur so viel: Die Mixtur sei in der Schweiz entwickelt worden.

Im Einsatz in Oensingen

Mit ihrer Zurückhaltung werden die Bundesbahnen allmählich zur Aussenseiterin. Die Matterhorn-Gotthard-Bahn, zahllose Anbieter im Ausland und seit kurzem sogar die SBB-Tochter Zentralbahn – sie alle setzten bereits auf Kofmehls Schmiersystem. Darauf angesprochen, geben sich die SBB eher zugeknöpft. Man beobachte Entwicklungen in jedem Bereich und prüfe die Einführung von neuen Technologien ständig, so Sprecher Reto Schärli.

Sogar am Bahnhof Oensingen, nur wenige Schritte neben den SBB-Perrons, kommt Kofmehls System zum Einsatz. Gerade einmal vier Kilometer lang ist die Strecke der Oensingen-Balsthal-Bahn (OEBB). Doch auch hier gibt es Zoff wegen quietschender Züge. «Auf der Strecke hat es ein paar hartnäckige Kurven», weiss Geschäftsführer Heinz Kamber. Zu allem Überfluss fährt die Bahn mitten durch Vorgärten und Häuserzeilen. Halbe Quartiere wurden so schon frühmorgens aus dem Bett gequietscht. Man sei eben nah bei den Leuten, sagt Kamber – halb im Ernst, halb im Scherz. Doch der Lokal-Bonus kann mit jedem Quietschen schwinden.

Wohl auch deshalb hat die Bahn im vergangenen Herbst an einem Fahrzeug das Schmiersystem von Kofmehl einbauen lassen. Hunderte Male in der Woche tuckern die Lokführer zwischen Balsthal und Oensingen hin und her; nur zu gut wissen sie, wo und wann es quietscht. Wenn nötig erteilt der Lokführer nun mit einen Knopfdruck den Befehl zum Sprühen. Unverzüglich wird der Schmierstoff aus den Düsen unter dem Triebwagen in einer gleichmässig dünnen Schicht auf die Schiene gesprüht. Acht bis zehn Sekunden lang. Geschäftsführer Kamber zeigt sich zufrieden. Einzig in einer Kurve habe man den Dreh noch nicht raus, sagt er.

Jeder verspricht das Beste

Stöbert man in Fachzeitschriften, bestätigt sich Kofmehls Prophezeiung: Die Zukunft gehört mobilen Schmiersystemen. Anbieter gibt es viele, vor allem in Deutschland, und jeder verspricht nur das Beste. «Ich habe nichts erfunden, was es noch nicht gibt», bestätigt Kofmehl. Die Stärke seiner Firma liege darin, alles aus einer Hand anzubieten: «Einen Hightech-Schmierstoff, eine Steuerung mit dem richtigen Schmiersystem und einen Service mit jahrzehntelanger Erfahrung.»

Nun gut, letzter Versuch: Warum nur wollen die SBB davon nichts wissen? André Kofmehl winkt ab, da ertönt hinter seinem Rücken, drüben auf den SBB-Geleisen, ein grelles Zischen wie beim Zahnarzt-Bohrer. Dann wagt er doch noch einen Erklärungsversuch: «Gleisbau und Personenverkehr sind zwei Bereiche mit zwei Philosophien.» Um das Problem anzugehen, müssten beide an einem Strang ziehen. Kofmehl nimmt es gelassen, er denke da ohnehin global. Längst hat der Unternehmer seine Fühler nach Asien ausgestreckt. China, Taiwan, Kuala Lumpur, zählt er auf. «Schweizer Qualität ist gefragt.»