Der Platz auf der Anklagebank blieb leer, ein Urteil gab es trotzdem. Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verurteilte den beschuldigten Hanfdealer zu einer 16-monatigen Freiheitsstrafe, wegen dem Verkauf von rund 12 Kilogramm Marihuana. Dieser noch nicht rechtskräftige Schuldspruch ist möglicherweise das Ende einer wahren Geschichte, die sich ein Autor kaum besser ausdenken könnte. Beginnen wir von vorn, im Jahr 2014.

Mitten in der Solothurner Altstadt gibt es ein kleines Geschäft, das vor allem bei einer jungen Kundschaft beliebt ist. Doch die Waren, die im Schaufenster angepriesen werden, sind zu einem Grossteil reine Fassade. Denn wenn ein Kunde den Laden betritt, will er häufig etwas ganz anderes: Marihuana. In der Szene ist es schon seit Jahren bekannt: Wer Gras will, bekommt es hier unkompliziert und schnell. Selbst in grösseren Mengen. Das Nebengeschäft des Solothurner Ladenbesitzers läuft gut, bis zu jenem Septembertag.

Dem Überfall folgt der Fehler

Drei junge Männer betreten das Geschäft. Sie wollen Gras. Bezahlen, das wollen sie aber nicht. Sie bedrohen den Ladenbesitzer mit einer Gaspistole und einem Elektroschocker. Dieser gibt nach, rückt ein Kilogramm Marihuana raus. Die Jugendlichen flüchten, und der Überfallene tut das, was nach einem Verbrechen eigentlich logisch ist – er hätte es aber besser sein lassen.

Der 54-Jährige geht zur Polizei, rapportiert den Übefall. Die geklauten Drogen lässt er in seinem Bericht aus. Es sei nichts gestohlen worden, belügt er die Beamten. Zu seinem Pech gelingt es der Polizei, die Diebe ausfindig zu machen. Diese gestehen ihren Drogendiebstahl und bringen damit den Ladenbesitzer auf den Radar der Polizei.

Die dreiste Tat

Die Beamten installieren vor dem Geschäft eine Kamera. Das Ziel: Nicht nur den Drogendealer dingfest machen, sondern auch dessen Lieferanten. Der Ladenbesitzer merkt davon nichts, sondern tut als Nächstes das, was die für den Fall zuständige Staatsanwältin Mélanie Wasem besonders rasend macht.

Er meldet sich bei der Solothurner Opferhilfe, weil er sich wegen dem Überfall nicht mehr in der Lage fühlt, sein Geschäft zu führen. Die Opferhilfe unterstützt ihn mit mehreren Tausend Franken. Das hält ihn aber nicht davon ab, weiter seinen Geschäften nachzugehen, wie die Aufnahmen der Polizei zeigen. Die Aufnahmen halten aber noch etwas anderes fest. Einen weiteren Überfall, der aber misslingt. Offenbar hat es sich rumgesprochen, das man hier Beute machen kann.

Nach mehreren Monaten der Observation greift die Polizei zu, durchsucht die zwei Liegenschaften des Beschuldigten. Dabei stellen sie 1,6 Kilogramm Marihuana und 380 Gramm Haschisch sicher. Zudem finden die Beamten 58'000 Franken, gut versteckt hinter Kunstblumen. Er vertraue keinen Banken, so die Erklärung des Ladenbesitzers. Die Barschaft wird von der Polizei beschlagnahmt, der Ladenbesitzer muss vier Monate in Untersuchungshaft.

In Klinik statt am Prozess

Sein Klient leide noch heute unter der Haft-Erfahrung, berichtet der Anwalt des Beschuldigten gestern Donnerstag vor den Richtern und versuchte damit, das Fernbleiben seines Klienten zu erklären. Dieser wies sich vor zwei Wochen wegen Suizidgefahr selber in eine psychiatrische Klinik ein. Am Vorabend vor dem Prozess sagte er seinem Anwalt aber noch zu, dass er erscheinen werde. Auch seine Ärztin riet ihm dazu.

Der Ladenbesitzer blieb dennoch fern, zum Prozess kam es trotz seines Fernbleibens. Die Richter gaben dem entsprechendem Gesuch seines Zürchers Verteidigers statt. Dieser betonte während der Verhandlung, dass die Staatsanwaltschaft den Fall bewusst aufbausche. «Die Anklageschrift kreiert einen grossen Fisch, dabei handelt es sich um eine Kaulquappe.»

Ob Fisch oder Kaulquappe für den Ladenbesitzer wartet das Gefängnis, falls er sich nicht an die nächsthöhere Instanz wendet. 8 Monate seiner 16 monatigen Freiheitsstrafe sind unbedingt. Und was ihn auch schmerzen wird: Die 58'000 Franken bekommt er nicht zurück. Bis zum rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.