Obergericht

Wie der Stromverbrauch einen 53-jährigen Hanfbauer überführt hat

Ein 53-jähriger Italiener soll in Olten zwei Jahre lang Hanf angepflanzt haben. Wegen seiner schweren Krankheit wurde seine Strafe vom Obergericht aber etwas heruntergesetzt.

Die letzten Worte vor der Urteilseröffnung waren vorwurfsvoll. «Dieses Diagramm kann jeder selber am Computer basteln», appellierte der Beschuldigte an die Richter und kritisierte damit die Ermittlungsbehörden. Der in Anklageschrift festgehaltene Vorwurf: Paolo D. (Name geändert) soll innerhalb von zwei Jahren beinahe eine Million Franken mit dem Verkauf von Marihuana verdient haben. Blödsinn, meinte der Beschuldigte und sprach immer von rund 6000 Franken.

Fakt ist: Am 5. November 2013 entdeckte die Polizei an der Oltner Haslistrasse zwei Hanfindooranlagen. Der Mieter beider Räume: Paolo. Die Staatsanwaltschaft geht aber davon aus, dass der Beschuldigte in zwei Jahren sieben mal erfolgreich Hanfpflanzen erntete, trocknete und anschliessend das Marihuana verkaufte. Wie sie auf diese Anzahl kommen? Wegen dem Stromlastmesser, der in einem der beiden Räume den Stromverbrauch im Viertelstundentakt mass. Anhand dieser Daten erstellten die Ermittlungsbehörden das bereits erwähnte Diagramm. Denn je nachdem in welcher Wachstumsphasen Hanfpflanzen sich befinden, brauchen sie unterschiedlich viel Licht.

Die Staatsanwaltschaft rechnet

Basierend darauf griffen die Ermittlungsbehörden zum Taschenrechner. Die Rechnung in der Anklageschrift liest sich wie in einem Milchbüchlein:

  • Eine Hanfpflanze = 20 Gramm Marihuana
  • 1335 Pflanzen hatten im Raum Platz = 26,7 Kilogramm pro Ernte
  • 7 Ernten  = 186,9 Kilogramm
  • Pro Kilogramm erhält man 6000 Franken = 1'121'400 Franken

Abzüglich der Investitionen geht die Staatsanwaltschaft von einem Gewinn von «rund 949’960 Franken» aus.

«Der Beschuldigte hat enorme Gewinne eingefahren und eine Menge Marihuana auf den Markt gebracht», sagte Staatsanwältin Ursina Stocker, die Paolo D. in erster Linie egoistische und finanzielle Beweggründe zuschrieb. Auch steht für die Staatsanwaltschaft fest, dass der Italiener der Haupttäter ist. «Auch wenn klar ist, dass er Hilfe brauchte», sagte die Staatsanwältin. «Beispielsweise als er einige Tage im Spital verbrachte», und darauf angewiesen gewesen sei, das sich andere Personen um die Pflanzen kümmern.

Angeschlagene Gesundheit

Während der Untersuchung sei die Polizei noch davon ausgegangen, dass ihr Mandant nicht die treibende Kraft gewesen sei, sagte die Strafverteidigerin in ihrem Plädoyer, «sondern nur die Person, die am Ende den Kopf hinhalten muss.» Zudem hätte die Staatsanwaltschaft den Gesundheitszustand ihres Mandanten viel zu lange ausser Acht gelassen.

Paolo D. leidet an einer schweren Diabetes, die ihn gesundheitlich stark beeinträchtigt. Er musste einen seiner Vorderfüsse amputieren und trägt eine Knieprothese. «Wären Sie als gesunder Mann anders vorgegangen?», fragte ihn das Gericht. «Auf jeden Fall», antwortete der Beschuldigte, der von der Sozialhilfe lebt. Sein Antrag bei der Invalidenversicherung ist hängig. Der 53-Jährige machte geltend, dass eine Haftstrafe für ihn nur schwierig zu bewältigen wäre. Vor allem, weil es bei ihm wegen seiner Krankheit schnell zu einer Infektion kommt. «Ich muss täglich meine Dusche desinfizieren», nannte er ein Beispiel.

Freiheitsstrafe von 22 Monaten

Das Gericht rechnete in seinem Urteil seine angeschlagene Gesundheit als strafmildernd ein und korrigierte das Urteil des Amtsgerichts Olten-Gösgen nach unten. Während in erster Instanz der Italiener wegen dem Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz noch zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monate verurteilt worden war, 12 davon unbedingt, sprach das Obergericht gegen Paolo D. eine 22-monatige Freiheitsstrafe aus, die bedingt vollzogen werden kann. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Gerichtspräsident Hans-Peter Marti begründete die tiefere Strafe damit, dass der Betrag nach unten korrigiert wurde. Das Gericht geht noch von einem Umsatz von 500'000 Franken aus. Marti: «Es geht auch gar nicht darum, den exakten Betrag festzulegen.»

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