Georg Aemissegger

Wie der Wahl-Solothurner zum Präsident der kantonalen GLP wurde

«Solothurn ist schaurig schön». Der Zürcher Georg Aemissegger ist in der Region sesshaft geworden – und hat hier zur Politik gefunden.

«Solothurn ist schaurig schön». Der Zürcher Georg Aemissegger ist in der Region sesshaft geworden – und hat hier zur Politik gefunden.

Georg Aemissegger ist 61, wohnt in Günsberg und präsidiert die Grünliberalen Kanton Solothurn. Er wurde erst spät zum Politiker berufen.

Er hat in seinem Leben bereits eine ganze Reihe von Projekten durchgezogen. Der studierte Mathematiker («theoretische Mathematik», wie er betont) entwickelte etwa im Auftrag diverser Fluglinien komplexe Optimierungs- und Preissysteme. Seine Leidenschaft für Psychologie lebte er als Coach für psychologische Veränderungsprozesse aus.

Immer wieder zog es ihn dabei weit weg von Zürich, das bis vor wenigen Jahren seinen Lebensmittelpunkt bildete. In andere europäische Länder, den nahen und fernen Osten, die USA oder nach Australien, für einige Wochen, einige Monate oder auch Jahre, geschäftlich wie privat.

Das Projekt Politik aber ist neu. «Wissenschaft war immer das Zentrum meines Lebens, ein politisches Amt zu übernehmen, hat mich wenig gereizt», gibt Georg Aemissegger offen zu. Was aber nicht etwa bedeute, dass er sich nicht mit der Politik auseinandergesetzt habe. Seit Ende Februar ist der 61-jährige jetzt Präsident der GLP Kanton Solothurn. «Ich will die Politik ein Stück weit in die Richtung lenken, die es braucht, damit auch für künftige Generationen ein Leben möglich ist.»

Solothurn ändert alles

Seit seiner Studienzeit hoffte er auf die Gründung einer Partei wie die heutigen Grünliberalen. Als diese dann 2004 im Kanton Zürich aus der Taufe gehoben wurde, fühlte er sich sofort angesprochen. Es dauerte aber noch ein paar Jahre bis er selbst Mitglied der jungen Partei geworden ist, die auf nationaler Ebene seit 2007 besteht. Mitgespielt haben Entwicklungen in seinem Privatleben, die ihn vor vier Jahren in den Kanton Solothurn führten.

Solothurn wurde Ausgangspunkt eines neuen Lebensabschnitts. Für ihn und seine Partnerin Anke Trittin, die er hier geheiratet hat. Sie hatte zuvor im Luzernischen gewohnt, arbeitete aber im Raum Solothurn. Die Stadt hat es beiden angetan. «Solothurn ist schaurig schön und hat eine solche freakige Atmosphäre», stellt Aemissegger lachend fest. Freakig? Damit spielt er vor allem auf die bunt-vitale Gasto- und Ladenszene an. «Solothurn erinnert mich irgendwie an meine Heimatstadt Winterthur.»

In der Region ist er sesshaft geworden. In Günsberg haben die beiden ein Haus gekauft – vor einem Jahr kam dann eine Photovoltaikanlage aufs Dach, die mittlerweile mehr Strom produziert als der gemeinsame Haushalt brauchen kann. Anke Trittin und Georg Aemissegger fühlen sich «grünen» Anliegen verpflichtet. Anke Trittin, die Schwester von Jürgen Trittin, Abgeordneter der Grünen im deutschen Bundestag, setzte sich dabei zuerst als Vorstandsmitglied der GLP Kanton Solothurn ein.

Er zog wenig später nach. Und während sie sich hauptsächlich in ihrem Beruf engagiert, verwendet er einen guten Teil seiner Zeit für sein neues Amt als Kantonalpartei-Präsident der Grünliberalen. «Ich war in meinem Freundeskreis immer bekannt als jemand, der weiss, was man eigentlich machen müsste.» Jetzt ist es an der Zeit, den Tatbeweis anzutreten.

Seine anderen Projekte rücken derweil etwas in den Hintergrund. «Man muss loslassen können, um sich wieder auf neue spannende Aufgaben einlassen zu können.» Ein Motto, das ihn bereits sein Leben lang begleitet. «Zufriedenheit im Leben bedingt, dass man loslassen kann», zitiert Aemissegger eine buddhistische Weisheit. Kennen gelernt hat er den Buddhismus auf seiner mehrjährigen «Kulturstudienreise» durch Asien.

