Interview

Wie die Gletscher den Bergen fehlen werden: Ueli Kölliker macht sich Sorgen um den Zustand der Alpen

Ueli Kölliker ist leidenschaftlicher Bergsteiger – der Gletscherschwund beschäftigt ihn und den SAC sehr.

Ueli Kölliker ist leidenschaftlicher Bergsteiger – der Gletscherschwund beschäftigt ihn und den SAC sehr.

Der Präsident des SAC Weissenstein Ueli Kölliker im Interview über seine Leidenschaft für die Berge und den Gletscherschwund.

Leidenschaft, Heimat, Gletscherschwund: Das sind die Themen, die Ueli Kölliker bewegen. Kölliker ist Richter und Politiker. Ende November verlor er knapp die Wahl zum Gemeindepräsidenten von Oberdorf.

Gleichzeitig ist der 62-Jährige Bergführer und seit 48 Jahren Mitglied der SAC Sektion Weissenstein. Die letzten sechs Jahre war er Präsident des Vereins.

Sind Sie ein Romantiker, Herr Kölliker?

Ueli Kölliker: Ja. Die Natur in den Bergen bedeutet mir so viel, dass ich nur zu gerne Zeit darin verbringe. Im Alter wird man ohnehin etwas romantischer. Man trägt die Träume, die man früher leben durfte, schon etwas wehmütig in sich.

Woran denken Sie da?

Man träumte davon, in den Bergen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das war auch bei mir der Fall, ich bin ja Bergführer geworden. Man wird dann aber von der Realität eingeholt in diesem Beruf. Er bedeutet harte Arbeit. Man will den Gästen nur das Beste bieten. Da begeht man stets eine Gratwanderung zwischen zu viel wagen, weil die Erwartungen gross sind, oder zu wenig unternehmen, weil man die Sicherheit zu hoch einschätzt. Den richtigen Weg dazwischen zu finden, ist nicht einfach.

Woher kommt Ihre Faszination für die Berge?

Das wurde mir von den Eltern in die Wiege gelegt. Soweit ich mich erinnern kann, trage ich die Faszination für die vertikale Natur in mir. Das hat sich bis heute durchgezogen. Auch wenn ich nun tagein, tagaus Büroarbeit mache, bin ich am liebsten draussen. Ich erinnere mich gerne an Wanderungen mit meinen Eltern im Wald oder in den Bergen. Damals mussten wir noch mit Karte und Kompass den richtigen Weg suchen. Diese kleinen Abenteuer sind noch sehr lebendig in mir. Es ist etwas Wunderbares, dass wir in unserem Land in relativ kurzer Zeit so unterschiedliche Landschaften und Jahreszeiten erleben können.

An welche Momente erinnern Sie sich besonders?

Das waren immer die Momente, wo wir in die weite Ferne schauen konnten. Einmal wanderten wir über alle Juraketten in Richtung Norden. Es war damals für mich unverständlich, warum wir jeden Tag so viel marschieren mussten. Dennoch war ich fasziniert davon. Ich hüpfte jeweils freudig herum vor den Hütten und Felsen, wo ich als Kind hochklettern durfte. Das Familienerlebnis als Ganzes mit einem fernen Ziel am Ende einer mehrtägigen Tour – das hat mich bis zum Schluss getragen und trägt mich heute noch.

Schafft das auch eine Verbundenheit zur Schweiz?

Ich habe mir einmal vorgenommen, nicht ins weite Ausland zu gehen für den Sport. Ich habe die weiten Reisen nie gesucht und bei uns im Jura und in den Alpen die Natur gefunden, wie ich sie so nah wie schön erleben kann. Daher bin ich schon fest verwurzelt und heimatbezogen. Es tut wohl im Herzen, wenn man von einer Reise zurückkommt und die Silhouette des Jura sieht – man weiss dann wieder, wo man hingehört.

Wie sehr beschäftigt Sie der ­Gletscherschwund?

