Ich bin es gewohnt Spitznamen von meinen Mitarbeitern zu erhalten. Manche sind angenehmen Ursprungs, während andere eher aus peinlichen Situationen entstehen. Zu einem meiner angenehmen Spitznamen gehört der «Winning-Man». Jeder, der in einer Werkstatt arbeitet, kennt die regelmässige Frage: «Chunnts guet?» oder «Laufts?». Im Englischen wird diese Frage mit den Worten «Are you winning?» formuliert. Da ich diese Frage regelmässig mit ja beantworte, wurde ich zum «Winning-Man». Der Anlass zum Übernamen «Key-Man» ist eher peinlicher Natur, da der Toilettenschlüssel nach Gebrauch regelmässig in meiner Hosentasche landet.

Diese Spitznamen erhielt ich während meines Zivildiensteinsatzes bei Timion, einer von der Schweiz aus organisierten Non-Profit-Organisation, die Hilfsmittel aus Holz für behinderte Kinder herstellt. Meine Arbeit für Timion ist vielfältig und dient vor allem dazu, Schweizer Genauigkeit und Know-how in die südafrikanische Schreinerei zu bringen. Zusammen mit meinem Chef Daniel Meyer, einem Schweizer Orthopädisten, werden Lösungen zur Arbeitssicherheit, Ordnung in der Werkstatt, sowie Optimierung der Arbeitsabläufe in der Produktion gesucht. Mit mobilen Arbeitstischen, Schablonensystemen für die Produktion, Hilfsmitteln zur Erhöhung der Arbeitssicherheit, Verbesserungen der Maschinen sowie einem Plattenlager konnte ich die kreativen Ideen meines Chefs in die Tat umsetzen.

Welches Wissen wird benötigt?

Neben diesen Tätigkeiten bin ich für die Ausbildung der Schreiner zuständig. Oswald und Moses, zwei Männer aus Simbabwe; Vuyani, ein Südafrikaner aus Kapstadt, sowie Timothy, ein junger Mann aus Jeffreys Bay. Die Schreiner haben bereits langjährige Erfahrung in der Herstellung von orthopädischen Hilfsmitteln. Verständlicherweise führt das zu Skepsis gegenüber Veränderungen. Dennoch konnte ich sie meist von meinen Verbesserungsvorschlägen überzeugen und dadurch in ihnen auch einen gewissen Berufsstolz wecken.

Nebst der Routinearbeit werden sie von mir überbetrieblich unterrichtet, um ihnen eine breitere berufliche Perspektive zu ermöglichen. Arbeitssicherheit, Materialkunde, einfache Geometrie für Winkelschnitte an der Tischkreissäge, Kalkulation für private Aufträge und vieles mehr. Dabei muss ich mir regelmässig Fragen stellen wie: Welches Wissen benötigen sie wirklich? Was können sie mit einem Pythagoras anfangen?

Viele Einblicke in soziale Nöte

Der Zweck meiner Arbeit gerät in der technischen Atmosphäre der Werkstatt manchmal in Vergessenheit. Auf Hausbesuchen in den Townships jedoch wird mir bewusst, wofür man tagtäglich sägt, bohrt und hämmert. Einblick in die Lage der Familien zu erhalten ist eine spezielle Erfahrung. Die Kinder sind von Zerebralparese betroffen, einer Hirnschädigung, welche die Motorik und Wahrnehmung stark einschränken. Die Mütter leben oft ohne Männer.

Viele Väter übernehmen für ein behindertes Kind keine Verantwortung und machen sich aus dem Staub. Zurück lassen sie eine überforderte Mutter, ohne Unterstützung des Staates, ohne therapeutische Möglichkeiten für das Kind. Dies in einem armen, unsicheren und kriminellen Umfeld.

Aus diesem Grund fahren die mutigen Physiotherapeutinnen von Timion täglich in die Townships, kümmern sich um die Kinder, unterstützen die Familien mit Hilfsmitteln aus der Werkstatt, bieten moralische und theologische Unterstützung. Die Dankbarkeit der Mütter zu sehen war für mich eine wertvolle Erfahrung. Nicht Geld ist der Mehrwert, der durch diese Arbeit entsteht. Es ist Dankbarkeit.

Für die Mütter ist die Betreuung ihrer behinderten Kinder ein Vollzeitjob. Es bleibt nicht viel Zeit für ein Privatleben, für Freunde und eigene Interessen. Deshalb organisiert Timion vierteljährlich ein Camp. Die Kinder und Mütter werden für eine Woche nach Jeffreys Bay gebracht. Ziel ist es, die Mütter von ihrem Alltagsstress zu befreien. Während das Timion-Team mit den Kindern spielt, können die Mütter einmal durchatmen und Kontakte untereinander knüpfen um sich später gegenseitig zu unterstützen. Im Camp erhielt ich den Spitznamen «Chef Carpenter», da ich zusätzlich in der Küche aushalf.

Das Leben in Jeffreys Bay ist ruhig. Trotz Wasserknappheit, Präsidentenwechsel und fragwürdigen nationalen Reformen. Eine typische Kleinstadt. Zwei Monate im Jahr von Touristen überschwemmt, den Rest des Jahres praktisch ausgestorben. Die Stadt musste kürzlich einen neuen Bürgermeister wählen, da die Vorgängerin Elza van Lingen an Krebs erkrankt und verstorben ist. Im Februar, kurz vor ihrer Erkrankung, konnte ich ein Interview mit ihr durchführen über die Wasserknappheit und den Kouga-Damm, welcher bei 10 Prozent seiner Kapazität stagniert.

Ende Mai wird mein Zivildiensteinsatz beendet sein. Anfang Juli geht’s dann von Kapstadt aus wieder zurück in die Schweiz. Die Erfahrung aus dieser Zeit, welche mich am meisten berührt: Man gewöhnt sich tatsächlich an die enormen sozialen Unterschiede. Dennoch werde ich mein zukünftiges Leben in der Schweiz aus einer anderen Perspektive betrachten.