Erster Weltkrieg
Wie die Bevölkerung mit knappen Lebensmittel-Rationen leben musste

Wie war das eigentlich, damals vor 100 Jahren im Kanton Solothurn, in den Städten und Dörfern der Region? Weltpolitik wurde nicht betrieben, aber die vierjährige Kriegszeit brachte der Bevölkerung Not und radikalisierte die Schichten.

Fränzi Rütti-Saner
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Schulkinder holen in Olten mit Körben und Leiterwagen verbilligte Kartoffeln beim Byfangschulhaus ab.

Schulkinder holen in Olten mit Körben und Leiterwagen verbilligte Kartoffeln beim Byfangschulhaus ab.

Hans Enz, ehemaliger Solothurner Kantonsschul-Professor, Schriftsteller und während des ersten Weltkrieges zum Oberstleutnant befördert, beschreibt in persönlichen Erinnerungen die Stimmung kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges aus seiner Studentenzeit: «Im Sommer 1913 sprachen wir in Berlin unter uns oft über den grossen Zudrang der Studierenden und über die Überfüllung der Berufe im Allgemeinen. Und da konnte ich das in ahnungsloser Leichtfertigkeit ausgerufene Wort hören: «Es muss einfach einen Krieg geben, dann bessert’s». Ein Jahr später fielen die mörderischen Schüsse von Sarajewo.

Am 1. August 1914 beschloss der Bundesrat die «Allgemeine Mobilisation der Schweizer Armee». Damit setzte ein wahrer Ansturm auf die Geschäfte ein. Mit Körben und Handwagen beförderte man an Lebensmittel nach Hause, was möglich war. Das Geld wurde von den Banken abgehoben und auf der Post tauschte man Geldnoten in Gold- und Silbermünzen um. Die Folge davon war, dass die Preise unaufhaltsam zu steigen begannen.

Soldatenfamilien besonders arm dran

Je länger der Krieg dauerte, umso schlechter stand es um die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung. Es gab keine geregelten Erwerbsausfallzahlungen für die eingerückten Soldaten, diese gab es nur während 14 Tagen Dienst. So waren manche Soldatenfamilien besonders arm dran. Die Verarmung der Bevölkerung stieg und viele Leute waren darauf angewiesen, eine warme Mahlzeit in den Soldatenküchen abzuholen.

So wanderten beispielsweise in Olten ganze Truppen von Kindern nach dem Mittagessen mit dem Milchkesseli den Soldatenküchen beim Byfangschulhaus zu, um von der übrig gebliebenen Soldatensuppe zu holen. Oft gingen auch Frauen mit. Eine Augenzeugin berichtet von einer armen Frau, deren Mann ein Trinker war und die sich beklagte: «Diese Soldaten meinen, wir Armen seien Säue. Sehr oft ist die Suppe mit Zeitungsfetzen oder Zwetschgensteinen verunreinigt.»

Garnisonstadt Olten

Der Hauenstein wurde befestigt (Fortifikation Hauenstein) und damit wurde Olten zur Garnisonstadt. In den vier Kriegsjahren logierten insgesamt 70 000 Soldaten und Unteroffiziere, 3 000 Offiziere und 10 000 Pferde in der Dreitannen-Stadt. Dafür wurden 215 Magazine und 504 Büros zur Verfügung gestellt. In den Schulen wurde nur noch ein Minimalunterricht abgehalten und von offizieller Seite her wurde sehr begrüsst, dass die Stellvertreterinnen ihrem Schul-Dienst ohne Honorar nachkamen. Die Preise stiegen weiter und die Löhne wurden gedrückt. Manche Firma musste konnte keine Rohstoffe aus dem Ausland mehr beziehen und schliessen, andere mussten in Ermangelung von Bargeld ihre Belegschaft mit Gutscheinen bezahlen. Doch es gab auch Gewinner des Kriegsgeschehen: Maschinenfabriken, die Von Roll und die Berna in Olten profitierten dank Aufträgen der Armee und schufen neue Stellen.