Er beschäftigt mich sehr stark und schmerzt mich im Innersten. Wenn man oft in den Bergen unterwegs ist, kann man hautnah erleben, wie sich die Gletscher stetig zurückziehen, ja schlicht wegschmelzen. Es ist unglaublich, wie viel weiter man im Vergleich zu meiner Jugend heute gehen muss, um tatsächlich an einen Gletscher zu gelangen.

Erzählen Sie.

Im Sommer war ich bei der Bordierhütte im Wallis. Dort ist es frappant, wie der Gletscher in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Es steht dort noch ein Gletschertor, das gar kein richtiges Gletschertor mehr ist, sondern eher ein Triumphbogen aus Eis überdeckt mit Geröll. Der Gletscher ist so weit zurück, dass man mehr Befestigungen am Felsen braucht, um überhaupt zur Hütte zu kommen. Wenn es so weitergeht, dann verschwinden bis zur Mitte dieses Jahrhunderts die kleineren und mittleren Gletscher ganz von der Bildfläche, und auch die grossen, wie der Aletschgletscher leiden enorm unter der Erwärmung. Bis Ende dieses Jahrhunderts wird es auch diese kaum mehr geben.

Was löst das in Ihnen aus?

Es tut sehr weh, das mitzuerleben. Was unter den Gletschern hervorkommt, ist nicht geeignet fürs Bergsteigen. Es ist auch nichts Schönes und nichts Solides. Der Gletscher stabilisiert beispielsweise die Seitenwände des Tals, durch welches er fliesst. Wir erleben das bei unserer Mutthornhütte im Berner Oberland. Sie steht auf einem Felsen vom Gletscher umgeben, angelehnt an das Mutthorn. Wenn sich der Gletscher dort zurückzieht, nimmt der Druck auf das Gestein ab und dieses bröckelt dadurch weg. Deshalb sind wir dort am Messen, ob und wie sich der Fels bewegt. Wir sind aber guter Dinge, dass die Hütte auf einem gesunden Felsen steht und noch lange dort bleiben wird. Alles drum herum ist eher gefährdet.

SAC Weissenstein

Die Mutthornhütte steht auf einem Felsen, vom Gletscher umgeben, angelehnt an das Mutthorn. (Archivbild)

SAC Weissenstein

Wie ist die Situation in den Bergen im Winter?

Diese hat sich insofern drastisch verändert, als dass sich die Schneegrenze stetig nach oben verschiebt. Skitouren im Nahbereich sind je länger je weniger möglich. Die Gletscher werden kaum mehr richtig eingeschneit. Das macht ihre Begehung wegen der Spaltengefahr anspruchsvoller und beschleunigt den Rückgang der Gletscher.

Was ist Ihre grösste Angst: Die Gefahren oder das schwindende Erbe für die nächsten Generationen?

In meinem reifen Alter ist es kein Problem für mich, damit umzugehen. Es ist klar, dass man nicht mehr dieselben Touren unternehmen kann, wie früher. Aber es tut einem schon weh, wenn sich eine schöne Flanke ohne Firn und nur noch schwarz präsentiert. Nicht nur der Anblick dieser Berge, auch deren Begehung macht keine wahre Freude mehr. Vor allem, wenn man noch in Erinnerung hat, dass die Alpen einst Schneeberge mit vielen glitzernden Bergspitzen waren.

Können Sie sich Bergsport ohne Eis überhaupt noch vorstellen?

Selbstverständlich kann man auch ohne Eis Berge besteigen. Das Eis und der Firn aber geben den Bergen nicht nur ein schönes Antlitz, sondern auch eine weitere, eindrückliche Dimension, die den Reiz des Bergsteigens ausmacht. Es ist auch immer wieder schön, auf Skitouren im späten Frühling alle Jahreszeiten an einem Tag erleben zu können. Wenn das nicht mehr möglich ist, wie in der letzten Zeit im Jura und Teilen der Voralpen, ist das, wie wenn der Winter als Jahreszeit herausbricht. Für einen Generalisten am Berg ist diese Vorstellung fast nicht auszuhalten. Und nur noch in Romantik schwelgen und von der Erinnerung leben geht ja auch nicht.