Zu seinem Erkenntnis-Schatz gehört seither auch die Überzeugung, dass ein Leben dann gelingt, wenn man seine Aufmerksamkeit ganz in eine Richtung lenkt, ohne aber ein Resultat erzwingen zu wollen. Mit dieser Einstellung widmet er sich seinem neuen Amt.

Klare Standpunkte

Georg Aemissegger ist klimapolitisch beschlagen. Neben Mathematik und Physik hat er seinerzeit an der Uni Zürich Geographie und Klimatologie studiert. Und er hat klare Standpunkte. «So wie wir heute mit unseren natürlichen Ressourcen umgehen, wird die Erde zerstört, das ist eine Tatsache.»

Diese Einsicht sei nicht neu, sondern «bereits seit Jahrzehnten bekannt». Umso verhängnisvoller sei es, dass viele diese Bedrohung nicht genügend ernst nehmen. «Man freut sich über die warmen und schönen Tage und realisiert nicht, dass das Klima plötzlich ausflippen kann.» Ein denkbares Szenario als Folge der schleichenden Veränderung der Gaszusammensetzung der Atmosphäre bestehe etwa darin, dass der Golfstrom plötzlich stoppt – mit verheerenden Auswirkungen für das Weltklima.

«Klimapolitisch zeigt die Uhr bereits drei nach zwölf Uhr an», meint Aemissegger – und mahnt zu raschem Handeln. Dazu braucht es eine «monetäre Lenkung». Konkret: Die Preise für fossile Brennstoffe müssen steigen, erneuerbare Energien indes sind auf staatliche Subventionen angewiesen, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Damit lassen sich Investitionen in die Umwelttechnologie ankurbeln. «Ein Bereich, wo man auf Jahre hinaus viel Geld verdienen kann.» Dem grünliberalen Credo getreu setzt sich Aemisegger zudem für ein wirtschaftspolitisches Umfeld ein, das der unternehmerischen Freiheit möglichst wenige Grenzen setzt.

«Selbstverantwortung» lautet sein Stichwort, das auf eine Reihe von Politikbereichen anzuwenden ist. «Die Menschen sind zufriedener, wenn sie selbst am Steuer sitzen, als wenn sie sich durchs Leben chauffieren lassen müssen.» Eine Beobachtung, die er gerade auch in seinen psychologischen Beratungen immer wieder gemacht habe.

Mit Fakten überzeugen

Georg Aemissegger, ein Naturwissenschaftler, der in der Welt herum gekommen ist, über eine breite Bildung verfügt – aber kein politisches Netzwerk hat, weder in Solothurn noch anderswo. Kann das Projekt «Präsident der GLP Kanton Solothurn» unter diesen Voraussetzungen erfolgreich sein? «Ich habe sehr gute Leute um mich herum, die in der kantonalen und kommunalen Politik gut verankert sind.»

Seine Aufgabe sieht der 61-jährige vor allem darin, neue und aktive Mitglieder für die GLP zu gewinnen und die Kräfte in der Partei optimal zu organisieren. So wie manch andere Kantonalsektion einer kleinen Partei, kämpft auch die Solothurner GLP mit einem Mitgliederschwund «Wir brauchen unbedingt mehr engagierte Männer und Frauen, die am Karren ziehen.» Wie das genau funktionieren soll, dafür hat Georg Aemissegger kein Patentrezept. Er will vor allem mit Fakten überzeugen, mit Texten auf der Website der GLP, welche die Notwendigkeit rascher klimapolitischer Massnahmen aufzeigen. Sein Ziel ist es, damit vor allem auch junge Menschen anzusprechen.

Trotz allem Engagement kann ein Projekt auch scheitern. Das weiss Aemissegger aus seiner langjährigen Erfahrung. «Neben den eigenen Bemühungen spielt für den Erfolg immer auch das gesamte Umfeld eine wichtige Rolle.» Sich dessen bewusst zu werden ist befreiend. Für ihn gilt deshalb: «Der Weg ist das Ziel», auch bei der politischen Arbeit.

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