Die Lebensmittelrationen, die ab Herbst 1917 angeordnet wurden, waren für die Zivilbevölkerung äusserst knapp bemessen. Das Brot wurde immer ungeniessbarer und man munkelte, es werde Sägemehl ins Weizenmehl und so in den Teig hinein gestreut. Die Brot-Tagesration pro Kopf und Tag betrug zunächst 250 g, ging dann auf 225 g zurück und war bis Kriegsende auf 130 g. Kartoffeln waren Mangelware, so dass man jeden Quadratmeter zum Anbau der Knolle oder von Gemüse nutzte. Zehn Kilo Kartoffeln kosteten 1914 noch Fr. 8.40. Ende 1917 bezahlte man Fr. 18.80 für die gleiche Menge. Der Preis für ein Ei stieg in diesen drei Jahren von 9 Rappen auf 30 Rappen.

Diebstahl nahm zu

In der Not wurde auch viel gestohlen: Das Velo vor der Haustüre, Birnen vom Baum oder die Kaninchen im Stall. Die Leute verlangten, dass alle Ausländer mit Sack und Pack das Land verlassen sollten, da man sie nicht mitfüttern wolle und sie nicht von der schweizerischen Wohltätigkeit profitieren sollten.

Die Gemeinde Mümliswil-Ramiswil war wegen ihrer Grösse, aber auch wegen ihrer Lage am Fuss des Passwang immer mit militärischen Einquartierungen beschäftigt. Aus dem Dorf selbst mussten innert kurzer Zeit zu Beginn des Krieges 250 Männer in den Militärdienst einrücken. Wie in andern Dörfern auch, ein harter Schlag für die zurückbleibende Bevölkerung, der nun Arbeiter, Bauern, Ernährer fehlten. Es musste sofort eine Hilfsfeuerwehr eine Bürgerwehr und eine Feuerwache eingerichtet werden. Diese bewaffnete Bürgerwehr hatte vor allem die Aufgabe, Eigentum und die Feldfrüchte zu sichern, denn auch auf dem Land gab es viele Diebstähle. Die Bürgerwehr stellte auch die Einhaltung der Ausgangssperre nach 22 Uhr im Dorf sicher. Ruhestörung und Diebstahl wurden drakonisch bestraft.

Grosses Unglück

Schnell verarmten die Leute auch in den Dörfern. Bereits im September 1914 mussten 22 Mümliswiler Familien notunterstützt werden. 1914 war für das Guldentaler Dorf generell ein Schreckensjahr. Im Juli 1914, einen Monat vor Kriegsausbruch, verwüstete ein grosses Hochwasser einige Häuser. Die Schäden waren nach dem Kriegsausbruch noch lange nicht behoben – im Gegenteil. Bedingt durch den Kriegsbeginn flossen nun die Spendengelder von Kanton und anderen sozialen Einrichtungen nicht mehr ins Dorf. Und das Unglück riss für Mümliswil nicht ab. Ein gutes Jahr nach dem Kriegsausbruch, im September 1915, erschütterte die Explosionskatastrophe der Kammfabrik die Gemeinde ein weiteres Mal. 32 Menschen, darunter knapp die Hälfte Frauen, starben.

1916 mussten in der Gemeinde insgesamt 320 Personen in 56 Familien finanziell unterstützt werden. Um diesen Menschen zu helfen, nahm die Gemeinde ein Bankdarlehen auf. Ende Oktober 1918 zählte man auch in der Stadt Solothurn 73 obdachlose Familien, schlimm war die Wohnungsnot auch im Wasseramt, vor allem in Biberist.

Gegen Ende des Krieges, im Oktober und November 1918 herrschte im Land eine aufgeheizte, fast bürgerkriegsähnliche Stimmung. Es wurden Streiks durchgeführt und Truppen zur Sicherung der Ordnung einberufen. Grund dafür waren auch die vielen Opfer der Spanischen Grippe, die besonders auch unter den Soldaten grassierte. Im ganzen Kanton Solothurn starben 600 Menschen an der Spanischen Grippe. Die bürgerlichen Kreise wetterten gegen die «Bolschewiken-Seuche», die sozialistischen Akteure kannten nur noch ein Mittel: Landesstreik.

Quellen: Olten 1798-1991 ; «Das Guldental»; «120 Jahre Arbeiterbewegung Kt.SO».

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