Die nächste Generation wird also etwas verpassen.

Sie wird nie erfahren, wie es ist, eine klassische Hochtour zu begehen und beispielsweise die Blüemlisalp mit Pickel und Steigeisen zu überschreiten. Das wird sie nur noch in Büchern lesen oder in Filmen sehen können. Die Erlebnisse langer Hochtouren werden immer schwieriger realisierbar.

Der Zentralverband der SAC unterstützt die Gletscherinitiative, welche die CO2-Emissionen bis 2050 auf Null bringen will. Unterstützen auch Sie und die Sektion Weissenstein die Klimaziele?

Ja. Es braucht jetzt wirklich entsprechend extreme Massnahmen und Ziele, um das Schlimmste zu verhindern. Wir in unserer Sektion haben uns schlussendlich dazu durchgerungen, diesem Ruf zum Schutz unser geliebten Gletscher zu folgen und die Entscheidung gefällt, die Ziele der Gletscherinitiative zu unseren zu erklären.

Durchgerungen?

Es war selbstverständlich nicht so einfach bei 1800 Mitgliedern einen Konsens zu finden. Wir haben lange an unseren Versammlungen diskutiert und dann aber grossmehrheitlich beschlossen, die Gletscherinitiative zu unterstützen.

Welche Diskussionen wurden geführt?

Es gab Stimmen gegen die Unterstützung der Gletscherinitiative, weil wir in den Statuten politische Neutralität verankert haben. Für Anliegen, die uns direkt betreffen, dürfen wir uns aber selbstverständlich auch politisch engagieren. Andere Stimmen zweifelten am Ziel. Es sei unrealistisch. Insbesondere auch in Bezug auf das Reisen mit ÖV: Bis anhin war es dem Tourenleiter völlig frei, wie er seine Tour und insbesondere An- und Rückreise organisieren will. Mittlerweile wird als erstrebenswert erachtet, dazu den ÖV zu nutzen. Der zustimmende Entscheid hat damit im weitesten Sinne auch unsere Vereinskultur verändert.

Es sind ja nicht nur die Touren und die Anfahrtswege, die CO2 verursachen. Auch die aufwendig produzierten Kleider und die Ausrüstung hinterlassen einen ökologischen Fussabdruck. Ist das kein Widerspruch zum Alpinismus?

Wir können uns für die Natur einsetzen, weil wir sie kennen. Um sie richtig zu kennen, besuchen wir sie regelmässig. Damit wir sie überhaupt besuchen können, brauchen wir Unterkünfte, Verpflegung und Ausrüstung. Dabei sind wir Konsumenten, die Produkte einkaufen, um unserer Leidenschaft zu frönen. Nichts machen, wäre rein ökologisch tatsächlich viel besser, ist aber keine Alternative. Es ist darum wichtig, die Mitglieder zu sensibilisieren, nachhaltig einzukaufen und weg von kurzen Ausflügen zu kommen. Sie bedeuten lange An- und Rückreisen nur für ein schnelles Erlebnis. Gemächliche lange Touren über mehrere Tage machen den Unterschied. Es ist ein langsames, andächtiges Begehen der Berge, um deren Wesen zu verinnerlichen, was uns immer wieder hilft, die nötige Motivation zur Bewältigung des hektischen Alltags zu schöpfen.

Es ist in dieser Hinsicht aber schon eine egoistische Sportart.

Man muss weit suchen, um eine Sportart zu finden, die nicht egoistisch ist. Beim Bergsteigen ist dies tatsächlich so, vor allem wenn wir an Solo-Begehungen denken. Im Alpenclub aber sind wir in Gruppen unterwegs. Kameradschaft ist uns sehr wichtig. Bei uns herrscht Teamspirit oder, wie wir ihn nennen, der einzigartige «Weissensteinergeist».

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